Jürgen Trittin über Atomkraft

"Zu teuer, zu langsam und zu gefährlich"

08:15 Minuten
Franzöisches Atomkraftwerk in rötlichem Abendhimmel.
Strom aus Atomkraftwerken - das ist vier mal so teuer wie Strom aus erneuerbaren Energien, rechnet Jürgen Trittin vor. © Getty Images / Romilly Lockyer
Jürgen Trittin im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 20.12.2021
Audio herunterladen
Auf dem Weg zur Klimaneutralität setzt vor allem Frankreich auf Atomkraft. Im Januar könnte die EU-Kommission sie als nachhaltig einstufen. Das wäre nicht nur gefährlich, sagt der Grünen-Politiker Jürgen Trittin. Er warnt auch vor hohen Preisen.
Deutschland schreitet voran beim Ausstieg aus der Atomenergie: Zum Ende des Jahres werden die Kernkraftwerke Brokdorf und Grohnde abgeschaltet.
Das Nachbarland Frankreich geht den umgekehrten Weg. Schon heute bezieht es rund 70 Prozent seiner Energie aus Atomkraft. Präsident Macron will sie künftig mit vielen Mini-Kernkraftwerken noch ausbauen. Bis 2030 sollen insgesamt 30 Milliarden Euro für den grünen Umbau des Landes fließen.

Atomkraft so "grün" wie Wind und Sonne?

Frankreich drängt daher darauf, dass Kernkraft von der EU-Kommission als "nachhaltig" eingestuft wird, so wie Wind und Sonne. Im Januar will Brüssel entscheiden.
Hintergrund ist der Green Deal, der bis Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität der EU verspricht. Dass das ohne Atomkraft gelinge, hat EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton zuletzt als "Lüge" bezeichnet.

Material könnte für "unfriedliche Zwecke" abgezweigt werden

Der frühere Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Bündnis90/Grüne) widerspricht – und warnt vor der Gefahr vieler kleiner Atomkraftwerke: Damit werde das Risiko vervielfältigt, dass Materialien abgezweigt werden, um sie für "unfriedliche Zwecke" zu verwenden. Kernenergie sei "von Anfang an" mit militärischer Nutzung verbunden gewesen.
Jürgen Trittin im Porträt
Jürgen Trittin, früherer Bundesumweltminister von Bündnis 90/Die Grünen. © imago / Metodi Popow

Einer der Gründe, warum Großbritannien und Frankreich daran festhalten, ist der Besitz von Atomwaffen und der notwendigen Technologie zur Anreicherung an dieser Stelle. Das ist ein Grund, weswegen ich keinen Gewinn, sondern einen Verlust an Sicherheit sehen würde, würden wir viele kleine, sehr teure Atomkraftwerke haben.

Jürgen Trittin, Grünen-Politiker

Aus Sicht des Grünen-Politikers sprechen auch die vergleichsweise hohen Kosten in Höhe von rund 20 Cent pro Kilowattstunde gegen Kernenergie. Das sei vier Mal so teuer wie aus erneuerbaren Energien. Er verweist zudem auf die bis zu 25 Jahre dauernde Bauzeit neuer Atomanlagen.

Wenn wir 2045 klimaneutral sein wollen, dann wird uns Atomkraft keinen einzigen Meter weiterhelfen. Sie ist zu teuer und zu langsam und zu gefährlich.

Jürgen Trittin, Bündnis 90/Grüne

Sollte die EU-Kommission der Atomenergie im Januar tatsächlich den Stempel "nachhaltig" verpassen, sei das falsch, so der frühere Minister. Er sei dennoch "relativ gelassen", wie er sagt: "Es geht im Wesentlichen darum, dass den Franzosen ermöglicht werden soll, ihre defizitären Atomkraftwerksbetreiber nun auch legal zu subventionieren."
(bth)
Mehr zum Thema