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Tonart | Beitrag vom 16.12.2019

Keno Harriehausen QuartetDas Jazz-Debüt des Jahres

Von Matthias Wegner

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Schwarz-weiß-Foto vom Keno Harriehausen Quartet im Konzert (Kristina Kvammen)
Das Keno Harriehausen Quartet im Konzert (Kristina Kvammen)

Prägnant und expressiv lotet der Pianist Keno Harriehausen auf seinen Debüt-Album aus, was möglich ist. Keine Kompromisse, so lautet sein Credo. Damit sei dem Quartett ein kleines Meisterwerk gelungen, findet Jazz-Redakteur Matthias Wegner.

Der Pianist Keno Harriehausen wurde 1988 in Hamburg geboren, hat in seinem bisherigen Erwachsenenleben unter anderem in Norwegen, Holland und in Dänemark studiert und gearbeitet – und wurde hierzulande bislang nur wenig wahrgenommen. Nach seinem Umzug nach Leipzig vor einem Jahr hat Harriehausen in diesem Jahr mit seinem Quartett das erste Album veröffentlicht.

Faszination für das Schöne

Ein wichtiges, unüberhörbares Merkmal: Die Schönheit. Angelegt häufig in melancholischen, teilweise sogar recht düsteren Farben und nicht selten gebrochen. Zu schön soll es nicht sein. Für Harriehausen ist das allerdings keine Masche:  

"Schönheit ist eben auch so ein spezieller Begriff. Ich glaube, die Faszination ist für mich das wichtigere. Wenn ich das Gefühl habe, irgendetwas packt mich, dann kann das Schönheit sein, aber manchmal packt einen ja auch Hässlichkeit. Manchmal packt einen die Kante, das Schräge, das Laute. Das hat für mich mehr damit zu tun, wie nehme ich das wahr, was ich gerade mache und hat das Bedeutung? Das ist für mich das, was dann zählt."

Riskante Verbindung von Jazz und Klassik 

Keno Harriehausen hat sein Quartett noch während seiner Zeit in Holland gegründet. Damals noch in der klassischen Besetzung Saxofon, Klavier, Bass und Schlagzeug. Doch schon bald wurde der amerikanische Schlagzeuger von der norwegischen Cellistin Oda Mathilde ersetzt.

Wie sich der Sound dadurch verändert hat, erklärt Harriehausen so: "Am Cello gefällt mir der sonore Klang, auch das Register. Dass es relativ tief ist. Dadurch wird der Klang natürlich sehr viel dunkler, als wenn man das mit Geige gemacht hätte oder auch mit einem anderen Bläser. Und gerade zusammen mit dem Tenorsaxofon und dem Cello ist der Sound einfach sehr dunkel und düster und ich finde, das passt einfach sehr gut zu der Musik."

Jazz und Klassik

Durch das Cello bekommt die Musik von Keno Harriehausen und seinem Quartett auch eine nicht zu leugnende kammermusikalische Ästhetik. Wie war das noch mit der Verbindung von Jazz und Klassik? Fast alle Experimente in der jüngeren Musikgeschichte gingen schief.

Das weiß auch Keno Harriehausen: "Es wird halt schnell zu einem Kompromiss, wo nicht unbedingt die Qualitäten zusammen kommen. Und ich habe das Cello von Anfang an wie jedes andere Jazzinstrument gesehen, das heißt, ich habe alle Freiheiten gelassen, das zu spielen. Und dadurch treffen wir uns erstmal mit der ganzen Band auf Augenhöhe. Und ich glaube, das ist was, was häufig schwierig zu machen ist. Denn wenn man das kombiniert, nimmt man immer diese klassische Perspektive mit rein. Man notiert sehr viel mehr aus, als man es für eine Jazzbesetzung machen würde und ich glaube, wir haben jetzt einfach ein sehr reduziertes Arrangement für die Stücke. Also ich versuche keinen Ton da drin zu haben, der nur da ist, weil wir ein Cello dabei haben. Es muss musikalisch Sinn machen."

Ein Meisterwerk beim Debüt

"Dieses Loslassen, das ist für mich das Entscheidende", bringt Harriehausen seinen Zugang zur Musik auf den Punkt: "Dass man an den Punkt kommt, dass man nicht mehr irgendwelche Ideen oder Konstruktionen, die man für sich hat, was die Super-Musik jetzt wäre, sondern einfach nur im Moment ist und das wahrnimmt, was ist. Und die Bedeutung, dass es was trägt."

Und so viel sei schon jetzt vorweggenommen: Diese Musik trägt. Sie verströmt einen großen Sog und einen großen Zauber. Seine Band weiß mit der kontrollierten Freiheit, die der Bandleader vorgibt, äußerst sensibel und geschickt umzugehen.

Schon mit dem Debütalbum ist diesem Quartett ein kleines Meisterwerk gelungen.

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