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Vollbild | Beitrag vom 17.09.2016

Keine BuchstabentreueWie das Drehbuch zu "Tschick" entstand

Regisseur Fatih Akin und Drehbauchautor Lars Hubrich bei der Premiere des Kinofilms Tschick in Hamburg (imago / Future Image)
Regisseur Fatih Akin und Drehbauchautor Lars Hubrich bei der Premiere des Kinofilms Tschick in Hamburg (imago / Future Image)

Der verstorbene Bestseller-Autor Wolfgang Herrndorf hat sich gewünscht, dass sein Freund Lars Hubrich das Drehbuch zu seinem Roman "Tschick" schreibt. Eine schwierige Aufgabe - bei einem so berühmten Roman: "Das muss man ausblenden, sonst lähmt man sich", sagt Hubrich.

Patrick Wellinski: Willkommen, Herr Hubrich!

Lars Hubrich: Danke!

Wellinski: Herr Hubrich, wenn wir uns noch mal auf den Text stürzen – ich sage jetzt Text oder besser wäre sogar Stoff –, was macht für Sie diese Universalität dieses Stoffes aus, dass "Tschick" sowohl in Romanform als auch auf der Theaterbühne und jetzt eben auch auf der großen Leinwand funktioniert?

Hubrich: Ich glaube, dass Wolfgang Herrndorf einen Punkt anspricht, mit dem sich jeder identifizieren kann. Ich glaube, mit 14 ist man ein bisschen verloren und denkt, man ist ein Außenseiter, ob man jetzt einer ist oder nicht, ist eigentlich fast egal. Man fühlt sich immer so ein bisschen ausgeschlossen und unverstanden, und in dem Maik Klingenberg finden sich einfach wahnsinnig viel Leute wieder, weil die Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, sind Gedanken, die man mit 14 sicher oft hatte.

"Ich glaube, Wolfgang Herrndorf hätte sich da rausgehalten"

Wellinski: Wie sind Sie denn jetzt eigentlich zu dem Job gekommen, das Drehbuch zu schreiben?

Hubrich: Wolfgang Herrndorf war ein Freund von mir, und der hatte sich gewünscht, dass ich das Drehbuch schreibe.

Wellinski: Jetzt gibt es Schriftsteller, die relativ häufig verfilmt werden. Dann gibt es so zwei Kategorien: die einen, das sind die, die sagen, oh Gott, ich will das Drehbuch gar nicht schreiben, ich will auch gar nicht mit einbezogen werden. Wie schätzen Sie das eigentlich ein, zu welcher Kategorie gehörte Wolfgang Herrndorf? Hätte er denn gerne auch das Drehbuch selber mitgestaltet?

Hubrich: Ich glaube, er hätte sich da ziemlich rausgehalten. Er hat den Roman fertiggehabt, und er hatte ja auch schon andere Projekte, an denen er gearbeitet hat, und wollte sich auch gar nicht so sehr damit auseinandersetzen. Er hat sich sehr gefreut darüber, dass das Buch verfilmt wird, aber er wollte da nicht so viel mit zu tun haben. Von daher glaube ich, dass er sich auch rausgehalten hätte.

Wellinski: Dann nehmen Sie uns doch mal mit in den Prozess des Drehbuchschreibens. Da haben Sie jetzt erst mal den Text "Tschick" - wie nähert man sich diesem Text?

Hubrich: Also, eine große Stärke des Romans sind die Dialoge, und die setzen schon mal einen Ton, und das war auch ein großes Geschenk, dass man diese Dialoge auch gut in den Film übernehmen konnte.

Schwierig wurde es dann tatsächlich bei der Struktur. Wir haben dann zusammen mit Fatih Akin und Hark Bohm so eine Art Writer’s Room gemacht, wo wir zu dritt saßen und uns Gedanken gemacht haben, wie wir diesen Roman jetzt so strukturieren, dass er auch eine Filmdramaturgie hat, ohne jetzt eins zu eins am Roman zu kleben, und gerade am Anfang -also der Roman hat, glaube ich, 256 Seiten -, das dauert bis Seite 110 oder so, bis die Jungs erst mal losfahren. Da haben wir dann gerade am Anfang doch sehr viel rausgeworfen, um das ein bisschen zu verschlanken, um die Jungs wirklich endlich auf die Straße zu schicken. Das war eigentlich die Hauptaufgabe, einen guten Filmanfang hinzubekommen.

Wellinski: Wenn wir jetzt kurz noch bei den Dialogen bleiben - Sie haben schon erwähnt, Sie haben möglichst viel übernommen, und trotzdem muss man sich auch zum Teil entfernen, man muss auch andere Dialoge reinnehmen. Wie nah versucht man denn trotzdem, an der Herrndorf-Sprache zu bleiben?

Hubrich: Ja, die hat den Ton vorgegeben, und wenn dann neue Sätze reingekommen sind, haben wir eigentlich versucht, so nah wie möglich an diesen Roman-Ton dann doch zu kommen.

"Fatih Akin war es wichtig, dass die Jungs wirklich 14 sind"

Wellinski: In diesem Writer's Room, in den müssen Sie uns auch mitnehmen. Wie sehr streitet man sich über gewisse Details - also wenn man die Exposition jetzt ja wirklich sehr stark kürzt, also quasi mit dem Sushi-Messer da rangeht -, oder war das eine ganz harmonische Arbeit?

Hubrich: Die war harmonisch, was aber nicht heißt, dass es nicht laut wird. Also wir haben uns durchaus gestritten und alle möglichen Sachen an den Kopf geworfen, aber es war immer zielorientiert. Also es war relativ egofrei. Also wir haben uns alle zurückgenommen und haben wirklich versucht, den Stoff nach vorne zu schieben, und versucht, das Buch so gut wie möglich umzusetzen, und da war es dann auch wirklich sehr hilfreich, dass wir zu dritt arbeiten konnten.

Wellinski: Das eine ist die Struktur, das andere die Dialoge, das Dritte, das sind die Figuren selbst, die Figurenzeichnung. Wie sehr haben Sie da eingegriffen? Die Figuren von Maik und Tschick sind ja - deshalb ist der Erfolg wahrscheinlich da - auch wirklich fast schon lebensecht.

Hubrich: Da war es einfach wahnsinnig toll zu sehen, als die beiden Jungs dann endlich zusammen in einem Raum saßen und die Szenen gelesen haben und die Figuren dann lebendig wurden. Was Anand und Tristan da mitbringen in den Film, das kann man sich auch nicht ausdenken, das kann man auch nicht irgendwie herbeizaubern. Die bringen eine Magie mit, und gerade in der Konstellation - da haben die ein Leben eingehaucht in die Figuren, wovon man nur träumen konnte.

Wellinski: Wie ist das eigentlich, wenn man dann diese zwei Jungs sieht, die das gut machen? Das sind ja wirklich quasi zwei 14-Jährige, die zwei 14- oder 13-Jährige spielen. Im Film ist das ja dann häufig so, dass man auch auf bekannte Menschen zurückgreift, die man jünger schminkt. War das etwas, das dem Film dann noch mal geholfen hat, so eine gewisse Authentizität zu erlangen?

Hubrich: Das war Fatih Akin ganz wichtig, dass die Jungs wirklich 14 sind, weil er meinte, sonst sieht das gar nicht gefährlich aus, wenn da ältere Junge spielen und ein Auto fahren, da macht man sich überhaupt keine Sorge, aber wenn wirklich 14-Jährige am Steuer sitzen, dann hat man durchaus ein bisschen Angst, dass denen was passieren kann.

Wellinski: Jetzt ist die Zusammenarbeit zwischen Drehbuchautor und Regisseur in der Filmgeschichte sehr berüchtigt. Also Drehbuchautoren arbeiten in Hollywood zum Beispiel immer seltener mit Regisseuren zusammen. Das ist schon sehr getrennt. Hier habe ich schon gehört, es gab einen Writer's Room. Ging das dann auch mit in die Dreharbeiten hinein, dass Sie in irgendeiner Form dann weiter am Set waren oder mitgearbeitet haben?

Hubrich: Ich war, glaube ich, die erste Woche beim Dreh dabei und habe dann auch zwischendurch immer wieder mit Fatih auch Unterhaltungen geführt, und wir haben uns oft ausgetauscht, auch noch während des Drehs tatsächlich.

Wellinski: Und was waren das für Fragen, die Sie dann noch besprochen haben?

Hubrich: Es waren eigentlich … oft war es so eine Art Warmreden, hatte ich das Gefühl, dass er über die Szene reden wollte, die er am nächsten Tag dreht, um noch mal richtig reinzukommen und zu wissen, wo die Figuren in dem Moment sind, und das war dann wie so ein Warmreden fast, hatte ich eher das Gefühl.

Wellinski: Wie stark ist dahingehend so ein bisschen der Respekt vor diesem Buch? Ich habe so das Gefühl, wie Sie mir das jetzt erzählen, Herrndorf war irgendwie immer anwesend, und auch der Erfolg dieses Buches da. Arbeitet man da leichter oder ist es etwas, das immer da ist, deshalb muss man sich auch vielleicht warmreden, um das so ein bisschen vielleicht auch aus dem Raum zu vertreiben?

Hubrich: Wir haben versucht, so gut wie gar nicht darüber nachzudenken, wie berühmt dieser Roman ist - und ja auch die Bühnenadaptionen. Das muss man ausblenden, sonst lähmt man sich.

Wellinski: Gab es denn auch radikale Gedanken - jetzt können Sie es ja sagen, weil die sind ja letztendlich wahrscheinlich nicht in den Film eingeflossen, wo man sagt, eigentlich müssten wir das konsequent ändern, aber dann würden wir die ganzen Fans vor den Kopf stoßen?

Hubrich: Das nicht, obwohl ich ja interessanterweise, wenn ich jetzt so ein paar Kritiken gelesen habe, manche Leute sagen ja, dass der Film sehr werktreu ist, andere sagen, dass es durchaus Abweichungen gibt, und wir haben doch ein paar Abweichungen, die ich jetzt nicht verraten will, wo der Film sich doch vom Roman wegbewegt, und da waren wir dann relativ, ja, furchtlos oder rücksichtlos oder: Wir haben dann wirklich nur daran gedacht, dass es ein guter Film werden muss. Deswegen mussten wir manche Sachen auch ändern, aber wir haben nie daran gedacht, dass wir jetzt am Roman kleben bleiben.

"Roman und Film können gut nebeneinander stehen"

Wellinski: Jetzt ist der Film, wie gesagt, eine Literaturadaption - wie verhält er sich denn nun zu dem Buch? Ist er eine Art Ergänzung, oder ist das wirklich die konsequente Transformation des Stoffes in ein anderes Medium?

Hubrich: Ich würde denken, dass es wirklich was anderes ist: ein selbstständiger Film, der im besten Film aber Leute, die den Roman nicht kennen, dazu einlädt, den Roman auch noch zu lesen. Ich glaube, die beiden - Roman und Film - können gut nebeneinander stehen.

Wellinski: Fatih Akin hat selber gesagt, dass er meint, dass Wolfgang Herrndorf den Film im Großen und Ganzen gefallen hätte. Das ist eine spekulative Frage, aber er hat auch gesagt, wahrscheinlich wäre ihm da zu viel Musik drin gewesen - was meinen Sie denn? Herrndorf war ja auch ein großer Cineast.

Hubrich: Ja, bei der Musikfrage, das ist schwer zu klären. Ich weiß gar nicht genau, was Wolfgang für Musik gehört hat, ehrlich gesagt, von daher kann ich mir kein Urteil erlauben. Das ist wirklich sehr spekulativ.

Wellinski: Lars Hubrich, der Drehbuchautor von "Tschick", war unser Gast. Sie können den Film bereits seit Donnerstag in unseren Kinos sehen. Vielen Dank für den Besuch, Herr Hubrich!

Hubrich: Danke sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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