Kein Wort von Pizza und Pommes

Fett kann auch als Schutzschicht verstanden werden, meint Achim Peters. © AP
12.04.2013
Dicksein wird vom Kopf gesteuert und macht gar nicht so krank wie befürchtet. Das sagt zumindest Achim Peters in seinem verständlich aufbereiteten Buch über Erkenntnisse der Hirnforschung. Allerdings ignoriert er Erkenntnisse aus Psychologie und Kulturwissenschaften.
"Look Ahead" hieß die ambitionierte Studie in den USA. Fünftausend übergewichtige Menschen aßen elf Jahre lang magere Gesundheitskost und trieben wöchentlich drei Stunden Sport. Dann brachen die Wissenschaftler die Studie ab - wegen Nutzlosigkeit. Positive Effekte auf die Erkrankungs- und Sterberate der Teilnehmer konnten sie nicht verzeichnen.

"Mythos Übergewicht" heißt das neue Buch von Achim Peters und die US-Studie liefert ihm einen von vielen Beweisen, die seine Botschaft untermauern: Dicksein macht nicht so krank, wie die Fitnessindustrie uns weismachen will. Sie ist auch kein Zeichen mangelnder Selbstkontrolle, sondern eine biologisch sinnvolle Anpassung des Körpers an chronischen Stress.

Dahinter steckt eine Menge komplexer Stoffwechselchemie, die der Autor mit populärwissenschaftlichem Talent auf ein verständliches Niveau bringt. Füllige Menschen sind genetisch so gepolt, dass sie ihr System bei Dauerstress runterfahren können. Das tut gut, denn es mindert Angst- und Stressgefühle. Und es ist gesund, da auf diese Weise eine Dauerberieselung mit dem giftigen Stresshormon Cortisol unterbleibt.

Ihr Gehirn verändert allerdings seinen Ernährungsmodus und fordert eine erhöhte Nahrungszufuhr - darum steigt mit den Jahren das Körpergewicht. Und die Dünnen? Ihr Gehirn ernährt sich aus den Fettreserven des Körpers, doch dafür stehen sie permanent unter Strom. Die Folge sind seelische wie körperliche Langzeitschäden.

In seinem Buch dekliniert Achim Peters die Konsequenzen seiner These auf verschiedenen Ebenen durch. Er demonstriert, dass üppige Rundungen bei Dauerstress vor Arteriosklerose und Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfällen, Depressionen, Muskelschwund und Osteoporose schützen. Er geht hart mit der Diskriminierung dicker Menschen ins Gericht, fordert eine Abkehr vom Diäten-Terror. Stattdessen gelte es, das massive allgemeine Stressniveau zu senken, das auf unsichere Lebensverhältnisse, Leistungsdruck, Armut und Ausgrenzung zurückzuführen sei.

Das alles klingt biologisch plausibel und politisch sympathisch. Trotzdem kann das Buch nicht ganz überzeugen, weil es den üblichen Weg der populärwissenschaftlich aufgebohrten Hirnforschung geht und auf ein eindimensionales Erklärungsmodell setzt. Kein Wort vom Körper als Symbol nicht nur für Leistungsfähigkeit und Erfolg, sondern auch für Depression und Selbstaufgabe.

Kein Wort von der Überschwemmung unserer Lebenswelten mit industriell zusammengepanschter, hochkalorischer Fertignahrung. Kein Wort von Kindern, deren Lebhaftigkeit mit Pizza, Pommes und Gameboy ruhiggestellt wird - und die noch niemals eine Paprika am Strauch gesehen haben.

Wer selbst kürzeste Wege mit dem Auto zurücklegt, wer niemals mehr Zeit findet, persönlich eine Zwiebel aufzuschneiden - wie soll der aussehen mit vierzig, fünfzig Jahren? Doch Achim Peters kennt keine Psychologie und keine Kulturwissenschaften und lässt nur eine Perspektive gelten - seine eigene. Das greift in der Gesamtschau dann doch zu kurz.

Besprochen von Susanne Billig

Achim Peters: "Mythos Übergewicht - Warum dicke Menschen länger leben. Was das Gewicht mit Stress zu tun hat - überraschende Erkenntnisse der Hirnforschung"
C. Bertelsmann Verlag, München 2013
272 Seiten, 19,99 Euro
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