Kein Bahnstreik for Future

    Das Desinteresse der Klimabewegung

    03:57 Minuten
    Blick von oben auf einen Bahnsteig auf dem sich Menschenmassen drängen
    Solidarität erfahren die Bahner in diesen Tagen kaum. Auch von Fridays for Future kommt wenig. Warum ist das so, fragt sich Journalist Roland Zschächner? © picture alliance / Breuel Bild
    Ein Kommentar von Roland Zschächner · 07.09.2021
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    Nur wenige Klimaaktivisten unterstützen den Bahnstreik. Merkwürdig, meint Roland Zschächner. Die Bahn gilt als Rückgrat für ein klimafreundliches Transportsystem. Gerade bei diesen Zukunftsjobs komme es darauf an, das Arbeitsleben gerecht zu gestalten, so der Journalist.
    Wer hierzulande streikt, hat es nicht leicht. Davon können die Lokführer – mal wieder – ein Lied singen. Knapp eine Woche haben sie die Arbeit für höhere Löhne und bessere Absicherung im Alter niedergelegt. Und wieder mussten sie sich vorwerfen lassen, sie hätten nur ihre eigenen Interessen im Blick. Vorwürfe wurden laut, der Streik sei angesichts der Coronapandemie und Flutkatastrophe völlig verantwortungslos und sowieso würden sich die Lokführer in einem betriebsinternen Machtkampf vor den Karren der Gewerkschaft GDL spannen lassen.


    Verständnis oder gar Solidarität erfahren die Bahner in diesen Tagen indes wenig. Bis auf einzelne Ausnahmen bleiben selbst die auffällig leise, die sonst lautstark auf die Straße gehen: die Aktivistinnen und Aktivisten der Klimabewegung. Stattdessen haben die das Wort, die sich lauthals darüber beschweren, weil ihre Bequemlichkeit eingeschränkt ist. Dabei hätten die Beschäftigten der Bahn die lautstarke Unterstützung der jungen Bewegung mehr als verdient. Denn sie stehen beispielhaft für die Jobs einer klimaneutralen Zukunft, in der die Eisenbahn wohl auch auf absehbare Zeit das umweltfreundlichste Verkehrsmittel für längere Strecken sein wird.

    Ein blinder Fleck in der Klimadebatte

    Noch im vergangenen Jahr verkündeten die Gewerkschaft Verdi und Fridays for Future, dass sie eine "Allianz für bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Personennahverkehr und für den Klimaschutz" gebildet haben. Doch nun bleibt eine flächendeckende Solidarität der Aktivist:innen mit den streikenden Lokführern aus. Das liegt nicht zuletzt an einem blinden Fleck in der Klimadebatte, der aber einen wichtigen Teil des Lebens der Mehrheit der Bevölkerung ausmacht. Denn soviel die Klimabewegung über CO2-Mengen und Erwärmungsgrenzen zu sagen hat, so wenige Vorstellungen scheint sie zu haben, wie künftig das Arbeitsleben in einer klimafreundlichen Wirtschaft organisiert und gerecht gestaltet werden soll.
    Und so fallen beim Blick auf die Forderungen des anstehenden Klimastreiks schnell die Millionen Arbeitnehmer:innen unter den Tisch, die es auch in einer nachhaltig ausgerichteten Wirtschaft geben wird. Egal ob Lok- oder Kranführer, die Beschäftigte an den Supermarktkassen, auf dem Bau oder im Pflegebereich, die Handwerkerinnen oder klassischen Industriearbeiter, sie alle werden – auch CO2-neutral – maßgeblich unseren gesellschaftlichen Reichtum produzieren.

    Die soziale Zusammensetzung von Fridays for Future

    Allein Absicht hinter dem Schweigen der Klimaaktivst:innen zu vermuten, würde indes zu kurz greifen. Vielmehr spiegelt sich darin die soziale Zusammensetzung der Bewegung wider. Laut einer Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung aus dem Jahr 2019 sagte die Mehrheit der befragten Fridays-for-Future-Demonstrierenden, sie käme aus der Mittelschicht. Ungefähr die Hälfte gab an, mindestens ein Elternteil habe einen akademischen Abschluss. 55 Prozent der Demonstranten besuchten ein Gymnasium und nur sechs Prozent eine Real- oder Hauptschule.
    Wessen Perspektive ein White-Collar-Job ist, hat nicht unbedingt den Blick derjenigen, die im Blaumann oder Kittel stecken und somit leicht übersehen werden. Doch gerade sie sind es, die durch die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen viel verlieren können. Etwa, wenn die Kosten des Klimaschutzes auf sie abgewälzt werden und ihnen möglicherweise die berufliche Zukunft genommen wird.
    Doch sie könnten auch viel gewinnen, beispielsweise wenn es nicht nur darum ginge, wie klimagerecht die neuen und alten Jobs sein werden, sondern auch ob die Bezahlung stimmt und zu mehr reicht, als gerade so über die Runden zu kommen. Dass es zudem um die Anerkennung der geleisteten Arbeit geht, wird auch immer wieder von den streikenden Lokführern betont. Und sie weisen auch auf etwas anders Wichtiges hin: Geld ist genug da, es gerecht zu verteilen, darauf kommt es an.

    Roland Zschächner ist freier Journalist in Berlin. Er schreibt für Zeitungen zu Themen rund um den Balkan, über Literatur und arbeitet als freier Onlineredakteur für DLF Kultur.


    Ein Mann mit kurzen Haaren und Brille schaut in die Kamera.
    © privat
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