Katholische Kirche in der Krise

Wenig Hoffnung auf Reform

07:29 Minuten
Bischöfe nehmen an einem Gottesdienst teil.
Die Katholische Kirche steckt in der Krise und viele Gläubige erwarten von den Bischöfen mehr Reformbereitschaft. © picture alliance /dpa / Sebastian Gollnow
Georg Bier im Gespräch mit Liane von Billerbeck  · 03.02.2022
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Eine Reform der katholischen Kirche kann sich der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier schwer vorstellen. Er verweist auf die strenge Hierarchie und den Gehorsam der Bischöfe gegenüber der Amtskirche in Rom. Auch Druck von außen könne wenig helfen.
Nach der Veröffentlichung des Gutachtens zu Fällen sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising erwarten viele Gläubige eine überfällige Reform der katholischen Kirche.
Wenig Hoffnung auf Veränderungen hat der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier. "Dass die katholische Kirche sich bewegen muss, das steht außer Frage", sagt er, aber er erwarte es dennoch nicht. Die Frage des Zölibats, der Gleichstellung von Frauen und andere Themen würden in der Theologie und unter den Gläubigen schon seit Jahren diskutiert.
"Die Argumente liegen schon lange auf dem Tisch, es ist nichts passiert." Er sehe nicht, warum das jetzt grundlegend anders sein sollte.

Heute kommen 230 Delegierte des Synodalen Wegs in Frankfurt am Main zusammen, in dem ein möglicher Reformprozess der katholischen Kirche schon länger debattiert wird. Es versammeln sich Bischöfe, Kleriker, kirchliche Mitarbeiter und zahlreiche ehrenamtliche Katholiken. Sie stehen unter Druck, denn es gibt eindringliche Mahnungen von katholischen Verbänden, Reformgruppen und Initiativen.

Der Gehorsam der Bischöfe als Hindernis

Die Bischöfe hätten beim Synodalen Weg durch ihre Sperrminorität eine besondere Rolle, so Bier. Sie seien an ihren Gehorsam gebunden. "Der Gehorsam ist Teil der bischöflichen DNA."
Bischöfliche Anwärter würden daraufhin überprüft, ob sie diesen Gehorsam leisten, sagt der Kirchenrechtler. Beim Amtsantritt müsse ein entsprechendes Versprechen abgelegt werden.
Er habe den Eindruck, dass die Bischöfe sehr lange dazu bereit seien, einen sehr hohen Preis zu zahlen, bevor sie wagten, ungehorsam zu werden oder versuchten, etwas gegen Rom durchzusetzen.
Zu den jüngsten Äußerungen von Erzbischof Reinhard Marx über eine mögliche Abschaffung des Pflichtzölibats sagt der Kirchenrechtler, Marx sei nicht der Erste, der das vorschlage. "Auch andere Bischöfe, auch deutsche, haben schon darüber gesprochen, dass es gut oder besser wäre, wenn das Zölibat abgeschafft würde." Beim Apostolischen Stuhl in Rom sehe er aber nur wenig Aussicht auf Erfolg.

Kaum Einfluss von außen

Auch Druck von außen, beispielsweise durch staatliche Stellen, bringe nicht viel, sagt Bier. Das würde vielleicht die Rolle und Bedeutung der katholischen Kirche in der Bundesrepublik verändern. Sie würde dann vielleicht eher als Verein wie viele andere eingestuft. "Das würde die Kirche sicher treffen." Aber nach innen könne das nicht viel verändern, so der Theologe.
Eine andere Wirkung hätte es, wenn Katholikinnen und Katholiken ihr ehrenamtliches Engagement zurückfahren oder der Kirche das Geld entzögen. "Das geht in Deutschland nur über einen Kirchenaustritt." Aber dazu seien viele nicht bereit, weil die Kirche auch ein Stück Heimat sei.

Kirche oder demnächst Sekte?

Mit Spannung verfolgt auch der Berlin-Korrespondent der "Irish Times", Derek Scally, die deutsche Debatte. Er ist selbst Katholik und hat ein Buch über die katholische Kirche in Irland geschrieben, die einen vergleichbaren Skandal erlebte. Dort waren drei BIschöfe zurückgetreten.
"Es kommt stark darauf an, wie viel Angst die Bischöfe haben", sagt er über die Bereitschaft zur Reform der Kirche in Deutschland. "Haben sie Angst, zukünftig Bischöfe einer Kirche zu sein oder Bischöfe einer Sekte?"
Als Kirchenbesucher beobachte er das alles mit zunehmender Skepsis. Er frage sich, ob seine Anwesenheit in der Kirche reformfördernd sein könne oder seine Abwesenheit hilfreicher wäre. Wer aus der Kirche austrete, müsse sich fragen, was das zur Reform beitrage.

Von Deutschland mehr erwartet

Er habe von Deutschland mehr erwartet, sagt Scally. Wenn man die Vergangenheitsbewältigung der NS-Diktatur zum Maßstab nehme, wundere er sich, dass bisher nicht mehr passiert sei. Schließlich hätten alle in der Gesellschaft mit der Kirche zu tun, nicht nur diejenigen, die Sonntags in den Gottesdienst gingen, beispielsweise auch Familien, die ihre Kinder in einen katholischen Kindergarten schicken.
Scally erinnert an den Druck der Reformation vor rund 500 Jahren. "Martin Luther wollte eigentlich, dass seine katholische Kirche besser wird." Jetzt sei die Frage, ob der Druck aus Deutschland ausreiche, um in der Weltkirche etwas zu bewirken.
(gem)

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