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Lesart | Beitrag vom 07.02.2019

Katharina Mevissen: „Ich kann dich hören“Die Welt ist Klang

Von Anne Kohlick

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Cover von Katharina Mevissens Roman "Ich kann dich hören". Im Hintergrund ist ein Cello-Spieler zu sehen. (Wagenbach / Unsplash / Adi Goldstein)
In ihrem Debüt-Roman "Ich kann dich hören" überzeugt Katharina Mevissen auch mit ihrem sympathisch-verkorksten Ich-Erzähler Osman. (Wagenbach / Unsplash / Adi Goldstein)

Welches Geräusch macht eigentlich ein Nieselregen? Katharina Mevissen erzählt in ihrem Debütroman "Ich kann dich hören" vom Sound des Alltags und vom Zauber der Sprache.

Osman und sein Cello sind eins an den besten Tagen. Der Bogen, die Saiten, der Korpus des Instruments, sie verschmelzen mit dem Körper des Studenten − für die Musik. Die einzige Sprache, in der Osman Gefühle ausdrücken kann. Doch der dritte Satz einer Sonate von César Franck will eine Woche vor einer wichtigen Prüfung immer noch nicht gelingen. Da, wo die Komposition scheu und zart wie Nieselregen klingen soll, hört Osmans Cello-Professor ein Gewitter.

Sympathisch verkorkster Erzähler

Klänge wie ein Sturm, Töne wie "grobe Brocken, laut, fest, leblos", anderswo "gleichgültige Harmonien" von Lounge-Musik, die "einen schillernden, schmierigen Film auf allem" hinterlassen. In ihrem Debüt-Roman "Ich kann dich hören" überzeugt die 1991 geborene Katharina Mevissen nicht nur mit poetischen Beschreibungen für alles Akustische, sondern auch mit ihrem sympathisch verkorksten Ich-Erzähler Osman.

Er ist der Sohn eines erfolgreichen Geigers mit türkischen Wurzeln, aufgewachsen im Ruhrgebiet bei seiner Tante, in eine Hamburger WG geflohen vor dem Druck, den ihm sein ehrgeiziger Vater macht. Um Migrationserfahrungen geht es nur am Rande dieses starken und gleichzeitig leisen Buches, etwa wenn sich Osman für seinen ungewöhnlichen Vornamen rechtfertigen muss oder wenn seiner türkischen Tante Elide, später im Buch die zweite Ich-Erzählerin, die deutsche Satzstellung nicht ganz gelingt.

Musik und Sprachlosigkeit

Wie es der Titel verspricht, steht das Hören und nicht hören können oder wollen im Vordergrund − auf ganz verschiedenen Sinnebenen, vor allem aber als Symbol der Fähigkeit zum Dialog. So ignoriert Osman tagelang die Anrufe seiner Tante, hört Mailbox-Nachrichten nicht ab, weil er mit ihrem Frust, mit Emotionen im Allgemeinen nicht umzugehen weiß. Dem Redebedürfnis der Tante stehen auf Osmans Seite Sprachlosigkeit und nonverbale Kommunikation gegenüber. In einer großartigen Szene zerschmettert er zusammen mit seiner Mitbewohnerin Altglas in einem Container. Mit der gleichen Wucht müsste Osman ihr eigentlich seine Liebe gestehen, aber das will nicht aus ihm heraus.

Zufallsfund in der U-Bahn

Doch dann findet der Ich-Erzähler auf der Rolltreppe einer Hamburger U-Bahn-Station ein Diktiergerät. Die Aufnahmen darauf verändern sein Leben − obwohl es nur ganz alltägliche, zufällig entstandene Tonschnipsel aus dem Urlaub zweier Schwestern sind. Osman lernt das Zuhören und stellt sich Situationen, vor denen er bislang davongelaufen ist. Dabei stößt er auch auf ein Geheimnis, das sein Vater schon lange hütet.

Die Idee zum Roman kam der Wahl-Berlinerin Katharina Mevissen, als sie ihren MP3-Player in einem Bus vergaß, erzählt sie in einem Interview. Sie stellte sich vor, wie es wäre, persönliche Musik- und Tonaufnahmen eines Fremden zu finden, was entstehen könnte, wenn eine Begegnung akustisch beginnt. Aus diesem Gedankenspiel ist ein Roman gewachsen, der das Außergewöhnliche im Alltäglichen findet und die Kunst des Zuhörens feiert. Dafür ist ein verlorener MP3-Player allemal zu verschmerzen.

Katharina Mevissen: "Ich kann dich hören"
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019
168 Seiten, 19 Euro

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