Freitag, 17.09.2021
 

Lesart | Beitrag vom 26.05.2021

Katharina Döbler: "Dein ist das Reich"Meine Großeltern, die Kolonialisten

Katharina Döbler im Gespräch mit Andrea Gerk

Die Autorin Katharina Döbler (Claassen / Hans Scherhaufer)
Auf den Spuren der Kolonialgeschichte in der eigenen Familie: Katharina Döbler. (Claassen / Hans Scherhaufer)

Katharina Döbler hörte als Kind von den Großeltern märchenhafte Geschichten über ihr Leben in Neuguinea. Später erschienen ihr diese Anekdoten aus der Kolonialzeit wenig magisch. In einem Roman hat sie die Geschichte ihrer Familie aufgearbeitet.

Vor dem Ersten Weltkrieg sind zahlreiche Deutsche in die besetzten Kolonialgebiete gegangen. Viele, wie auch die Protagonisten in dem Roman "Dein ist das Reich", um als Missionare die Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Die Autorin Katharina Döbler, die auch als freie Journalistin für Deutschlandfunk Kultur arbeitet, erzählt die fiktionalisierte Geschichte von vier naiven und frommen Menschen – ihren Großeltern.

Briefe aus der Vergangenheit

Die Basis für "Dein ist das Reich" bilden Geschichten, die Döbler als Kind erzählt wurden. Damals seien sie ihr wie Märchen erschienen, die mit der Realität nichts zu tun hatten. Erst sehr viel später habe sie begriffen, wie diese Erzählungen mit der deutschen Kolonialgeschichte verbunden waren.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Da die Geschichten, die in der Familie kursierten, allerdings sehr geschönt worden seien, habe sie angefangen, Kartons zu durchsuchen und Briefe zu lesen, die noch massenhaft vorhanden gewesen seien, erzählt Katharina Döbler. Doch auch da habe viel gefehlt, vor allem Emotionen:

"Es ist einfach so, dass diese Gefühlsarmut der Briefe und der Anekdoten danach geschrieen hat, dass man das ausfüllt. Und ich habe es dann aufgefüllt mit Gefühlen, die ich versucht habe zu verstehen, und habe dann wirklich meine Großeltern als Figuren neu entworfen."

Blind für die Kultur der anderen

Eine große Motivation der Kolonialisten, die Reise auf sich zu nehmen, sei Armut gewesen, sagt Döbler. So sei zum Beispiel für ihren Großvater kein Platz auf dem Familienbauernhof gewesen, und die Mischung aus Glaube und Fernweh habe ihm eine Zukunftsperspektive gegeben. Doch der Roman romantisiere die Situation nicht:

"Diese wirklich große Ignoranz, mit der die dahin gegangen sind. Die kamen da an und sind auf eine völlig andere Kultur gestoßen, die sie noch nicht mal als Kultur wahrgenommen haben. Das war einfach nur fremd und natürlich auch - nach der damaligen Vorstellung - niedrig stehend. 'Steinzeitkultur' hieß es dann immer."

Hierarchisch konstruierte Welt

"Dein ist das Reich" zeigt die Kolonialgeschichte allerdings nicht als monolithisch. Es sei ihr wichtig gewesen zu zeigen, dass Menschen mit der Femdheit und der Herausforderung, ihren Platz in der Welt zu finden, sehr unterschiedlich umgegangen sind, sagt Döbler:

"Kolonialismus ist ja nicht ein Phänomen. Das ist ja kein Block, keine theoretische Konstruktion. Sondern das waren lebendige Menschen, die das getan haben. Es waren nicht alle Soldaten. Sondern das waren viele Mithelfer, die sich eingefügt haben in diese hierarchisch konstruierte Welt und eine Selbstaufwertung darüber erlebt haben, dass sie sich mehr oder weniger als 'Herrenmenschen' fühlten."

(hte)

Katharina Döbler: "Dein ist das Reich"
Claassen, Hamburg
480 Seiten, 24 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

Clemens Meyer: "Stäube"Die Faszination des Unterirdischen
Porträt von Clemens Meyer in einer dunklen Jacke.  (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

In seinem Erzählband "Stäube" nimmt Clemens Meyer seine Leser mit unter Tage. Von der Erdoberfläche zu verschwinden, habe ihn als Metapher gereizt, erzählt Meyer. In drei Geschichten geht es buchstäblich und im übertragenen Sinne in den Untergrund.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur