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Im Gespräch | Beitrag vom 15.01.2020

Katastrophenhelferin Hannelore Hensle"Ohne Bilder keine Hilfe"

Moderation: Ulrike Timm

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Auf dem Bild sind drei Männer und eine Frau zu sehen. Alle vier haben Gläser in der Hand.  (Privat)
Hannelore Hensle (Dritte von links) in Sao Tome. 1943 geboren, lernte sie erst Verkäuferin und zog dann in die Welt. (Privat)

Hannelore Hensle hat ihr Leben denen gewidmet, die in Not sind. Sie half Kriegsgefangenen, Flut- und Erdbebenopfern. Jahrelang leitete sie die Katastrophenhilfe der evangelischen Diakonie. Während des Biafra-Krieges organisierte sie eine Luftbrücke.

Mit 13, da geht man heutzutage ganz selbstverständlich in die Schule. Hannelore Hensle, Jahrgang 1943, beendet mit 13 bereits ihre Schulzeit. Sie wollte und musste der Familie finanziell unter die Arme greifen. "Ich bin in der Volksschule gewesen, wir waren 90 Kinder in einer Klasse. Und, wir hatten kein Geld zuhause. Wir wurden im Krieg x-mal evakuiert und ausgebombt."

Helfen, das war Hannelore Hensle schon als Kind selbstverständlich. Sie kannte es nicht anders, schon die Eltern unterstützen die vielen Kriegsvertriebenen in Freiburg.

"Das wichtigste Zeugnis aller Zeiten"

Krankenschwester, das würde zu ihr passen, dachte sie damals. Das ging aber nicht, Hannelore Hensle war noch zu jung. Auch die Ausbildung als Drogistin blieb ihr verwehrt, das sei in den 50er-Jahren noch Männern vorbehalten gewesen, erzählt sie. Was blieb war eine Lehre in einem Bekleidungsgeschäft. "Es hat mir keinen Spaß gemacht. Ich war nicht glücklich mit dieser Verkäuferinnenstelle, es war überhaupt nicht mein Ding."

Nach der Lehrzeit zog es Hannelore Hensle ins Ausland. Erst als Haushaltshilfe nach England, dann ging sie als Babysitterin in die USA. Obwohl sie in ihrem Leben die ganze Welt kennlernen sollte, die Zeit in den USA ist bis heute eine ganz besondere.

Hannelore Hensle, gläubige Katholikin, landete bei einer jüdischen Familie. Viele Angehörigen waren in Auschwitz ums Leben gekommen. "Ich bin total apolitisch erzogen worden", erinnert sie sich an ihren Start bei der Familie. "Es war mir gar nicht klar, dass das eine jüdische Familie war, oder was das bedeuten würde. Aber dann habe ich mich natürlich damit auch auseinandergesetzt."

Von dieser Familie bekam Hannelore Hensle später ein Arbeitszeugnis ausgestellt. "Beruflich hat es mich nicht weitergebracht. Aber menschlich ist es für mich das wichtigste Zeugnis aller Zeiten."

Gewürzgurken und Abendkleider als Hilfslieferung

Als Hannelore Hensle nach Deutschland zurückkehrte, fing sie an, sich in der Entwicklungshilfe zu engagieren. 1969 der große Auftrag – mitten im Biafra-Krieg sollte sie eine Luftbrücke aufbauen. "Eine Landebahn gab's nicht immer, wegen der Bombardierung. Da ist man nachts gelandet", erinnert sich Hensle. "Was sich da zum Teil abgespielt hat. Man hat innerhalb von 20 Minuten ausladen müssen. Es gab kein schweres Gerät. Alles musste von Hand gemacht werden. Logistisch war diese Luftbrücke eine Meisterleistung."

Von diesem Krieg gingen die ersten Hungerbilder von Kindern um die Welt. Hannelore Hensle hat sie noch heute im Kopf. Aber so schrecklich das klingen mag, so die 76-Jährige, es habe dieser Motive bedurft. "Ohne solche Bilder kann man auch keine humanitäre Hilfe leisten. So traurig das ist. Man muss da praktisch die Welt aufmerksam machen. Ich denke schon, es war legitim, dass man diese Hungerbilder tatsächlich auch publik gemacht hat."

Die 76-jährige Hannelore Hensle trägt einen dunklen Pullover mit hohem Kragen, am Kragen ist ein Mikro befestigt. Sie trägt einen Anhänger aus silbrigen Material. (Caritas International)Hannelore Hensle ist heute 76 Jahre alt. 2006 ging sie in den Ruhestand. (Caritas International)

Danach schickte man sie nach Angola, Gabun, auch Sri Lanka. Wo immer sich Menschen in Not befanden, Hannelore Hensle war zur Stelle. Was ihr schnell auffiel: Viele Hilfsgüter wurden überhaupt nicht benötigt.

Ob Ketchup, oder Gewürzgurken, bis hin zu skurrilen Kleiderspenden, Hannelore Hensle hat in 35 Jahren Katastrophenhilfe viele fragwürdige Spenden ausgepackt. "Das ist eine Sache, die mir in Angola aufgefallen ist, in einem der Flüchtlingslager. Ich habe da eine alte Frau in Erinnerung, mit ihrem golddurchwirkten Abendkleid. Ich habe mir damals geschworen, mit meiner Hilfe kommt keine Brautkleider-Sendung nach Afrika."

Hilfe muss neutral sein

Was sollen wir also schicken, wurde Hannelore Hensle häufig gefragt. Stoffe und Nähmaschinen? Ja, sagt sie, dass die Menschen es "selber machen können vor Ort."

Was die Katastrophenhelferin in ihren Einsätzen auch lernen sollte: "Bürgerkriegskonflikte sind politisch sehr komplex", da habe nicht nur eine Seite recht, sagt sie. "Da spielt die Kolonialgeschichte mit rein. Die vielen Ethnien kommen hinzu. Manchmal weiß man auch gar nicht genau, wer gegen wen kämpft. Wir haben uns von Anfang an immer der Neutralität verpflichtet. Hilfe darf nicht nach Parteibuch oder Religion vergeben werden."

"Sie sind fast so gut wie evangelisch"

Mit der Religionsfrage wurde Hannelore Hensle selber konfrontiert. Als Katholikin leitete sie die Katastrophenhilfe der Diakonie. Bevor man sie zur Chefin machte war für sie klar: "Ich bin immer noch katholisch. Ich habe nicht die Absicht das zu ändern." Musste sie auch nicht. In Erinnerung ist Hannelore Hensle vor allem ein Satz geblieben: "Fräulein Hensle, sie sind schon so lange bei uns, sie sind fast so gut wie evangelisch."

2006 ging Hannelore Hensle in den Ruhestand. Für die 35 Jahre in der Katastrophenhilfe ist sie dankbar. Sie würde vieles wieder genauso machen. Ein wenig ist sie deshalb verärgert, wenn darüber diskutiert wird, wie Katastrophenhilfe heute aussehen sollte. "Ich habe wirklich bei der Berichterstattung das Gefühl, man muss das Rad jeden Tag aufs Neue erfinden. Es haben ja andere vorher auch schon gemacht. Aber, in der Beziehung bin ich vielleicht ein Fossil."

(ful)

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