Kassandras Rufe in Israel

Von Charlotte Misselwitz · 25.11.2012
"Mit der Erzählung geh ich in den Tod", so Kassandras Worte zu Beginn von Christa Wolfs gleichnamiger Erzählung, entstanden 1983 in der DDR. Am 1. Dezember 2012, vor einem Jahr also, starb die Autorin. Der Text entfaltet heute eine eigentümliche und aktuelle Wirkkraft – in Israel.
Troja im Jetzt: Nationale Mythen, eine Mauer als "Schutzwall". In Berlin lebende Israelis tragen ihre eigene Rezeption der Erzählung zurück nach Israel. Dort geht die Rezeption weiter. Eine Dozentin an der Tel Aviv Universität, auch die Übersetzerin der Erzählung ins Hebräische, erkennen die literarischen Beschreibungen der Lügen- und Wahrheitskonstruktionen und beziehen sie auf ihre Situation, auf die Situation ihres Landes. Wie Kassandra oder Wolf entstammen diese Frauen der Elite, die einst das Land – zionistisch, sozialistisch, antifaschistisch – aufgebaut hat. Ähnlich Wolfs Kassandra – "Helena ist eine Lüge" – durchschauen sie jedoch auch die kriegerische Sprache im eigenen Land, etwa die Kriegspropaganda gegen den Iran.

Gesellschaftliche Zuschreibungen, die Kassandra als wahnsinnig pathologisieren oder Christa Wolf als "Gutmensch" abtun, spiegeln ihre eigenen Erfahrungen. Die Erzählung lebt also weiter. Ob als Frauendrama, als Adaption der Wolfschen Erzählung oder als urmenschlicher Mythos, versucht diese Sendung zu ermitteln.

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