Karl Ove Knausgårds "Arendal"
© Luchterhand Literaturverlag
Psychische Zerrissenheit mit Sogkraft
05:37 Minuten

Karl Ove Knausgård
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
ArendalLuchterhand Verlag, München 2026384 Seiten
26,00 Euro
Ein liegengebliebener Wagen, eisige Nächte in Arendal - und ein Mann, hin- und hergerissen zwischen Familie, verbotener Liebe und Alkohol. Knausgård erzählt packend von Schuld, Sehnsucht und der Frage: Wo gehört man hin?
Ein Mann Mitte 30, Ingenieur von Beruf, hat geschäftlich im Süden Norwegens zu tun. Es ist Anfang Januar, das Thermometer zeigt minus 20 Grad, als sein alter Opel Ascona auf nächtlicher Landstraße den Dienst quittiert. Syvert Løyning, der Ich-Erzähler in Karl Ove Knausgårds Roman „Arendal“, kommt nicht umhin, den Abschleppdienst, dessen Besitzer vielsagend Amundsen (wie der Polarforscher Roald Amundsen) heißt, zu rufen und eine Nacht im Städtchen Arendal zu verbringen. Aus Kindheitstagen ist es ihm vertraut; seine Mutter wohnt dort, doch als Übernachtungsgast will er sie nicht behelligen. So bezieht er ein Hotelzimmer, läuft durch den eisigen Ort, kehrt ein auf etliche Biere, trifft auf wunderliche Gestalten und ist mit einigen Promille im Blut tollkühn genug, mit seinem Leihwagen über den zugefrorenen Sund fahren zu wollen.
Nächte im Hotel
Wer die vorangegangenen vier Bände des Knausgård’schen „Morgenstern“-Zyklus gelesen hat, kennt Syvert, ja, weiß sogar, dass er nicht alt werden wird. Nun aber kehren wir zu seinen Anfängen zurück, in das Jahr 1976, als im Fernsehen die nostalgische Krimiserie „Ellery Queen“ anläuft, Erica Jong mit ihrem feministischen Emanzipationsroman „Angst vorm Fliegen“ Furore macht und Elton John zur exzentrischen Popikone aufsteigt.
Syvert ist mit Evelyn verheiratet, hat zwei Söhne – und spürt in jedem Moment seines Lebens, dass ihn der bürgerliche Familienentwurf nicht glücklich macht. Zwei Jahre unterhielt er im Verborgenen eine intensive Affäre mit der russischen Ärztin Asja. Sich selbst zur Räson rufen wollend, hat er sich von ihr getrennt – und liest dennoch nächtens im Hotel ihre sorgfältig aufbewahrten Liebesbriefe.
Brillant nutzt Knausgård die düstere Stimmung des unheimlichen Ardenals und lässt – ein Kennzeichen aller „Morgenstern“-Bände – die Grenzen zwischen Realität und Magie verschwimmen. Wo diese genau verlaufen, vermag der vom Alkohol schwer abhängige Syvert umso weniger zu sagen, je mehr er in Erinnerungen versinkt und Begegnungen zu haben scheint, die erst in der Zukunft stattfinden.
Wo ist zu Hause?
„Arendal“, für dessen Lektüre man die vorangegangenen „Morgenstern“-Bände nicht kennen muss, demonstriert alle Qualitäten des Erzählers Knausgård. In einer bewusst schmucklosen, auf (innere) Dialoge setzenden, soghaften Prosa seziert er die psychische Zerrissenheit eines Mannes, der sich mit dem Hier und Jetzt nicht abzufinden vermag. Während sich Mechaniker Amundsen um das Auto kümmert, kehrt Syvert zu Frau und Kindern zurück, in eine beklemmende Atmosphäre, die bei einem Abendessen mit Freunden eskaliert, als Syvert, von Wodka, Wein und Cognac befeuert, komplett die Kontrolle verliert.
Das Dilemma bleibt auch danach bestehen: Er will seine Familie nicht aufgeben, obwohl er seiner Frau alles verheimlicht, was ihm wichtig ist, und ihm seine eigenen Kinder sonderbar fremd bleiben: „Zu Hause ist, wo das Herz ist, hieß es in einem Lied. Mein Herz war nicht hier. Aber ich wollte, dass es hier sein sollte.“
Asjas klare, unmissverständliche Briefe, von denen er nicht loskommt, flüstern ihm ein, was der richtige Schritt in seinem Leben sein müsste: „Was wir beide gemeinsam haben, ist so selten und reich, dass es ein Verbrechen wäre, es zu vergeuden! Ein Verbrechen an uns selbst.“ So muss Syvert, als er nach Arendal zurückfährt, um seinen Wagen abzuholen, zu einer Entscheidung kommen.








