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Lesart | Beitrag vom 28.09.2020

Karina Urbach: "Das Buch Alice"Wie die Nazis ein Kochbuch "arisierten"

Karina Urbach im Gespräch mit Andrea Gerk

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Porträt der Autorin Karina Urbach. (Ullstein Verlag / Dan Komoda)
"Wir bewundern sie jetzt sehr viel mehr": Karina Urbach hat die Geschichte ihrer Großmutter recherchiert. (Ullstein Verlag / Dan Komoda)

Alice Urbach war erfolgreiche Kochbuchautorin, dann musste sie vor den Nazis fliehen. Ihre Bücher wurden ohne ihr Wissen weiter verkauft – unter einem männlichen Autorennamen. Ihre Enkelin, die Historikerin Karina Urbach, hat den Fall aufgearbeitet.

Egal ob Tafelspitz mit Apfelcreme-Tropfen oder Marillenknödel – alles, was die klassische Wiener Küche an Köstlichkeiten hergibt, steht im Kochbuch von Alice Urbach. In den 30er-Jahren war in jeder guten österreichischen Küche zu finden.

Doch dann musste Alice Urbach vor den Nazis fliehen. Sie ging nach England, später nach New York. In San Francisco gab sie Kochkurse – und stieß dann in einer Buchhandlung auf ihr eigenes Kochbuch – auf dem nun allerdings der Name Rudolf Rösch stand.

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Wie es dazu kam, davon erzählt die Historikerin Karina Urbach, Alice Urbachs Enkelin, in ihrem neuen Buch. Erste Hinweise auf die Geschichte ihrer Großmutter habe sie ihrer in den USA lebenden Cousine zu verdanken, erzählt Karina Urbach. Diese habe ihr 2014 den Briefverkehr zwischen ihrem Onkel und ihrem Vater, den Söhnen von Alice Urbach, zugeschickt. Auch diese mussten aus Österreich fliehen. Danach habe sie sich in die Geschichte eingearbeitet und gelernt, dass von dieser Form des geistigen Diebstahls nicht nur Alice Urbach, sondern auch viele weitere Autorinnen und Autoren betroffen waren.

Wer war der Phantomautor?

Dies sei auch die neue wissenschaftliche Erkenntnis des Buches und etwas, das noch nie aufgearbeitet worden sei, so Urbach:

"Es gibt noch nicht einmal einen Namen dafür, was Verlage wirklich gemacht haben. Sie haben Bücher von jüdischen Autoren in arische Bücher verwandelt. Und dazu mussten sie dann Strohmänner einsetzen. Und das ist Alice passiert. Aus ihrer weiblichen Autorenstimme wurde plötzlich eine männliche Autorenstimme. Man hat diesen Rudolf Rösch eingesetzt, den ich übrigens überall gesucht habe und den es wahrscheinlich gar nicht gibt. Und den hat man dann sozusagen auf ihr Buch draufgeklebt, das Vorwort ausgetauscht und dann Kapitel paraphrasiert und manche Sachen gestrichen. Als Alice das nach dem Krieg entdeckt hat, war sie natürlich entsetzt und hat versucht, um dieses Buch zu kämpfen."

Forschung unter erschwerten Bedingungen

Dass dieser Skandal bis heute nicht aufgearbeitet worden sei, liegt laut Urbach daran, dass Historikerinnen und Historiker sich erst seit 20 Jahren mit dem Thema "Arisierung" beschäftigten. Zuvor seien die Akten nicht freigegeben worden.

Zudem habe der Verlag, der Alice Urbachs Buch unter einem anderen Autorennamen veröffentlichte, auf Karin Urbachs Anfragen nicht reagiert. Auch der Zugang ins Archiv sei ihr verweigert worden. Dort gebe es nichts zu finden, hieß es.

Eine neues Vorbild

Nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht hat die Auseinandersetzung mit diesem Fall Spuren hinterlassen, erklärt Karin Urbach. Sie sehe ihre Vorfahrin jetzt auch mit anderen Augen:

"Meine Cousine hat auch gesagt, dass sie keine Ahnung hatte, was Alice alles geleistet hat. Und ich glaube, dass wir sie jetzt sehr viel mehr bewundern. Man kann viel von ihr lernen. Insofern ist sie für mich eine Vorbildfigur geworden."

Karina Urbach: "Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten"
Ullstein Buchverlage
432 Seiten, 25 Euro

(hte)

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