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Lesart | Beitrag vom 04.07.2018

Kaouther Adimi: "Was uns kostbar ist"Auf den Spuren von Edmond Charlot

Von Marko Martin

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Buchcover Kaouther Adimi: "Was uns kostbar ist" (Lenos Verlag / Imago / Olaf Döring)
Aus einer fast vergessenen Geschichte hat Kaouther Adimi einen wunderbaren Roman gemacht. (Lenos Verlag / Imago / Olaf Döring)

Kaouther Adimis Roman "Was uns kostbar ist" ist ein Hohelied auf das Lesen, das Mittelmeer und Schriftstellerfreundschaften jenseits nationaler Begrenztheit. Er schreibt sich im Kopf des Lesers auch nach der letzten Seite weiter fort, lobt Kritiker Marko Martin.

Edmond Charlot war 21 Jahre alt, als er 1936 im damals noch französischen Algier eine Leihbuchhandlung eröffnete, die bald darauf auch zu einem kleinen Verlag wurde. Auf dem Schaufenster stand der Satz "Ein Mensch, der liest, ist doppelt wert", während der Name der Buchhandlung sich auf einen Roman des provencalischen Schriftstellers Jean Giono bezog: "Les Vraies Richesses/Die wahren Schätze". Charlot war frei vom kolonialistischen Dünkel vieler seiner Landsleute, und so kamen - als Leser oder als junge Autoren mit ihren ersten Manuskripten – sowohl Franzosen zu ihm wie auch Algerier und Kabylen. Und es kam Albert Camus, der seinem zwei Jahre jüngeren Freund die ersten Prosatexte zum Druck aushändigte und ansonsten in der Leihbuchhandlung aushalf und Abonnementenkärtchen ausfüllte.

Halb vergessene Geschichte

Die 1986 in Algier geborene und seit 2009 in Paris lebende Schriftstellerin Kaouther Adimi hat jetzt dieser halb vergessenen Geschichte einen wunderbaren Roman, ein Hohelied aufs Lesen gewidmet: "Was uns kostbar ist". Anhand eines fiktiven Tagebuchs, basierend auf authentischern Notizen Edmond Charlots, wird der Weg eines Literatur-Enthusiasten nachgezeichnet, der in Geschäftsdingen vielleicht sorglos war, jedoch politisch stets hellwach. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er unter dem nazifreundlichen Vichy-Regime, das auch in Algier dominierte, sogar kurzzeitig inhaftiert.

Der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry, aufgenommen vor seinem Flugzeug. (picture alliance / dpa / Stf)Der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944), aufgenommen vor seinem Flugzeug. (picture alliance / dpa / Stf)

Nach Landung der Alliierten stellte Charlot seine Arbeit in den Dienst von de Gaulles "Freiem Frankreich", schloß Freundschaft mit Antoine de Saint-Exupéry und war einer der letzten, die den Autor des "Kleinen Prinzen" vor seinem mysteriösen Flugzeugabsturz noch sahen. Andere Pilotenfreunde wie etwa der junge Schriftsteller und Camus-Intimus Jules Roy sorgten dafür, dass die Bücherpakete aus "Les Vrais Richesses" im Libanon, in Ägypten und ab Sommer 1944 schließlich auch im wiederbefreiten Frankreich verteilt wurden. Obwohl dann Charlots Plan, im Nachkriegs-Paris zu reüssieren, schief ging, er seine von ihm geförderten Autoren bald an die großen Verlage verlor und, zurück im geliebten Algier, zur Zielscheibe rechtsextremer Kolonialfranzosen wurde, hat diese Geschichte dennoch etwas zutiefst Hoffnungsvolles.

Buchhandlung in Algier

Das hängt auch damit zusammen, wie Kaouther Adimi sie erzählt: Mit Emphase und Genauigkeit, von den Tagebuch-Notizen immer wieder in die Gegenwart des seit 1962 unabhängigen Algerien switchend, in dessen Hauptstadt die Buchhandlung des 2004 hochbetagt verstorbenen Edmond Charlot allen Widrigkeiten zum Trotz noch immer existiert.

Französischer Einfluss

Gerade weil sich die Autorin jeder Didaktik enthält, wird in ihrer transparenten Prosa die Erinnerung an jene kleine Verlagsbuchhandlung auch zur Mahnung, Geschichte nicht zu separieren: Denn Nein, der französische Einfluss in Algerien war nicht nur negativer Art, und Ja, die Algerier hatten wahrlich Grund, das Kolonialjoch abzuschütteln. Die Autoren, die Edmond Charlot damals entdeckt hatte, sind dabei Chronisten jenes "mittelmeerischen Denkens und Seins", das auch Albert Camus geprägt hat.

Die Freunde von Camus

Dankenswerterweise ist dem Roman ein Anhang beigegeben, der die deutschen Übersetzungen der im Text auftretenden Schriftsteller aufführt. Die meisten datieren aus den fünfziger Jahren, aber eine Suche lohnt sich, denn die hierzulande inzwischen kaum mehr bekannten Freunde von Camus - Jules Roy, Emmanuel Roblès, Henri Bosco, Mohamed Dib oder Mouloud Ferraon – schrieben ebenfalls eine Prosa von kristalliner Karheit. Und so ist Kaouther Adimis Roman "Was uns kostbar ist" das wundersame Beispiel eines Buches, das sich im Kopf des Lesers auch nach der letzten Seite weiter fortschreibt und zusätzliche Entdeckungen schenkt.

Kaouther Adimi: "Was uns kostbar ist"
Aus dem Französischen von Hilde Fieguth
Lenos Verlag, Basel 2018
224 Seiten, 22 Euro.  

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