Seit 11:05 Uhr Lesart
Samstag, 17.04.2021
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2020

Kant und die Rassismus-Debatte"Die Vertreter der Aufklärung sind nicht unschuldig"

Stefan Gosepath im Gespräch mit Gabi Wuttke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das zeitgenössische Bild zeigt die Silhouette des deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). (picture alliance)
Kritik an Immanuel Kant sei berechtigt - doch dessen Weltanschauung passe nicht zu Rassismus, sagt Stefan Gosepath. (picture alliance)

Die "Black Lives Matter"-Bewegung führt auch zu den Ursprüngen von Rassismus und damit zu den Philosophen der Aufklärung. Statt Kant vom Sockel zu stürzen, sollten kritische Stellen in dessen Werk diskutiert werden, sagt der Philosoph Stefan Gosepath.

Rassistische Stellen gebe es in Immanuel Kants Werken und das müsse man auch offen zugeben, sagt Stefan Gosepath. Er ist Professor für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin. Allerdings sieht er diese nicht als Kernpunkte in Kants Weltanschauung: "Das Zentrum seines Werkes, für das wir ihn schätzen, ist sein Universalismus, also die Behauptung, dass das für alle Menschen gilt - die Tatsache, dass er die gleiche Menschenwürde und den Kosmopolitismus mitbegründet hat."

Ob Kant, wenn er in seinen Schriften "von allen Personen spricht" tatsächlich mitnichten alle Menschen, sondern nur den "weißen Mann" meint, müsse die Kant-Forschung klären.

Rassenhierarchie und Rassenkategorie

Kant habe seine Meinung historisch geändert – möglicherweise, weil nur so seine Hauptprinzipien von Kosmopolitismus und Universalismus stimmig blieben, erläutert Gosepath: "Am Anfang hatte er nicht nur Rassen definiert, sondern auch eine Hierarchie von Rassen behauptet. Später hatte er eigentlich nur noch die biologische Kategorie - die wir heute auch in Frage stellen - aber keine These mehr darüber, dass es diese Hierarchie gibt."

Stellenwert im historischen Kontext hinterfragen

Gosepath glaubt, dass Hegel und Kant auch eine Form von rassistischen Vorurteilen vertreten haben: "Die Vertreter der Aufklärung sind nicht unschuldig." Die kritischen Stellen in Kants Werk sollten offen dargestellt und diskutiert werden. Entscheidend sei, wie stark Kant in historischer und gedanklicher Schuld verhaftet sei, und daran bemesse sich "ob wir mit ihnen, ihrem Andenken und mit dem Status, den sie haben, jetzt anders umgehen sollten."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

Kants These der gleichen Menschenwürde mache deutlich, dass er den Rassismus nicht aufrechterhalten könne. "Und deshalb sollten wir versuchen, an diesen zentralen Elementen festzuhalten." Kant sei sicherlich "kein Heiliger" gewesen, so Gosepath, und habe in seinem Werk auch moralische Fehler begangen.

Blick auf die Gegenwart richten

Dass sich die Wut in der Rassismusdebatte gegen die Hauptvertreter unserer Kultur und damit auch gegen Kant richtet, hält Gosepath für fehlgeleitet. Die Wut müsse sich viel mehr gegen die gegenwärtigen Verhältnisse richten. Statt Kant vom Sockel zu stürzen, sollte man sich die Bedeutung dieser Menschen klar machen:

"Wieso die irgendwer irgendwann mal auf den Sockel gesetzt hat und warum wir jetzt eine andere historische Perspektive auf diese Figuren haben. Was macht das eigentlich mit unserer Betrachtung der Gegenwart, die natürlich historisch geworden ist, aber die wir selber natürlich auch historisch verändern können. Das ist doch das, worauf es eigentlich ankommt, damit wir den Rassismus heute austreiben."

(mle)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDas Glück der Wale in der Pandemie
Ein Buckelwal springt in den Gewässern vor Australien aus dem Wasser (AAP / picture alliance / Dave Hunt)

"Verschwindet der Mensch, wird für andere Lebewesen alles besser", ist in der FAZ zu lesen. In der Pandemie mit weniger Schiffsverkehr seien Wale sorgloser und würden häufiger singen – und auch Tiere an Land verhielten sich deutlich anders.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur