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Studio 9 | Beitrag vom 07.10.2020

Kabarettist mit 83 Jahren gestorbenHerbert Feuerstein ist tot

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Der Schauspieler Herbert Feuerstein  (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Mehr als nur der Sidekick von Harald Schmidt: Herbert Feuerstein. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Berühmt wurde Herbert Feuerstein in den 90er-Jahren mit der WDR-Sendung "Schmidteinander", für die er mit Harald Schmidt verantwortlich war. Doch der gelernte Musiker blieb auch noch danach erfolgreich - jetzt ist der Kabarettist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Der Satiriker, Kabarettist und Moderator Herbert Feuerstein ist im Alter von 83 Jahren in Erftstadt gestorben. Das teilte der Westdeutsche Rundfunk in Köln mit. Feuerstein wurde 1937 im österreichischen Zell am See geboren und ist gelernter Musiker. Zunächst arbeitete er als Journalist und war von 1971 bis 1992 Macher und Chefredakteur der deutschen Ausgabe des Satiremagazins "MAD".

Berühmt durch "Schmidteinander"

Große Bekanntheit erreichte er vor allem an der Seite von Harald Schmidt in der Sendung "Schmidteinander" (1990 bis 1994), außerdem produzierte er eine Reihe erfolgreicher eigener Fernsehsendungen wie "Feuersteins Reisen". Feuerstein, der auch Orgel spielte, präsentierte Ende der 90er-Jahre für den WDR Klassiksendungen im Hörfunk sowie für das WDR-Rundfunkorchester.

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Außerdem spielte Feuerstein in Film und Fernsehen, wie etwa 2001 in "Der Schuh des Manitu" und 2004 als Synchronsprecher für den Pixar-Film "Die Unglaublichen".


Der Nachruf von Susanne Burkhardt:

Seine Antwort war Humor

Wenn man wie Herbert Feuerstein in den Salzburger Alpen groß geworden ist, von Geburt an "bestraft" mit dem Österreich-Gen, das Nörgeln bedeutet, tiefen Pessimismus, Neid und Hass, wenn man wie er einst mit Thomas Bernhard studierte und Elfriede Jelinek zur Lebensfreundin hat, dann ist es nur folgerichtig, dass Gedanken an den Tag der Geburt frei von jeder Fröhlichkeit sind.

"Ich bin ein eher scheuer Mensch", sagte Feuerstein mal, "ich fühl mich nicht wohl in Gesellschaften, kein Kumpelmensch, kann nicht feiern und ich feiere eben auch keine Geburtstage. Weil es da überhaupt keinen Grund gibt. Ich leb nicht so wahnsinnig gern, ich will auch nicht unbedingt sterben, ich selber hätte mich nicht gezeugt."

Einsame Kindheit 

Feuerstein liebte solche maßlosen Übertreibungen, in denen immer auch etwas Wahres verborgen war. Er kultivierte seine Neurosen und seine Depressionen, die vielleicht aus einer unglücklichen und einsamen Kindheit in Salzburg mit hysterischer Mutter und Nazi-Vater stammten. Aber so genau wusste man das bei ihm nie.

"Sehen Sie, das ist toll, dass man immer hinterfragt, ob was wirklich stimmt", fand Feuerstein. "Und ich hab das sehr gern, diesen Zweifel: ‚Ist das echt, ist das wahr, was er sagt?"

Seine Schwierigkeit mit menschlicher Nähe hatte den einstigen Musikstudenten vom Mozarteum in Salzburg nicht davon abgehalten, ins kollektive Medium Fernsehen zu gehen. Er war es, der "Schmidteinander" erfand und Harald Schmidt vor die Kamera holte, mit dem ihn eine mystische Antipathie verband.

Satire wie in den USA

"Schmidteinander" ist aus heutiger Sicht undenkbar ohne eine neue Form von Humor, die Herbert Feuerstein damals aus Amerika importierte. Als Chefredakteur der deutschen Ausgabe der Satirezeitschrift MAD, die er 20 Jahre leitete, flossen seine Erfahrungen ein, die er zuvor als Journalist in Amerika gemacht hatte. Infiziert von einer amerikanischen Art des Denkens und Machens erfand er Worte wie "Lechz!", "Hechel!", "Würg!" Comic-Verknappungen, die zu Leitworten wurden, für eine ganze Generation von Pubertisten. Die Jahre bei "MAD" beschrieb Feuerstein als seine wichtigsten:

"Aber ich glaube, ich hatte mithilfe von "MAD" eine Art Grundlage geschaffen – ich nenn das immer – die Infektion mit dem Virus der Verarschung. Ich erleb das bei den Medienleuten, Journalisten, Werbeleuten, die in der MAD-Zeit aufgewachsen sind, dass die sehr viel von dem Humor übernommen haben."

Publikumsliebling und überzeugter Pessimist

Herbert Feuerstein, der später vor allem als Theaterschauspieler, Autor von Reisebüchern und als Musikmoderator Erfolge feierte, war schon 50, als er zum Fernsehen kam und sich bei Harald Schmidt eine Obsttüte über den Kopf zog, um nicht gesehen zu werden. Sein Publikum gewann er immer mit einem einfachen Trick: Er gab den Loser, mit dem sich alle identifizieren konnten. Er wusste, dass der geschickte Loser am Ende der Sieger ist. Glücklich machte ihn aber auch das nicht. Denn Herbert Feuerstein war überzeugter Pessimist.

"Der Humor für mich ist eigentlich das Infragestellen von sich selber, dass man sich klar wird, dass man letzten Endes nicht nur lächerlich ist, sondern eigentlich unbedeutend. Ich sag es mal ein bisschen pathetisch: Es ist meine Form von Demut – ich kann Situationen und Menschen eigentlich nicht ernst nehmen und mich selber schon gar nicht."

In den letzten Jahren wollte Feuerstein vor allem eins: seine Ruhe. Er sei – so der Kabarettist – "ein alter Sack". Der Wunsch für eine Grabinschrift? "Er konnte ständige Nähe nicht ertragen."

"Wenn man mich fragt, was mein Ziel für die nächste Zeit ist, dann sag ich halt immer: gesund sterben", sagte Herbert Feuerstein. "Das ist ja das Los von Pessimisten, dass sie eines Tages trotzdem sterben. Und dann können sie sagen: Ich hab Recht gehabt mit meinen Befürchtungen."

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