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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.11.2014

Jury-Peinlichkeiten öffentlich"Dieser Roman scheißt mich zu"

Die Gäste bei der Verleihung der Bayerischen Buchpreise brauchten starke Nerven

Von Knut Cordsen

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((c) dpa)
Der Literaturkritiker Denis Scheck moderierte die Verleihung der mit 10.000 Euro dotierten Bayrischen Buchpreise. ((c) dpa)

Was denken sich Literatur-Juroren, wenn sie ein Buch prämieren? Bei der Verleihung der Bayerischen Buchpreise in München bekamen die Gäste einen leibhaftigen Eindruck davon. Wörter wie "ficken" und "scheißen" inklusive.

Manchmal ist Literaturkritik wie Zähneputzen: Eine Sanduhr stand auf dem Tisch in der Münchner Allerheiligenhofkirche: Dreißig Minuten hatte die dreiköpfige Jury jeweils Zeit, einen Preisträger in den Kategorien Sachbuch und Belletristik zu ermitteln. Die Verlebendigung des oft genug öden Preisverleihungszeremoniells mag als Idee dahinter gestanden haben, der Jury-Vorsitzende Denis Scheck sprach gar von der "Dekonstruktion“ dessen, was sonst nur in Hinterzimmern und nicht auf offener Bühne verhandelt wird. Wenn "Dekonstruktion“ Zerlegung und Entlarvung meint, dann stimmt das, denn endlich einmal wurde vor Publikum aufgeführt, was alles an Peinlichkeiten in Jury-Sitzungen so denkbar ist. Da wandte z.B. Franziska Augstein gegen Andreas Bernards Buch über die künstliche Reproduktionsmedizin ein, sie wüsste einfach nicht, wem sie es empfehlen solle.

Franziska Augstein: "Also künstliche Reproduktion von Kindern, das interessiert Leser nicht, die Kinder haben, keine wollen. Und mein Votum ist: Wir in der Bundesrepublik haben diverse Möglichkeiten. Und eine Frau, die keine Kinder kriegen kann, oder ein Mann, der eben keine Frau hat, mit er zusammen Kinder kriegen kann, wird nicht stigmatisiert. Dieses Buch sollte eigentlich im Land Iran erscheinen."

Dem literarischen Terzett, das sich bemühte, dem berühmten Quartett seligen Angedenkens nachzueifern, gehörte neben Franziska Augstein und Denis Scheck noch die Publizistin Carolin Emcke an. Und sie war, wie alle, voll des Lobes über Thomas Hettches schlussendlich preisgekrönten historischen Roman "Pfaueninsel“.

Hart ins Gericht gegangen

Carolin Ehmke: "Das was mich an diesem Buch so ungeheuer beeindruckt, ist, dass ich das für ein philosophisches Essay in Romanform halte. Und ich glaube, es ist wirklich das Intelligenteste, das ich je gelesen habe über das, was denn das Andere sein soll."

Franziska Augstein: "Übrigens: Die Sex-Szenen in dem Buch gehören zu den entzückendsten, zartesten Sex-Szenen, die man so finden kann."

Womit auch die berühmten "Stellen“ Erwähnung gefunden hatten, die ja schon Marcel Reich-Ranicki seinerzeit im Quartett am meisten interessiert hatten. Ganz in der Manier seines großen Vorbilds ging Denis Scheck dann hart ins Gericht mit der ebenfalls nominierten Schwarte von Nino Haratischwili, "Das achte Leben (Für Brilka)".

Denis Scheck: "Also irgendwann war mir das too much. Dieser Roman in der Reihung von Schicksal auf Schicksal auf Schicksal, der scheißt mich zu mit seinen Geschichten."

Fehlte nur noch, dass Carolin Emcke sekundierte, ihr sei die von Scheck so genannte "reflektierte Verklemmtheit“ in Thomas Kapielskis Romanhumoreske "Je dickens destojewski!“ irgendwann ganz gehörig auf die Nerven gegangen.

"Danke, dass Sie diesen Zirkus mitmachen"

Carolin Ehmke: "Also am Anfang gibt es Juckreiz und es gibt Halme und es gibt Kerzen. Und man ist fast froh, als auf Seite 200 endlich mal von Ficken geredet wird."

Ja, aber damit noch nicht genug: Es musste ja neben dem Sachbuch-Preis, der an den Historiker Ulrich Herbert und seine voluminöse "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ ging, ja auch noch der Ehrenpreis der Bayerischen Ministerpräsidenten verliehen werden. Der ging heuer an die Essayistin Silvia Bovenschen, die krankheitsbedingt den Preis für ihr Lebenswerk nicht persönlich entgegennehmen konnte. An ihrer Statt tat das "der Chefredakteur des S. Fischer-Verlags“, wie die stellvertretende bayerische Ministerpräsidentin Ilse Aigner den Cheflektor Peter Sillem nannte - in Unkenntnis des Buchgewerbes, für die ihre Lobrede ein einziger Beleg war. Sagte Aigner doch, Silvia Bovenschen schreibe in der Tradition von Virginia Woolf und "Simone de Beauvier“. Nach eineinhalb Stunden war das Ganze überstanden und Denis Scheck resümierte:

"Danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse! Danke an die Autoren, dass Sie diesen Zirkus mitmachen und dass sie die Langmut besitzen, diesen sicherlich nicht immer einfachen Moment der Entscheidung eines Literaturpreises zu erleben. Zumindest haben Sie den Trost der Transparenz."

Ein schwacher Trost. So sieht sie aus, die Eventisierung der Literatur im Jahre 2014. 

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