Julya Rabinowich: „Dazwischen: Wir“

Lieber nach vorne schauen

06:11 Minuten
Das Cover von „Dazwischen: Wir“ zeigt Buchtitel und Autorinnenname auf rotem Hintergrund. Über dem Titel ist eine Spraydose neben einer Gewitterwolke mit Blitz zu sehen.
© Hanser

Julya Rabinowich

Dazwischen: WirHanser, München 2022

256 Seiten

17 Euro

Von Sylvia Schwab · 26.01.2022
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In „Dazwischen: Ich“ schilderte Julya Rabinowich das Schicksal der 15-jährigen Madina, die mit ihren Eltern aus Afrika nach Europa geflohen war. In „Dazwischen: Wir“ zeigt Rabinowich, wie Madina versucht, ihren eigenen Weg zu finden.
Wer „Dazwischen: Ich“ nicht kennt, hat zwar was verpasst, vor allem ein tolles Leseerlebnis. Aber es ist kein Problem, sich trotzdem in „Dazwischen: Wir“ hineinzufinden. Denn die Autorin baut mit großem Geschick wichtige Informationen aus dem ersten Buch in Form von Briefen, Erinnerungen und Träumen mit ein. Und so erfährt man nebenbei, was seit der gefährlichen Flucht aus der afrikanischen Heimat passiert ist.

Woher sie kommt und wo sie wohnt, ist nicht wichtig

Seit über zwei Jahren lebt Madina jetzt mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und der Tante irgendwo in Mitteleuropa. Woher sie kommt, wo sie wohnt, ist nicht wichtig, steht ihr Schicksal doch exemplarisch für das aller Immigranten.
Die vier sind in Sicherheit: Sie haben eine Wohnung, gute Freunde und haben saubere Kleider. Madina geht sogar aufs Gymnasium. Alles könnte gut sein! Wenn nicht der Vater weiterhin verschollen wäre, die Mutter nicht mit Depressionen zu kämpfen hätte und nicht immer wieder rechtsradikale Trupps das Städtchen verunsichern würden.
Ganz unfreiwillig ist Madina mit ihren guten Sprachkenntnissen zur Managerin der Familie geworden. Manchmal läuft alles glatt und sie ist glücklich über die vielen Freiheiten, die sie in der neuen Heimat genießen darf.

Überforderte Mittlerin zwischen den Welten

Doch oft ist sie auch überfordert damit, das Leben des kleinen Bruders und der Mutter zu regeln, sich gegen rassistische Anfeindungen zu wehren und vor allem auch, sich ihren Traumata zu stellen. Denn der Krieg, vor dem ihre Familie geflohen ist, war grausam und sie bekam, weil ihr Vater Arzt war, viel zu viel mit.
Julya Rabinowich hat ihre sportliche und intelligente Protagonistin mit einem großen Feingefühl beschrieben, das ahnen lässt, dass sie die bitteren Erfahrungen der Flucht und Immigration selbst kennt. Madina gibt nicht auf, sie will „nach vorne schauen, nie nach hinten“. Schwankend zwischen Glück und Wut, Freude und Verzweiflung muss sie so aber viel zu früh erwachsen werden.

Trotzige Beschreibungen des „Dazwischen“-Lebens

Der Roman ist als Tagebuch angelegt. Dadurch kommen die Lesenden Madina ganz nah, erleben ihre Wut und ihre Wünsche, ihre Ängste und Sehnsüchte unmittelbar mit. Sensibel, aber nie larmoyant, poetisch, aber nie pathetisch, oft ernst, dann wieder ironisch erzählt das junge Mädchen so von einem schwierigen und schönen Jahr.
In einer schlichten, klaren Sprache und eindrücklichen Bildern hält sie fest, was sie erlebt und was sie bewegt. Das Schreiben selbst wird für Madina zum festen Halt auf der Suche nach dem eigenen Weg.
Zwischen den inzwischen zahlreichen Jugendbüchern über Immigration, Fremdheit und Ausländerfeindlichkeit nehmen Julya Rabinowichs Bücher mit ihren präzisen, einfühlsamen und zugleich trotzigen Beschreibungen des „Dazwischen“-Lebens einen besonderen Platz ein.
Auch ihr geschmeidiger Ton ist ein Dazwischen, balanciert Kraft und Unsicherheit, Mut und Schüchternheit vorsichtig aus. Und so wüsste man sehr gerne, wie es mit Madina und ihrer Familie weiter geht.    

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