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Musikfeuilleton | Beitrag vom 07.08.2020

Julius Stern: Komponist, Dirigent und MusikpädagogePionier des Berliner Musiklebens

Von Albrecht Dümling

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Der Komponist Julius Stern, Lithografie nach einer Fotografie, vor 1860 (picture alliance / Fine Art Images )
Der Komponist und Musikpädagoge Julius Stern um 1860 (picture alliance / Fine Art Images )

Julius Stern begann als Lehrling in einer Berliner Seiden-Fabrik. Bald aber gründete er einen Chor, ein Orchester und sogar eine Musikschule, die bald als „Stern'sches Konservatorium“ zu den wichtigsten Musikausbildungsstätten Deutschlands aufstieg.

Julius Stern kam am 8. August 1820 in einer jüdischen Familie in Breslau zur Welt. Sein Vater hatte ihm früh ersten Geigenunterricht gegeben und als Wunderkind präsentiert. 1832 zog er mit dem Sohn nach Berlin, wo der Zwölfjährige zunächst eine Lehre in einer Seidenfabrik begann. Dann aber erhielt er Unterricht in Geigenspiel und Komposition. Schon bald erschienen erste eigene Werke von Julius Stern, darunter Chorstücke und Lieder. 1841 wurde sein Lied "Mein Herz ist im Hochland" nach einem Gedicht von Robert Burns veröffentlicht.

Zum Studium nach Paris

Wegen seiner großen Fortschritte als Musiker erhielt Julius Stern 1843 vom preußischen König ein zweijähriges Stipendium, welches er auf Anraten von Felix Mendelssohn Bartholdy und Giacomo Meyerbeer für eine ausgedehnte Bildungsreise nutzte. Seine erste Station war Dresden, wo ihn Johann Aloys Miksch im italienischen Gesang unterrichtete. Nach einem Paris-Aufenthalt kehrte Julius Stern 1845 nach Berlin zurück.

Hier erhielt er Gelegenheit, im Musiksalon der berühmten Sängerin Henriette Sontag einen Frauenchor zu leiten. Daraus ging 1847 der Stern’sche Gesangverein hervor, dem zunächst nur Frauen angehörten, der sich aber bald zu einem großen gemischten Chor erweiterte. Nach vielen internen Auftritten wagte sich der Stern’sche Gesangverein im Februar 1851 erstmals an die Öffentlichkeit. Dieses Konzert im neueröffneten königlichen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt endete mit der Mendelssohn-Kantate "Die erste Walpurgisnacht".

Freund Felix Mendelssohns und Joseph Joachims 

Bei diesem Auftritt hatte die königliche Kapelle den Gesangverein unterstützt, ebenso wie im Dezember 1852 bei einem Konzert, bei dem der Geiger Joseph Joachim sein Berlin-Debüt gab.

Der Geiger Joseph Joachim um 1853 (picture alliance / akg-images / Eugen Lulves)Der Geiger Joseph Joachim um 1853 (picture alliance / akg-images / Eugen Lulves)

Besonders häufig brachte der Stern’sche Gesangverein Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy zur Aufführung, an den er in Gedenkkonzerten regelmäßig erinnerte. Zum Repertoire des Stern’schen Gesangvereins gehörten aber auch die großen Oratorien von Händel und Haydn sowie das Mozart-Requiem. 1856, als der Chor schon fast 500 aktive und passive Mitglieder umfasste, brachte er Beethovens "Missa solemnis" zur Berliner Erstaufführung. Spätestens jetzt wurde deutlich, dass der Stern’sche Gesangverein die traditionsreiche Berliner Singakademie an künstlerischer Qualität übertraf.

Gründen, was fehlt

1850, nur drei Jahre nach der Gründung seines Chores, hatte Julius Stern zusammen mit dem Pianisten Theodor Kullak und dem Musiktheoretiker Adolf Bernhard Marx eine "Musikschule für Gesang, Klavier und Komposition" ins Leben gerufen. Er selbst war hier für das Fach Gesang zuständig und unterrichtete wohl auch einzelne seiner Chorsänger. Der Pianist Julius Reubke studierte an dieser Musikschule und gab hier dann selbst Klavierunterricht. Im Jahr 1855, in dem der Dirigent Hans von Bülow als Klavierlehrer an der Berliner Musikschule begann, startete Julius Stern ein weiteres Unternehmen.

"Schulter an Schulter für die Zukunftsmusik"

Er gründete den Stern’schen Orchesterverein, der bei größeren Chorkonzerten anstelle der Königlichen Kapelle den Orchesterpart übernehmen sollte. Mit diesem neuen Ensemble führte Stern auch reine Orchesterkonzerte durch, in denen er sich einem moderneren Repertoire zuwandte. Schon im zweiten Konzert setzte er seinen jungen Kollegen Hans von Bülow als Klaviersolist und Dirigenten ein, was dieser befriedigt zur Kenntnis nahm. 

Der Musikkritiker Adolf Weißmann hat später die Zusammenarbeit Julius Sterns mit Hans von Bülow als einen Glücksfall für die Musikgeschichte Berlins bezeichnet: "Beide fortschrittlich gesinnt, beide davon durchdrungen, dass gerade Berlin des künstlerischen Motors bedarf. So müssen sie auch im nächsten Augenblick Schulter an Schulter für die Zukunftsmusik kämpfen." Die Konzerte des Stern’schen Orchestervereins kombinierten Beethoven mit Robert Schumann, Hector Berlioz, Richard Wagner und Joseph Joachim. An einem Abend dirigierte Franz Liszt eigene Werke.

Franz Liszt im Jahr 1865Franz Liszt im Jahr 1865

Zu den Neuerungen dieser Konzerte, die meist in der Singakademie stattfanden, gehörten außerdem gedruckte Programmhefte mit Werkeinführungen. Auch damit erwies sich Julius Stern als weitblickender Musikpädagoge. Obwohl sein Orchesterverein zu einer wirklichen Konkurrenz für die Königliche Kapelle, die heutige Staatskapelle, geworden war, beendete er diese Tätigkeit schon nach zwei Jahren.

Ausbildungsstätte für Berufsmusiker

Bis 1869 blieb das Konservatorium in Berlin die wichtigste Ausbildungsstätte für Berufsmusiker. Danach ging die Führungsrolle an die 1869 von Joseph Joachim gegründete "Königlich Akademische Hochschule für ausübende Tonkunst" über. Stern verlor auch seinen Kompositionslehrer Friedrich Kiel an die neue Hochschule.

1872 wurde das 25-jährige Bestehen des Stern’schen Gesangvereins mit einem dreitägigen Fest gefeiert. Zwei Jahre nach dieser Jubiläumsfeier beendete Julius Stern aus gesundheitlichen Gründen seine Tätigkeit als Chordirigent. 1877 gab er auch die Leitung des Konservatoriums auf. Den Gesangverein hatte er 27 Jahre, das Konservatorium 20 Jahre lang geleitet. Nach mehreren Schlaganfällen starb Julius Stern im Februar 1883 im Alter von erst 63 Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee begraben, obwohl er sein Judentum nie besonders hervorgehoben hatte.

Teilnehmer des Sommerlagers von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste säubern am 31.07.2015 Grabstätten auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Die jungen Erwachsenen aus Deutschland und Russland führen notwendige Pflege- und Erhaltungsarbeiten auf dem jüdischen Friedhof durch und setzen sich mit der Vergangenheit und Gegenwart jüdischen und russischen Lebens in Berlin auseinander. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)Teilnehmer des Sommerlagers von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste säubern am 31.07.2015 Grabstätten auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)

Erst nach dem Tod Julius Sterns erhielt das von ihm einst geleitete Institut den Namen Stern’sches Konservatorium. Als weiterhin privat geführte Einrichtung blieb es eine ernstzunehmende Alternative zur Hochschule für Musik. 1899 bezog das Konservatorium repräsentative Räume direkt vor der Philharmonie in der Bernburger Straße. Hier unterrichteten beispielsweise Hans Pfitzner und Leo Kestenberg. Zu den Schülern des Stern’schen Konservatoriums gehörten die Pianisten Edwin Fischer und Claudio Arrau, die Komponisten Friedrich Hollaender, Moritz Moszkowski und Mischa Spoliansky sowie die Dirigenten Otto Klemperer, Bruno Walter und Carl Schuricht.

Enteignung und Umbenennung 

Die Nazis konnten ein von Personen jüdischer Herkunft geleitetes Privatinstitut nicht akzeptieren. 1935 wurde das Stern’sche Konservatorium in städtischen Besitz überführt und in "Konservatorium der Reichshauptstadt Berlin" umbenannt. Alle jüdischen Lehrer und Schüler wurden entlassen. Auch zwei nach Julius Stern benannte Berliner Straßen erhielten nun neue Namen. Es dauerte noch bis zum Jahr 1966, bis der Name Julius Stern in Berlin wieder neue Prominenz erhielt. Damals wurde das städtische Konservatorium als Julius-Stern-Institut der Hochschule der Künste angegliedert. 

Grabstein im neuen Glanz

Im Jahr 2012 wurde Sterns Marmor-Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee restauriert, so dass die verwitterte Inschrift wieder lesbar ist.  Zwei Jahre später wurde am letzten Wohnhaus Julius Sterns in Berlin-Kreuzberg eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert, ebenso wie Cordula Heymanns Buch zur Geschichte des Stern‘schen Konservatoriums, an einen lange zu Unrecht vergessenen und verdrängten Musikpionier.

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