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Lesart | Beitrag vom 27.02.2020

Julia Voss über die Künstlerin Hilma af KlintPionierin der abstrakten Malerei

Julia Voss im Gespräch mit Frank Meyer

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Eine Besucherin stehr vor der großformatigen Gemäldegruppe "The Ten Largest"  (picture alliance / dpa / Johannes Schmitt-Tegge)
Ein Riesenerfolg: Hilma af Klint im Guggenheim Museum in New York im Jahr 2018 (picture alliance / dpa / Johannes Schmitt-Tegge)

Die schwedische Künstlerin Hilma af Klint begann 1906, abstrakt zu malen – fünf Jahre vor Kandinsky. Doch bis vor kurzem war sie kaum bekannt. Julia Voss würdigt Leben und Werk der vergessenen Pionierin in einer mitreißend geschriebenen Biografie.

"Das Werk von Hilma af Klint knallt wie ein Meteorit in eine der wichtigsten Erzählungen der Kunstgeschichte", sagt Julia Voss. Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass die Abstraktion in der modernen Malerei um 1911 entstand. Drei Männern wurde dabei eine Schlüsselrolle zugesprochen: Wassily Kandinsky, Piet Mondrian und Kasimir Malewitsch.

"Tatsächlich ist es so, dass Hilma af Klint viel früher damit angefangen hat", so Voss. "Sie buchstabiert die Abstraktion in vielerlei Weisen durch, insofern bricht diese Erzählung in sich zusammen. Das macht sie zu einer der bedeutendsten Wiederentdeckungen."

Radikal und ihrer Zeit voraus

Julia Voss hat in diese Entdeckung viel Zeit investiert. 2017 gab sie die Leitung des Kunstressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf, um sich ganz der Forschung an Klints Nachlass zu widmen. Die Künstlerin hatte selbst verfügt, dass ihre Bilder nach ihrem Tod für 20 Jahre nicht gezeigt werden sollten. Als Porträt- und Landschaftsmalerin hatte sie durchaus Anerkennung gefunden, doch mit ihren abstrakten Werken stieß sie zeitlebens auf Unverständnis.

Hilma af Klint in ihrem Atelier am Hamnagatan 5, 1895 (Moderna Museet, Stockholm)Hilma af Klint in ihrem Atelier am Hamnagatan 5, 1895. (Moderna Museet, Stockholm)

Nach vielen vergeblichen Versuchen, ihre freieren Farb- und Formexperimente auf Ausstellungen zu zeigen, kam sie zu der Ansicht, ihrer Zeit voraus zu sein. Im Vertrauen auf kommende Generationen verordnete sie ihren Werken eine Sperrfrist. Hilma af Klint verstarb 81-jährig im Oktober 1944. Doch erst seit wenigen Jahren erfahren ihre Bilder Aufmerksamkeit und sorgen weltweit für Aufsehen.

Wimmelbilder, groß wie Scheunentore

Klints künstlerisches Werk umfasst mehr als 1300 Gemälde. Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für ihren Weg in die Abstraktion sei der 1907 entstandene Zyklus "Die zehn Größten", sagt Julia Voss:

"Der Name ist Programm: Diese Gemälde messen mehr als drei Meter in der Höhe, das heißt, wir können sie uns so groß wie Scheunentore vorstellen. Und auf diesen Gemälden sehen wir verschiedene abstrakte Figuren, die sich von Station zu Station verwandeln und von einer sehr organischen Abstraktion langsam in eine geometrische sich verwandeln. Wenn man davor steht, hat man vielleicht das Gefühl, man ist selber ganz klein und schaut in ein riesiges All – oder man ist selber riesig und schaut in eine Art Petrischale: Da wuselt und schwirrt es in ungeheuer knalligen Farben."

Abstraktes quadratisches Gemälde mit Kreis- und Halbkreiselementen, mit rotem Hintergrund. (Getty Images / Heritage Images / Hulton Fine Art Images)"Der Schwan" (1914-1915). (Getty Images / Heritage Images / Hulton Fine Art Images)

Als das Moderna Museet in Stockholm Hilma af Klint 2013 mit einer Retrospektive würdigte und sie erstmals mit den Meistern der Abstraktion in eine Reihe stellte, wurden in der Fachwelt "die Ellenbogen ausgefahren", erinnert sich Julia Voss. "Viele große Institutionen äußerten sich sehr abfällig über sie." Doch fünf Jahre später widmete das Guggenheim Museum in New York ihr eine Ausstellung und feierte damit den größten Publikumserfolg in der Geschichte des Hauses. "Seitdem ist es nicht mehr so einfach, sie wegzuwischen", sagt Voss.

Unsichtbare Wesen ermutigen und loben

In Klints nachgelassenen Schriften fand Julia Voss auch zahlreiche Hinweise auf das eigenwillige Verhältnis der Künstlerin zum Spiritismus, das sie zunächst sehr irritierte: Hilma af Klint berichte von Stimmen aus einer anderen Sphäre, die ihre Arbeit an den Bildern begleiteten und kommentierten oder ihr Ideen für konkrete Motive eingaben.

"Das Schöne an diesen Stimmen ist: Sie sind sehr positiv", sagt Voss. "Sie feuern sie an, loben sie, sie sagen, dass ihr Werk paradiesisch schön geworden ist. Es sind wirklich ihre besten Freunde." Nach anfänglicher Skepsis habe sie als Biografin daher entschieden: "Ich kann diese Stimmen nicht wegerklären oder zu einem psychischen oder soziologischen Phänomen machen. Ich muss sie einfach als erzählerisches Phänomen annehmen. Und dann sind sie eigentlich auch ein Geschenk."

Portraitaufnahme von Julia Voss (Philipp Deines)Einem neuen Kapitel der Abstraktion auf der Spur: Julia Voss. (Philipp Deines)

Dazu ermutigt habe sie Isabel Allendes Roman "Das Geisterhaus", so Julia Voss: "Auch da passieren übernatürliche Dinge, und die werden nicht erklärt."

Für den Preis der Leipziger Buchmesse ist ihre mitreißend und sehr persönlich geschriebene Biographie nichtsdestotrotz der Sparte Sachbuch zugeordnet. Sie lädt dazu ein, eine faszinierende Persönlichkeit und eine radikale Künstlerin kennenzulernen, die von der Kunstgeschichte lange ignoriert wurde.

(fka)

Julia Voss: "Hilma af Klint - 'Die Menschheit in Erstaunen versetzen'"
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020
600 Seiten, 25 Euro

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