Cruschwitz und Haentjes: „Femizide“

Wie sich Frauenmorde verhindern lassen

05:10 Minuten
Das Cover des Buches "Femizide" von Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes
© S. Hirzel Verlag

Julia Cruschwitz, Carolin Haentjes

Femizide – Frauenmorde in DeutschlandHirzel , Stuttgart 2021

216 Seiten

18 Euro

Von Ramona Westhof · 19.01.2022
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Immer wieder werden Frauen in Deutschland von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet. Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes haben mit Überlebenden, Angehörigen und Experten gesprochen. Sie zeigen: Es gibt Wege, um Frauenmorde zu verhindern.
Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes sind Journalistinnen. Sie drehen sonst Fernsehbeiträge oder schreiben fürs Radio. Das merkt man auch ihrem Buch an. Die Autorinnen beschreiben aus der Ichperspektive, wie sie sich nach einem Fall in der eigenen Stadt dem Thema Femizide annähern. Sie treffen dafür Überlebende, Angehörige und Experten wie Juristinnen, Sozialarbeiter oder Soziologinnen. 

Schwere Thematik in leichtem Ton

Die Gespräche sind wie in einer Reportage szenisch beschrieben: Onlinetreffen, schnelle Telefonate; eine Hebamme, die zu Wort kommt, hat kurze graue Haare, bietet Kaffee an und belegte Brötchen. Diese Art des Schreibens hilft, dem Buch zu folgen. Es ist kein trockenes Sachbuch, sondern es erzählt locker und trotzdem informativ. Das macht die schwere Thematik und die vielen, vielen Femizide, die das Buch beschreibt, leichter zu ertragen.
Die beschriebene Hebamme etwa kann ihren Beruf nicht mehr ausüben, nachdem der Partner einer Klientin die gemeinsamen Kinder tötete. Die Hebamme habe vergeblich versucht, die Frau in einem Frauenhaus unterzubringen. Als die Frau dann nach einem Angriff des Mannes im Krankenhaus war, habe das Jugendamt die Kinder beim Vater belassen.

Drohungen werden nicht ernstgenommen

Vermeintliche Fehler der Behörden ziehen sich durch viele der Fälle, die das Buch sehr detailliert beschreibt: Eine Mutter erzählt, das Familiengericht habe ihr geraten, eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt gegen den Ex-Partner zurückzuziehen. Was sie aus Angst, das Sorgerecht zu verlieren, auch tat.
Stalking und Drohungen werden nicht ernstgenommen, häufig arbeiten die zuständigen Stellen wie Jugendamt oder Polizei nicht zusammen. Wichtige Schlüsse, die helfen könnten, einen Femizid zu verhindern, werden so nie gezogen. Frauenhäuser sind chronisch unterfinanziert und haben nicht genügend Plätze.
Zudem ist die Rechtsprechung widersprüchlich: Frauen, die von ihren Partnern geschlagen wurden, bekommen keine Entschädigung, weil sie „freiwillig“ in der Beziehung geblieben seien. Trennt sich aber eine Frau, die dann vom Ex-Partner getötet wird, kann ihm das als strafmildernd ausgelegt werden.

Die Autorinnen zeigen Lösungsstrategien auf

Neben all der Probleme nennen die Buchautorinnen aber auch Lösungsstrategien: Ein Sozialarbeiter berichtet aus der Täterarbeit, die die Opfer akut schützt und Rückfälle verhindern kann. Der Juristinnenbund setzt sich für eine Justizreform ein, weltweit machen Aktivistinnen auf das Problem der Femizide aufmerksam. In einigen Bundesländern gibt es mittlerweile ein sogenanntes Hochrisikomanagement, in dem verschiedene Behörden zusammenarbeiten, um Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen.
Schließlich gibt es auch einen Ausblick nach Spanien. Dort, so schreiben die Autorinnen, wird häusliche Gewalt als geschlechterspezifisches Problem etwa auch in Gesetzestexten anerkannt, es gibt eigene Schwerpunktstaatsanwaltschafen. Das alles habe Erfolg: Die Zahl der Femizide habe in Spanien 2020 auf einem Tiefstand gelegen.

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