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Lesart | Beitrag vom 29.04.2021

Juli Zeh, Thea Dorn und Daniel KehlmannSie blicken nicht auf sich, sondern auf die Welt

Von Jörg Magenau

Bildkomposition mit den Porträts von Juli Zeh, Daniel Kehlmann, Thea Dorn. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Thomas Bartilla, picture alliance / Claudio Bresciani, imago / teutopress )
Juli Zeh, Daniel Kehlmann und Thea Dorn zeigen, wie ein intelligenter Debattenbeitrag funktioniert. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Thomas Bartilla, picture alliance / Claudio Bresciani, imago / teutopress )

In der "Zeit" diskutieren Juli Zeh, Thea Dorn und Daniel Kehlmann über Corona und die politischen Reaktionen – und zeigen anders als die "#allesdichtmachen"-Videos, wie eine intellektuelle Debatte funktioniert.

Es gibt sie noch: Schriftsteller als Intellektuelle. Schriftsteller, die nicht bloß über ihren aktuellen Roman, autobiografische Hintergründe oder Fragen ihres Handwerks sprechen, sondern sich zu drängenden politischen und gesellschaftlichen Problemen äußern. Die ihre Prominenz nutzen, um sich für eine Sache oder einen Gedanken einzusetzen.

Das ist ziemlich aus der Mode gekommen seit den Zeiten von Günter Grass und Heinrich Böll, weil der Groß-Gestus des kritischen Mahners, des weisen Ratgebers und universellen Bescheidwissers sich verbraucht hat.

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So ist es in jeder Hinsicht bemerkenswert, wenn in der aktuellen Ausgabe der "Zeit" Juli Zeh, Thea Dorn und Daniel Kehlmann sich Gedanken über die Coronapolitik der Regierung machen. Viel mehr kann das literarische Deutschland an Auflagenstärke und Prominenz nicht zusammenbringen.

Wenn die Schauspieler-Videoaktion mit Jan Josef Liefers und vielen anderen auf Youtube eine Art Türöffner dafür war, dann hätte sie sich durchaus gelohnt. Denn es ist eine Wohltat, drei intelligenten Menschen beim Nachdenken und Erproben von Meinungen und Zweifeln zuzuschauen. Schrille Thesen haben sie gar nicht nötig.

Beifall von der falschen Seite ist nicht zu befürchten

Endlich einmal geht es nicht bloß um Inzidenz- und R-Werte, um Hochrechnungen und düstere Prognosen und das mehr oder weniger effiziente politische Management der Ängste und Erwartungen. Stattdessen geht es um umfassende Fragen, die größer sind als Corona.

Stimmt es, wie Thea Dorn meint, dass "Todesverhinderung" zum dominierenden Ziel der Politik geworden ist? Und würde dieses doch letztlich vergebliche Ziel alle Maßnahmen der Regierung rechtfertigen? Wie weit dürfen die Freiheitsrechte eingeschränkt werden? Stimmt es, dass Sicherheit und Gesundheit wichtiger geworden sind als Freiheit, wie Juli Zeh feststellt? Dass die Freiheit des Einzelnen geradezu als Bedrohung erlebt wird?

Tendenzen, dass die Gesellschaft sich in diese Richtung entwickelt, gab es schon lange. Corona hat sie bloß verstärkt und sichtbarer gemacht. Gesundheit ist zu einem moralischen Imperativ der sozialen und ökonomischen Verantwortung geworden. Was bedeutet das dann aber fürs Zusammenleben?

Unwohlsein am fortgesetzten Ausnahmezustand

Kehlmann, Zeh und Dorn ist das Unwohlsein am fortgesetzten Ausnahmezustand anzumerken. Dabei sind sie viel zu klug, um den Beifall von der falschen Seite, von Querdenkern und AfD, fürchten zu müssen, der die eher ziellose, flach ironische Videoaktion der berufsbeleidigten Schauspieler rasch implodieren ließ. Das Gespräch der Schriftsteller aber ist eröffnet.

Sie blicken nicht auf sich, sondern auf die Welt und melden ihre Fragen und Zweifel an. Diese Zweifel sind notwendig. Die Frage, wieviel Ausnahmezustand eine Gesellschaft verträgt, wird uns deutlich länger beschäftigen als die Pandemie selbst.

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