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Fazit | Beitrag vom 26.12.2020

Jürgen Renn über die Vermittlung von ForschungWir brauchen eine neue Aufklärung

Moderation: Gabi Wuttke

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Interview mit Jürgen Renn Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, 12.11.2015. (imago images / Christian Thiel)
"Wir vergessen, wie viele Lösungen von Menschheitsproblemen die Wissenschaft uns gebracht hat", so Renn. (imago images / Christian Thiel)

In der Reihe „Das große Innehalten“ beleuchten wir, wie die Coronapandemie unser Leben verändert. So müssten wissenschaftliche Errungenschaften wie das Impfen viel besser vermittelt werden, sagt der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn.

"Die Coronakrise ist ein Weckruf. Das ist der Beginn einer neuen Zeit, in der wir uns alle sehr viel mehr mit Wissenschaft und auch dem Prozess von Wissenschaft auseinandersetzen müssen", sagt Jürgen Renn. Er ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und hat an Vorschlägen der Leopoldina für den Umgang mit der Pandemie mitgearbeitet.

Zwar habe sich die Wissenschaft nie ausschließlich in den Elfenbeinturm zurückgezogen, wie es oft heißt, doch sei sie nie so sehr im Vordergrund gewesen wie jetzt, sagt Renn. Wissenschaftliche Entscheidungen prägen direkt unseren Alltag, man denke nur an die Diskussionen über den Nutzen sogenannter Alltagsmasken: "Man nimmt als Gesellschaft teil auch an diesem Prozess von Wissenschaft, den Kontroversen, den ständig neuen Erkenntnissen. Und das ist schon ein wirklich neues Phänomen."

Aus der Coronakrise lernen

Doch auch in der Vergangenheit spielte die Wissenschaft eine öffentliche Rolle, wie Renn erklärt, zum Beispiel als es um die Atombewaffnung ging, oder wenn wir an die Klimakrise denken. "Aber das Besondere in diesem Jahr ist wirklich die ungeheure Dringlichkeit", sagt Renn. Er meint, daraus sollte man für die Zukunft lernen.

Auch Themen wie Gentechnik, Klimawandel oder Biodiversität "gehören wirklich mitten in die Gesellschaft", wo sie diskutiert und wahrgenommen werden müssten, um daraus gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen, sagt Renn. "Und dazu brauchen wir die Wissenschaft in dieser neuen Aufstellung: sehr interdisziplinär, sehr kooperativ und im Dialog mit der Gesellschaft und der Politik."

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Dass 15 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Deutschlands an der Existenz des Coronavirus zweifeln, deute ein Stück weit auf eine Bildungskrise hin, erklärt Renn: "Eine Krise, in der die Wissenschaft in der Bildung offenbar eine zu geringe Rolle gespielt hat und in der wir auch einige Erfahrungen der Vergangenheit vergessen haben."

Erfolge dank Forschung

Gemeint sind die Errungenschaften in der Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen gegen Kinderlähmung und Tollwut beispielsweise oder die Erfolge im Kampf gegen die Pest im Mittelalter. "Wir vergessen, wie viele Lösungen von Menschheitsproblemen die Wissenschaft uns gebracht hat." Stattdessen fokussiere man sich sehr auf die Probleme der Wissenschaft, sagt Renn.

Angesichts dieser verbreiteten Skepsis plädiert der Wissenschaftshistoriker für eine "neue Aufklärung", wie er sagt, eine, "die uns das Wissen der Menschheit, das wir nun einmal erworben haben, auch lebendig erhält, sodass wir es für die zukünftigen Herausforderungen verwenden können". Dazu müssten gerade die Neuen Medien, in denen Fake News kursieren und in denen man widerspruchsfrei in der eigenen Blase verharren kann, viel stärker in den Blick genommen werden, sagt Jürgen Renn.

(ckr)

In der Reihe "Das große Innehalten" kommen eine Woche lang namhafte Experten und Expertinnen zu Wort, die anhand von sieben Lebensbereichen beleuchten, was die Pandemie mit uns gemacht hat. Wer werden wir sein, wenn sie vorbei ist? Es geht um die Themen Freundschaft, Vertrauen, Wohnen, Heimat, Wissenschaft, Zeitempfinden und Mode.

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Heimatbegriff in der Pandemie - Trautes Heim – Glück allein
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