Zum Tod von Jürgen Habermas
Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas (1929-2026) © picture alliance / dpa / Martin Gerten
Ein Leben für den Diskurs
18:37 Minuten

Philosoph, Denker, Demokrat: Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Mit seinen Werken zur Diskursethik und Öffentlichkeit prägte er die politische Kultur Deutschlands – und blieb bis zuletzt eine moralische Stimme.
Kaum ein Philosoph hat mit seinen Werken höhere Auflagen erzielt als Jürgen Habermas. Und kaum ein deutscher Intellektueller hat mit seinen Einmischungen in die Politik eine größere Wirkung erreicht als er. Herausragend in seinem voluminösen Lebenswerk ist jene Sprach- und Kommunikationstheorie, mit der er stets das Verräterische an Sprache zu dechiffrieren versuchte.
So auch 2001 in seiner Dankrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche: „Die Sprache des Marktes dringt heute in alle Poren ein fast aller zwischenmenschlichen Beziehungen, in das Schema der Orientierung an je eigenen Präferenzen. Das soziale Band geht aber in den Begriffen des Vertrages, der rationalen Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.“
Habermas kam 1929 in Düsseldorf zur Welt. Im oberbergischen Gummersbach wuchs er auf, ehe er als Student an die Bonner Universität wechselte und dort im Fach Philosophie promovierte. Am Hofe der soziologisch renommierten Frankfurter Schule wurde Habermas mit 27 zum Assistenten von Theodor W. Adorno geadelt. Doch der Geist am ruhmreichen Institut für Sozialforschung war eher ungemütlich. Habermas traf dort auf eine ihm fremde hermetische Einstellung gegenüber der zeitgenössischen Philosophie.
Ein neuer Denkansatz
Sein späterer Schüler, Axel Honneth, schildert die Frankfurter Anfänge: “Im Institut musste er dann feststellen, dass die Atmosphäre eher repressiv war, sehr stark gesteuert, zusammengehalten, organisiert durch die übermächtige Figur von Max Horkheimer und nur im Hintergrund gesteuert durch die viel leisere auch zerbrechlichere Gestalt Theodor W. Adornos. In diesem Milieu hat sich Habermas nicht wohl gefühlt, vor allen Dingen, weil er feststellte, dass Max Horkheimer ihm in gewisser Weise misstraute.“
Dies lag an seinem neuen Denkansatz, wonach die Möglichkeit des Utopischen in der sprachlichen Verständigung liege. Und das heißt: Zustimmung zu finden durch den "zwanglosen Zwang des besseren Arguments". Damit sollte Jürgen Habermas den Horizont der klassischen Kritischen Theorie überschreiten, was ihm aber Traditionalisten der Frankfurter Schule stets als Bruch oder sogar Verrat anzukreiden versuchten. In Wahrheit hat Habermas die alten Motive der Herrschaftskritik bewahrt, sie aber nur auf eine neue Grundlage gestellt.
Schien bei Kulturpessimisten wie Horkheimer und Adorno der Weg in die Emanzipation nahezu vollständig verschlossen, so sah Habermas in der sprachlichen Verständigung die befreiende Möglichkeit eines zwanglosen Umgangs untereinander. Axel Honneth: „Es entsteht nun der weitreichende und bis heute eben leitende Gedanke, dass die sprachliche Kommunikation, die uns dabei hilft, uns über relevante Dinge unserer Umwelt zu verständigen, dass diese sprachliche Kommunikation auf zwanglose Verständigung angewiesen ist.“
Seine Unbefangenheit im Umgang mit zeitgenössischer Philosophie war gleichsam der Antriebsmotor eines beispiellosen Denkprojektes, aus dem Anfang der 1980er-Jahre sein Meisterwerk entstehen sollte, die "Theorie des kommunikativen Handelns". Habermas versuchte darin mehrere, zum Teil sogar von Hause aus widerstreitende philosophische Denkrichtungen wie Legobausteine zu einem tragfähigen und utopiegerechten Gesamtgebilde zusammenzufügen.
Offenheit, Neugier, Streitlust – Habermas lebte den Diskurs. Als er von Frankfurt nach Heidelberg auf seinen ersten Lehrstuhl wechselte, entschied er sich mit Oskar Negt für einen strengen Marxisten als Assistenten. Dieser wunderte sich noch nach Jahrzehnten über seine Berufung: „Ich habe mir so das erklärt, dass Habermas einen Gesprächspartner von links sucht. Und so viel habe ich nie diskutieren müssen wie in diesen zwei Jahren in Heidelberg. Alle diese Gespräche drehten sich um Auseinandersetzungen mit Marx.“
Habermas und die Studentenrevolte
Als Habermas 1965 an der Frankfurter Universität den Lehrstuhl des inzwischen emeritierten Max Horkheimer übernehmen sollte, geriet er vollends in die Wirren der Studentenrevolte und durchlitt einen akademischen Außeralltag mit Anfeindungen, Institutsbesetzungen, Polizeieinsätzen, Vollversammlungen. Zwar hatte er schon frühzeitig mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) sympathisiert. Aber völlig kritiklos war seine Solidarität mit dem Studentenprotest nicht zu haben. So kam es im Juni 1967 in Hannover auf der Trauerfeier für den erschossenen Studenten Benno Ohnesorg zu einem folgenreichen Eklat.
In seinem Bemühen, den aktionistischen Eifer der aufgebrachten Studenten bremsen zu wollen, stieß sich Habermas vor allem an der fanatischen Diktion des Studentenführers Rudi Dutschke. Dieser würde einer „voluntaristischen Ideologie“ anhängen, „die man im Jahre 1848 utopischen Sozialismus genannt hat, die man aber unter heutigen Umständen – jedenfalls glaube ich Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen - ‚linken Faschismus‘ nennen muss.“
Damit war das böse Wort in der Welt: Linksfaschismus. Dazu der Hamburger Protestforscher Wolfgang Kraushaar: „Dutschke hat in der Tat vom ‚Willen‘ gesprochen. Dass es jetzt nur noch vom Willen abhängig sei, um wirklich Veränderungen herbei zu führen, und dann hat er in einer Art von Nachhang zu diesem Voluntarismusvorwurf von einem ‚linken Faschismus‘ gesprochen. Dieser Vorwurf hat schon direkt in Hannover für böses Blut gesorgt. Habermas selber hat während des Deutschen Herbstes, also während der Schleyer-Entführung 1977 im Oktober, von einem verunglückten Etikett und einer Überreaktion gesprochen.“
Dennoch sollte ihn jenes polemische Diktum noch lange verfolgen. Das Tischtuch mit den 68ern schien auf ewig zerschnitten, obwohl ihm doch spätere Radikalisierungstendenzen in der Szene bestätigen sollten. „Der hat letzten Endes nicht so ganz falsch gelegen damit, dass sich aus der 68er-Bewegung Splittergruppen heraus entwickeln würden, die auch tatsächlich dann in den Untergrund gegangen sind und Gruppen wie die RAF gegründet haben.“
Attacken von links und rechts außen
Während der sozialliberalen Reformära in Bonn entwickelte sich Habermas immer mehr zur herausragenden linksintellektuellen Stimme im öffentlichen Diskurs zur Lage der Republik. Dabei musste er sich stets an zwei Konfliktlinien behaupten – gegen Rechtskonservative und Linksradikale. So versuchten die Rechtskonservativen ihm und der Frankfurter Schule eine gewisse geistige Nähe zum Terrorismus unterzuschieben.
An die Attacken von ganz links erinnert Kraushaar: „Die andere Seite besteht darin, dass er sich verwehrt hat dagegen, dass es eine Art von Überreaktion gab, die gemeint haben, man könne die Bundesrepublik, die bundesdeutsche Demokratie als Ausdruck eines latenten neuen Faschismus interpretieren.“
Genervt von den vielen Frankfurter Querelen zog sich Habermas in den 1970er-Jahren in die Forschungsarbeit zurück. Er wechselte an das renommierte, von Carl Friedrich von Weizsäcker geleitete Starnberger Max-Planck-Institut zur „Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“.
So wissenschaftlich produktiv sich diese Phase für ihn auch gestaltete, als Institutsleiter stieß er an seine Grenzen im Umgang mit konfliktstrategisch erprobten Mitarbeitern und Betriebsräten, so dass er Anfang der 1980er-Jahre resignierte. Es habe „viele Sargnägel“ zu seiner Kündigung gegeben, meint im Rückblick Habermas` Starnberger Mitarbeiterin, die Sozialpsychologin Gertrud Nunner-Winkler.
Besonders getroffen habe ihn auch die mehrmalige Ablehnung einer Honorarprofessur an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. Die Gründe hierfür blieben undurchsichtig: "Hat er sich gegen den Radikalenerlass gewendet? Waren die anderen Kollegen eifersüchtig? Da gab es auch die Great-Man-Theory, nämlich der Habermas hat die Studentenrevolution angezettelt. Ist ja klar: Der hat ganz Berkeley auf die Straße getrieben. Und jetzt kommt er bei uns, und will die Studenten aufwiegeln. Oder aber auch Konkurrenz: Der nimmt uns die besten Studenten weg.“
Die Öffentlichkeit als Praxis
Die Abwehr gegenüber Habermas hing weniger mit seinem längst anerkannten Theoriewerk als vielmehr mit seiner Grenzgängerschaft zusammen. Denn stilprägend hatte er es verstanden, seine Rolle als innovativer Sozialphilosoph mit der des engagierten Intellektuellen zu vereinen. Dieses politische Engagement war die Konsequenz seiner politischen Philosophie, in deren Mittelpunkt der Begriff der Öffentlichkeit steht.
Er habe stets die Probe aufs Exempel machen wollen, wie es Habermas-Biograf Stefan Müller-Doohm einmal ausdrückte: Die Produktivkraft Kommunikation unter Beweis stellen. Häufig wegweisend meldete er sich zu Wort. Zum Beispiel im deutschen Terrorherbst 1977, als sich Habermas gegen inquisitorische Tendenzen im aufgeschreckten Land zur Wehr setzte – in überwiegend erregten Debatten mit gegnerischen Geistesgrößen wie Golo Mann, Kurt Sontheimer oder Wilhelm Hennis.
Auch 1986 gab es für ihn kein Halten mehr. Als Nicht-Historiker brach Habermas die "Historikerdebatte" vom Zaun. Der Grund: Einige deutsche Geschichtswissenschaftler wollten den Genozid an den europäischen Juden relativieren.
Der Publizist Micha Brumlik zeichnet die Konfliktlinien nach: „Ernst Nolte hat die inzwischen allgemein als absurd vertretende These aufgestellt, dass der Hitlersche Antisemitismus mit samt seinen genozidalen Folgen letzten Endes eine Reaktion auf die sogenannte asiatische Tat der Bolschewisten gewesen sei.“
Habermas hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Willkommensgruß gegenüber der Kultur des Westens bei ihm und einem großen Teil seiner Generation aus der Scham über die NS-Zeit erwachsen war. Was er 2014 nochmals unterstreichen sollte. „Es war ein Leichenberg. Es war ein Berg voll Skeletten. Und dann sah man, dass diese Menschen tatsächlich noch lebten. Und wenn sie so 15, 16 sind, dann ist es ganz egal, was sie sonst noch im Kopf haben. Und sie sehen: Das war´s, wo Du drin gelebt hast. Alle, denke ich, meine Generation mussten darauf reagieren.“
Die Idee des Verfassungspatriotismus
Sein politisch größtes Verdienst landete der mittlerweile weltweit anerkannte Sozialphilosoph Ende der 1980er Jahre, als er in den erhitzten Diskussionen um die sogenannte „geistig-moralische Wende“ und ein positiveres Nationalgefühl einen Begriff in die Debatte streute, den er bei seinem früheren Heidelberger Kollegen Dolf Sternberger entdeckt hatte und nunmehr neu prägen sollte. Die Rede ist vom Verfassungspatriotismus.
Micha Brumlik erklärt die Ausgangsfrage beim Zustandekommen dieses Topos: „Kann es so etwas wie eine Stimmung, ein Gefühl der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger geben, das sich sehr wohl auf die deutsche Vergangenheit mitsamt dem Zweiten Weltkrieg und den Holocaust bezieht, was aber dennoch eine gewisse Freude oder vielleicht sogar einen gewissen Stolz auf das politische System der Bundesrepublik Deutschland beinhaltet, eines Staates, der mit dem Grundgesetz tatsächlich eine der liberalsten und universalistischsten Verfassungen der Welt darstellt?“
Während konservative Geister diesen Begriff als zu „blutleer“ für eine nationale Identifikation empfanden, gab es auch Einwände von links, zum Beispiel von seinem langjährigen Freund Oskar Negt: „Und für mich bestand die Kontroverse mit Habermas immer darin, dass in diesem Verfassungspatriotismus die Unterseite der Lebensverhältnisse nicht einbegriffen ist. Die Unterseite der Lebensverhältnisse bedeutete wahrzunehmen, was eigentlich mit der Arbeitsgesellschaft geschieht.“
Debatten über Nation und Religion
Dennoch: Der Begriff Verfassungspatriotismus machte Karriere im linksliberalen Milieu. Doch kaum, dass es Habermas damit gelungen war, eine Brücke zur Aussöhnung mit der vormals häufig verteufelten Bonner Republik zu bauen, ereigneten sich Mauerfall und Deutsche Einheit. Auch Habermas wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Seine Kassandrarufe wegen eines "DM-Nationalismus", einer Rückkehr zum alten Nationalstaat, oder einem neuen Geschichtsrevisionismus erwiesen sich als zu alarmistisch. Er musste zurückstecken.
Doch der Zeitdiagnostiker Habermas blieb am Ball. Als ihm einen Monat nach Nine-Eleven der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, versuchte er das grauenhafte Geschehen in New York als Wiederkehr der Religion zu deuten. „Die zum Selbstmord entschlossenen Mörder, die zivile Verkehrsmaschinen zu lebenden Geschossen umfunktionierten und gegen die kapitalistischen Zitadellen der westlichen Zivilisation richteten, waren durch religiöse Überzeugungen motiviert. Trotz seiner religiösen Sprache ist der Fundamentalismus ein ausschließlich modernes Phänomen.“
Habermas führte fortan Kontoversen über den öffentlichen Gebrauch der Religion, darunter auch mit Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt. Axel Honneth referiert den Kursschwenk seines Lehrers: „Dass die Religion ihre für den einzelnen möglicherweise bestimmende Bedeutung nicht unbedingt und zwangsläufig verlieren muss, sondern auch die moderne Demokratie. Unsere moderne Gesellschaft muss sich auf den Sachverhalt einstellen, dass die Bürgerinnen und Bürger religiös orientiert bleiben können.“
Demokratiedefizite der EU und der Krieg in der Ukraine
Ihn trieben auch die Demokratiedefizite der EU um. Er, der sogar die Vision einer Weltbürgergesellschaft ohne Weltregierung beschworen hatte, musste noch die Dauerkrise Europas miterleben: „Angesichts einer Globalisierung, die sich über entgrenzte Märkte durchsetzt, erhofften sich viele von uns eine Rückkehr des Politischen als weltweit zivilisierende Gestaltungsmacht. Im Augenblick bleibt uns nicht viel mehr als die fahle Hoffnung auf eine List der Vernunft und auf ein wenig Selbstbesinnung.“
Auch nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine meldete sich Habermas öffentlichkeitswirksam zu Wort. So plädierte er für Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Zwar musste er eingestehen, dass der Westen durch Russland „erpressbar“ geworden war, riet jedoch davon ab, mit gleichen militärischen Mitteln zu antworten. Eher sollte eine vorsichtige, zurückhaltende Politik gegenüber den russischen Aggressoren betrieben werden. Das wurde ihm übelgenommen.
Wie schon seine schwankende Haltung während des Kosovo-Krieges, als es 1999 zum ersten kriegerischen Einsatz der Bundeswehr gekommen war. Habermas bejahte dies damals, „zu 51 Prozent“, wie er sagte, während er „zu 49 Prozent“ Bedenken anmeldete. Dies verstörte viele seiner Schülerinnen und Schüler, die in ihm gern einen pazifistischen Friedenspapst gesehen hätten.
Ein Leben in öffentlichen Kontroversen
„Habermas hat lebenslang kämpferisch agiert, sich eingemischt in öffentliche Kontroversen, um das durchzusetzen, was ihm wichtig ist, noch seit den 2000ern in der Eugenik-Debatte, Willensbildungs-, Religionsdebatte, Europadebatte", sagt Gertrud Nunner-Winkler, eine von vielen Wissenschaftlerinnen, die unter Habermas ihren Weg fanden, und von denen eine andere, die erfolgreiche Journalistin Carolin Emcke, 2016 in seiner Gegenwart den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.
Was sie in ihrer Dankesrede zu den Menschenrechten formulierte, verriet beste Habermas-Schule: „Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird“.
Sein Schüler und Wegbegleiter Axel Honneth und der Hamburger Protestforscher Wolfgang Kraushaar würdigen den Sozialphilosophen und öffentlichen Intellektuellen Habermas: „Eine enorme Tatkraft, tiefes Interesse an anderen Denktraditionen, starke Bereitschaft, auch anderen Stimmen zuzuhören. Also insgesamt eine großartig übermächtige Figur, die Deutschland über Jahrzehnte dominiert hat – intellektuell.“ „Es gibt aus meiner Sicht niemand anderen, der so sehr als Kritiker aber auch letztlich als Unterstützer der bundesdeutschen Demokratie, die Geschichte der selbigen über einen so langen Zeitraum hinweg begleitet hat.“























