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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 15.06.2018

Jüdische Kultur in NordafrikaDas Judentum gehört zu Marokko

Von Christiane Kreiner

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Synagoge Bet-El, Casablanca (imago/Bluephoto Agency)
Blick in die Synagoge Bet-El in Casablanca, Marokko (imago/Bluephoto Agency)

Bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts lebten 270.000 Juden in Marokko, dann wanderten die meisten nach Israel aus. Geblieben sind eine kleine Gemeinde, zahlreiche Synagogen – und die Erinnerung an ein friedliches Zusammenleben der Religionen.

Ein Musikkeller in einem Hinterhof, irgendwo in der Millionenstadt Casablanca. Unter einer Diskokugel haben sich ein Dutzend Musiker mit ihren Instrumenten versammelt – mit traditionellen Lauten, Flöten, Tablas, aber auch mit Schlagzeug und Keyboard. Maurice Elbaz, ein quirliger Mann Mitte 40, Musiker und Musikproduzent, hat die Künstler zusammengebracht – er probt mit seinem Orchester Zalman Zalman für das nächste Konzert.

"Aktuell versuchen wir mit dem Orchester Zalman Zalman die marokkanische Sgury-Musik wiederzubeleben. Sgury ist nicht ein besonderer Musikstil, sondern eher eine Playlist. Es ist eine Playlist maghrebinischer Lieder, die die Juden lieben und übernommen haben. Bevor es Radios und CDs gab, haben Orchester das live gespielt.

Hier gab es in den 60er- und bis Anfang der 70er-Jahre viele Orchester, die diese Musik gespielt haben. Und es gab auch noch viele Juden hier in Marokko, mehr als 100.000. Und die Juden hatten einen großen Bedarf an Musik im Gegensatz zu den Muslimen. Musik war da eher verboten, sie feierten ihre Feste nicht mit Musik. Aber die Juden schon. Sie feiern alle großen Feste mit Musik: Hochzeit, Bar Mizwa, Beschneidung. Damals gab es enorm viel Arbeit für die marokkanischen Orchester für die Juden."

Muslimische Musiker und jüdische Sänger

Das hat sich mittlerweile geändert. Es sind nun muslimische Musiker, die mit dem jüdischen Sänger Coco Diam zusammenspielen. Er, ein Mann Mitte 50, ist einer der beliebtesten jüdischen Sänger in Marokko. Coco steht den Musikern gegenüber, hat sie im Blick, wartet auf seinen Einsatz. Auf dem Notenständer vor ihm liegen Liedtexte in Arabisch, Hebräisch und Französisch.

"Von allen Liedern gibt es Adaptionen auf Arabisch, Hebräisch und Französisch. Was daraus entstand ist der 'matruse', entwickelt in Marokko. Und wenn es zwei Sänger gab, der eine muslimisch, der andere jüdisch, dann begann der eine mit einer Phrase oder Textzeile in Hebräisch und der andere antwortete auf Arabisch oder umgekehrt."

"Allahu Akbar", der muslimische Ausruf: "Allah ist groß‟, der für alle möglichen Anlässe benutzt wird – offenbart als jüdischer Freudengesang das besondere marokkanische-jüdische Lebensgefühl, eine über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Verbundenheit. Maurice und seine Frau Vanessa Paloma bringen die jüdische Kulturszene in Casablanca zum Vibrieren. Maurice hat ein eigenes Label gegründet, "Soundofmorocco".

Er veröffentlicht Video-Clips auf YouTube, zeichnet aber auch die klassisch sephardischen Konzerte seiner Frau auf. Wenn Vanessa Paloma in der Synagoge Benarrosh in Casablanca auftritt, dann steht sie in traditioneller jüdisch-marokkanischer Tracht inmitten eines muslimischen Orchesters, die Musiker um sie herum tragen beigefarbene lange Gewänder, Dschellabas, und rote Fese auf den Köpfen.

Synagoge Bet-El, Casablanca (Deutschlandradio / Christiane Kreiner)Blick in die Synagoge Bet-El in Casablanca, Marokko (Deutschlandradio / Christiane Kreiner)

Vannessa Paloma Elbaz arbeitet an ihrer Abschlussarbeit der Musikwissenschaften. Ihr Thema sind die sephardischen Gesänge der Frauen in der marokkanischen Musik. Die Frau Anfang 40, gerade Mutter geworden, pendelt dafür zwischen Paris und Casablanca. Aufgewachsen ist sie in Südamerika und hat in London studiert. Die Musik hat sie nach Tanger und dann nach Casablanca gebracht.

Anders als orthodoxe jüdische Frauen bewegt sie sich ganz frei im muslimischen Casablanca, geht auf Gemüsemärkte und natürlich auch zur koscheren Metzgerei. Die Musikerin und Musikwissenschaftlerin arbeitet seit Jahren an einem jüdisch-marokkanischen Sound-Archiv. Sie sammelt und dokumentiert jüdische Musik aus Marokko, aber auch Stimmen und Erzählungen von Zeitzeugen über das jüdische Leben hier:

"Man hat sich respektiert gefühlt. Es war möglich, seine eigene jüdische Sphäre zu haben. In dieser konnte man persönlich machen, was man wollte. Und diese Privatsphäre war geschützt, auch legal, weil die Juden auch heute noch ihre eigene Gerichtsbarkeit haben. Die jüdischen Richter werden von der marokkanischen Regierung bezahlt. Sie sind marokkanische Beamte, die Rabbis! Juden gehen nur dann zu einem muslimischen Gericht, wenn es etwas mit einem Muslim zu verhandeln gibt. Aber Familienrecht, Hochzeiten, Geburten, Tod, all das wird innerhalb der jüdischen Gemeinde geregelt. Das erlaubt eine Kontinuität und eine Traditionen im Jüdischsein, ohne dass sie bedroht wird."

Größte jüdische Gemeinde in Casablanca

Casablanca wächst schnell. Bürotürme und Luxuswohnungen entstehen an der Corniche direkt neben der größten Moschee des Landes. Lange Boulevards, moderne Architektur zwischen Bauhaus und Art-Deco. Heute leben hier über fünf Millionen Menschen.

Noch Anfang der 50er-Jahre lebten 75.000 Juden hier, viele verarmt, in der Mellah, dem jüdischen Viertel in der Medina in der Nähe des Hafens.

Heute ist die Jüdische Gemeinde in Casablanca mit 2500 Mitgliedern die größte in ganz Marokko. Es gibt mehrere jüdische Schulen, Kindergärten, drei große Synagogen, davon eine Orthodoxe. Und das einzige Jüdische Museum in der arabischen Welt.

Jüdischer Mellah in Casablanca (Deutschlandradio / Christiane Kreiner)Blick über den jüdischen Stadtteil Mellah in Casablanca. (Deutschlandradio / Christiane Kreiner)
Oasis, ein ruhiges Villenviertel am Rande der Millionenstadt. Bungalows verbergen sich hinter langen Mauern, über die Zweige Bougainvillea und Yasmin ranken. Auch das "Musée Judaisme Maroccain" liegt hinter einer solchen Mauer versteckt, nur ein Messingschild mit der Aufschrift "Musée" gibt einen Hinweis darauf, was sich dahinter verbirgt. Der Pförtner begrüßt auf Arabisch, die Direktorin Zhor Rehihil spricht französisch.

"Das Gebäude hier war hier ein jüdisches Waisenhaus, gebaut 1948. Es blieb ein Waisenhaus bis in die 70er Jahre. Nachdem die marokkanischen Juden nach Israel ausgewandert sind, stand das Haus leer. Das war die jüdische Gemeinde von Casablanca, die die Idee hatte, einen Raum für Kultur zu eröffnen. Ein Museum für die Muslime und die Juden Marokkos, um die Geschichte der Juden darzustellen, die gegangen sind."

Zhor Rehihil, Mitte 40, hat die Sonnenbrille ins kurzgeschnittene Haar gesteckt. Sie selbst ist Muslimin, in Casablanca geboren. Sie hat in Rabat Archäologie und Kulturwissenschaften studiert. Jahrelang hat Zhor Rehihil mit dem Gründer des Museums Simon Levy zusammengearbeitet. 

"Wir haben Synagogen und jüdische Friedhöfe aufgesucht"

"Als ich begonnen habe mit Simon Levy zu arbeiten, sind wir immer wieder durch das ganze Land gereist. Wir haben die Orte aufgesucht, wo die Juden gelebt haben. Wir haben Synagogen, jüdische Friedhöfe, die Gräber der großen Rabbiner und Heiligen, Städte, die Dörfer, in denen es größere Jüdische Gemeinden gab, aufgesucht und dann haben wir begonnen, diesen für Restaurierungen vorzuschlagen. Und hier sehen sie das Resultat."

An den Wänden hängen Fotografien von Restaurierungsprojekten von den großen Synagogen in Fes, Meknes und Oujda. Das Besondere der jüdisch-marokkanischen Geschichte zu erforschen und zu bewahren, der Aufbau des Museums, war das Lebenswerk von Simon Levy.

Er war in Marokko ein bekannter kommunistischer Politiker und engagierter Hochschullehrer. Nachdem er 2011 verstarb, führte Zhor Rehihil als Angestellte des marokkanischen Staates das Museum weiter. Gemeinsam mit Simon Levy hat sie bei den Forschungsreisen durch das Land die verbliebenen Spuren jüdischen Lebens dokumentiert, Alltags-und Kultgegenstände geborgen:

"Das sind die Objekte aus den Synagogen, von der Bar Mizwa, das trug man an Purim. Und das sind Fotos von Juden aus Casablanca, bevor sie gegangen sind. Und hier in den Vitrinen haben wir den jüdischen Berberschmuck. Denn der Schmuck und die Festtagskleidung haben sich überhaupt nicht von dem der Muslime unterschieden. Die Marokkaner tragen bis heute denselben Schmuck und denselben Kaftan, die Muslime wie die Juden.

Synagoge Alzama in Marrakesch (imago/imagebroker)Synagoge Alzama in Marrakesch (imago/imagebroker)
Mehr als 2000 Jahre reicht die Geschichte der Juden in Marokko zurück. Die Ersten siedelten noch unter der Herrschaft der Römer auch in den ländlichen Regionen, im Mittleren und Hohen Atlas und auch im Süden Marokkos. Juden lebten in Dörfern mit den Berbern, der Ur-Bevölkerung Marokkos, zusammen. Sie waren Bauern, Händler, Handwerker, Silberschmiede, Schuhmacher, Maurer. Unter den marokkanischen Königen erhielten sie gegen Tributzahlungen einen besonderen Schutzstatus, sie waren "Dhimmis".

Auswanderungswelle mit der Staatsgründung Israels

In den Königstädten Rabat, Fes, Marrakesch und Meknes wurden sie ganz in der Nähe der Paläste angesiedelt, in jüdischen Vierteln, die in Marokko "Mellah" heißen. Doch es gab viele arme jüdische Familien, nur wenige schafften einen gesellschaftlichen Aufstieg. Bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts lebten 270.000 Juden in Marokko. Nach der Staatsgründung Israels 1948 und mit dem Beginn der arabischen Kriege begann eine enorme Auswanderungswelle. Jahrelang haben Zhor Rehihil und der Museumsgründer Simon Levy die muslimische Bevölkerung in Dörfern in ganz Marokko über den Weggang der Juden befragt:

"Sie haben uns eingeladen und haben uns viel erzählt. Sie sagten: 'Hier ist die Synagoge, hier der jüdische Friedhof. Hier hat eine jüdische Familie gewohnt.' Sie wissen noch die Namen. Wir haben zusammengelebt, getanzt, gefeiert. Aber plötzlich sind sie gegangen!"

25.000 Juden pro Jahr verließen das Land

Es waren religiöse und arme Juden in den Städten und Dörfern, die von Israel mit aggressiven Kampagnen für den Aufbau des neuen Staates angeworben wurden und auch gingen. Nach 1950 verließen bis in die 60er-Jahre 25.000 Juden pro Jahr das Land. Religiöse Verheißungen, gemischt mit Wohlstandsversprechen lockten in den neuen Staat Israel. Die marokkanischen Muslime verloren ihre Nachbarn. Für Zhor Rehihil eine Wunde in der jüdisch-marrokanischen Geschichte:

"Eine Version hat sich über Jahrzehnte gehalten: zu sagen, die Juden sind gegangen. Aber es war nicht so, dass sich die Juden hätten aussuchen können zu gehen. Es sind Leute aus Israel nach Marokko gekommen, um sie zu suchen, sie anzuwerben und zu holen. Natürlich gab es welche, die freiwillig gehen wollten, um die Zionisten zu unterstützen, den Staat Israel aufzubauen. Aber die Mehrheit, die einfachen Leute im Anti-Atlas, in den kleinen Dörfern, in den Bergen, Menschen, die über Jahrhunderte in Marokko gelebt haben, die haben sie abgeholt. Sie sind gekommen und haben ihnen gesagt: Wir nehmen euch mit, und los!"

Aufarbeitung dieses tragischen Kapitels

Zhor Rehihil engagiert sich dafür, dass dieses tragische Kapitel aufgearbeitet wird und sie beobachtet, dass in den letzten Jahren in der marokkanischen Gesellschaft ein Klima entsteht, das es erlaubt, mehr über dieses Thema zu sprechen.

"Das ist die neue Verfassung von Marokko. Haben Sie den Text gelesen? Er ist sehr wichtig, sehr interessant. Die Verfassung wurde nach 2011 veröffentlicht, nach dem arabischen Frühling. Zum ersten Mal wurde die hebräische Sprache als Teil der kulturellen Identität Marokkos anerkannt. In Marokko sind an der Basis die Amazigh, die Berber, die muslimischen Araber, dann die Juden – es gibt eine kulturelle Vielfalt, eine Vielfalt, den man schützen muss."

Jüdischer Friedhof in Marrakesch/Marokko (imago/onemorepicture)Jüdischer Friedhof im jüdischen Viertel Mellah, Marrakesch/Marokko. (imago/onemorepicture)
Das ist auch das offizielle Credo aus dem Könighaus. Es sind seit Jahren Restaurierungsprojekte im Gange, die das jüdische Erbe in Marokko wieder sichtbar machen sollen: die älteste Mellah und die Synagoge von Fes, auch die Mellah in Marrakesch, und die in Rabat. Das sorgte für Erfolg. Der "Jewish-Heritage-Tourismus" boomt. Auch das Museum wird gerne von Touristen besucht. Zhor Rehihil freut sich darüber, aber sie möchte noch intensiver mit marokkanischen Jugendlichen arbeiten, der Generation, die das Zusammenleben mit den jüdischen Nachbarn nur aus Erzählungen kennt.

"Wir müssen versuchen, die Wurzeln des jüdischen Lebens hier wieder zu entdecken und zu verfolgen. Und das ist etwas ganz Wichtiges, denn unsere Eltern und Großeltern haben das nicht verstanden, dass die Juden gegangen sind. Der Generation von heute versuchen wir das zu erklären!"

Langsam widmen sich auch die Universitäten diesem Thema und marokkanische Studenten und  Studentinnen beginnen, ihre eigene Geschichte zu erforschen. Dass Muslime und Juden hier über Jahrhunderte zusammen gelebt, Alltag und Kultur geteilt haben, dafür bleibt Marokko in der arabischen Welt immer noch ein besonderes Beispiel.

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