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Länderreport | Beitrag vom 09.10.2020

Jüdische Gemeinde in HalleDie Angst, nicht sicher zu sein

Von Niklas Ottersbach

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Aussenansicht der Synagoge von Halle im Juli 2020. (Imago / Future Image / R. Stoffels)
Am Ort des Anschlags gab es 2019 keine Bewachung durch die Polizei. Anderswo ist der Schutz jüdischer Einrichtungen üblich. (Imago / Future Image / R. Stoffels)

Ein Jahr liegt der Anschlag auf die Synagoge von Halle zurück. Heute schwanken die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zwischen Hoffnung und Skepsis, wie sicher sie in Deutschland sind: auch wegen der rechtsextremen Verdachtsfälle bei der Polizei.

Es ist Rosch Haschana in Halle. Das jüdische Neujahrsfest findet nicht in der Synagoge statt, sondern mitten im Zentrum, im Stadthaus von Halle. Dort, wo normalerweise Lokalpolitiker über Müllentsorgung oder den Gebrauch von E-Scootern entscheiden, sitzen nun rund 60 gläubige Juden. In die Synagoge hätten mit Abstandsgebot nur etwa 20 Leute reingepasst.

Außenansicht vom Stadthaus Halle auf dem Marktplatz.   (imago images / Steffen Schellhorn)Weil nicht alle Gläubigen beim Neujahrsfest Rosh Hashana in der Synagoge Platz finden, weicht die Gemeinde auf das Stadthaus in Halle aus. (imago images / Steffen Schellhorn)

Nun sitzen sie hier, Männer und Frauen, durch Garderobenständer getrennt, an denen blaue und weiße Tücher hängen.

Vorne steht Kantor Roman Yossel Remis. Er ist der Vorbeter der jüdischen Gemeinde in Halle. Und Corona-bedingt der Einzige, der singen darf.

"Wenn die Gemeinde mitsingt, ist es ein ganz anderes Erlebnis, und sonst ist es ein bisschen traurig, ziemlich einsam zu stehen und vorzusingen."

Essensgaben an Rosh Haschana

Corona. Das ist eine Herausforderung auch für die 500-köpfige jüdische Gemeinde von Halle. Denn viele der Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind im Rentenalter. Also: Risikogruppe.

Roman Remis gehört mit seinen 32 Jahren zu den Jüngeren. Auch er wurde in der Sowjetunion geboren, mit elf Jahren kam er nach Deutschland. Roman Remis trägt einen schmal geschnittenen Anzug und Drei-Tage-Bart. Seit neun Jahren pendelt der Vorbeter der Gemeinde jedes Wochenende von Berlin nach Halle. Hier komme er zur Ruhe, sagt Remis. Neben ihm auf einem Tisch: die Simanim, die Zeichen, die symbolischen Essensgaben an Rosch Haschana.

Das Shabbatbrot, nicht zum Teilen, sondern die Corona-Variante: als Miniportion. Granatapfelkerne, Honig und ein Fischkopf. Auch der sei wichtig, sagt Kantor Roman Remis:

"Man soll der Kopf des Jahres werden und nicht der Schwanz des Jahres. Sozusagen nicht das Ende, sondern der Anfang. Also mit Kopf denken. Und man hat einen Teil eines toten Tieres vor sich, und das soll uns auch daran erinnern, wie ernst die Situation ist. Wir sagen auch in diesen Gebeten, Gott entscheidet, thront in diesen Tagen über der Welt. Und besonders für uns in Halle ist das wichtig, dieser Gedanke."

Eine Welle der Solidarität


Denn vor einem Jahr war das eine ganz existenzielle Frage. Roman Remis war am 9. Oktober 2019 in der Synagoge. Er hörte die Schüsse. Der versuchte Anschlag auf die jüdische Gemeinde habe sein Weltbild der Juden erschüttert. Kurzzeitig hat er danach mit dem Gedanken gespielt nach Israel zu gehen. Doch dann gab es da diese Welle der Solidarität in der halleschen Zivilgesellschaft. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter hat Roman Remis als Zeuge ausgesagt und sich direkt an den Angeklagten mit den Worten gewandt: "Was du getan hast, hat nichts gebracht."

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Allerdings gibt es auch andere Stimmen. Christina Feist zum Beispiel. Sie gehörte 2019 zu der Gruppe aus Berlin, die an Yom Kippur nach Halle reiste, um hier zu beten. Beim Prozess in Magdeburg sagte sie, in Deutschland könne sie nicht mehr leben. Christina Feist hat das Grundvertrauen in die Gesellschaft hier verloren.

Christina Feist gibt vor der Synagoge ein Interview. Sie besuchte den Gottesdienst in der Synagoge, während des versuchten Anschlags. (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)Christina Feist gibt vor der Synagoge ein Interview. Sie besuchte den Gottesdienst in der Synagoge, während des versuchten Anschlags. (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)

Roman Remis, der Vorbeter der jüdischen Gemeinde, sagt, die Mehrheit der Juden aus Halle sehe das anders.

"Von der Gemeinde hier, von den Menschen hier, habe ich niemanden, der gesagt hat: ‚Ich verlasse Deutschland.‘ Ich sehe auch, wenn ich hier nach hinten blicke, fast all die Menschen hier, die an Yom Kippur in der Synagoge waren, sind jetzt auch wieder erschienen. Mitten in der Stadt, weil das jüdische Leben gehört auch mitten ins Leben, wir sind Teil der Gesellschaft, wir verstecken uns nicht. Und deswegen spüre ich das so auch bei den Menschen. Und keiner hat mir gesagt, ich verlasse das Land. Deswegen kann ich das nicht nachvollziehen."

Kein gutes Fundament für eine Demokratie

Was Roman Remis allerdings nachvollziehen kann, ist die Kritik an der Polizei. Es gebe zu viele rechtsextreme Verdachtsfälle. Das mache ihm Sorgen.

"Wenn die Sicherheitskräfte, wenn man darüber nachdenkt, dass die Personen, die sozusagen mich bewachen, womöglich Antisemiten sind oder Rassisten, das macht mich schon mulmig. Das ist ein unangenehmes Gefühl. Da gibt es dann kein Vertrauen. Und wenn es kein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden gibt, ist das kein gutes Fundament für eine Demokratie."

Und das ist kein abstraktes Phänomen, von dem Roman Remis in der Zeitung liest. Genau das passiert auch in Halle. Und zwar nach dem Anschlag vom 9. Oktober 2019. Vor wenigen Monaten haben Unbekannte Hakenkreuze aus Papier vor der jüdischen Gemeinde ausgelegt. Die Polizei kam und einer der Beamten soll die Hakenkreuze eigenmächtig entfernt haben.

Die Synagoge von Halle mit Überwachungskameras. (Imago Images / Future Image / R. Stoffels)Dank der Kameras an der Synagoge wurde möglicherweise eine Strafvereitelung durch einen Polizisten bemerkt. (Imago Images / Future Image / R. Stoffels)

Das Ganze wurde von der kleinen Überwachungskamera am Haus der jüdischen Gemeinde festgehalten.

Permanenter Polizeischutz

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Halle wegen versuchter Strafvereitelung im Amt. Auf Anfrage von Deutschlandfunk Kultur schreibt die Polizeidirektion Halle dazu:

"Der Polizeibeamte wurde in eine andere Dienststelle der Behörde umgesetzt, wo er noch heute Dienst verrichtet."

Nach Abschluss des Strafverfahrens werde ein laufendes Disziplinarverfahren fortgesetzt. Und weiter: Der Vorfall sei nach Bekanntwerden intensiv mit Führungskräften und Mitarbeitern besprochen worden.

Das ist Max Privorozki, der Chef der jüdischen Gemeinde von Halle. Zu Rosch Haschana trägt der gebürtige Ukrainer eine Anstecknadel mit einer deutsch-israelischen Flagge. An diesem Tag stehen zwei Polizisten vor dem Stadthaus. Jeder Gottesdienstbesucher ist mit Namen auf einer Liste angemeldet. Wer nicht draufsteht, kommt nicht rein.

Politik trägt Verantwortung

Vor dem 9. Oktober gab es keinen permanenten Polizeischutz für die jüdische Gemeinde in Halle. Das hat sich geändert. Auch deshalb tut sich Max Privorozki schwer damit, die Polizei zu kritisieren. Denn die Ursache vieler Probleme, wie zum Beispiel Personalmangel in Polizei und Justiz, der liege in Verantwortung der Politik.

Ein Streifenwagen der Polizei steht nachts vor der Synagoge in Halle. (imago images / Christian Schroedter)Sachsen-Anhalts Innenminister Stahlknecht wurde für eine Aussage über den Schutz jüdischer Einrichtungen durch Polizisten deutlich kritisiert. (imago images / Christian Schroedter)

"Also, zuerst muss man unterscheiden zwischen Kritik an Polizei und an Politik. Und an Deutschland. Kritik an Deutschland werde ich überhaupt nicht ausüben. Deutschland ist mein Land. Politik kann ich kritisieren. Und das mache ich gerne, weil ich finde, dass viele Probleme nicht nur die jüdische Gemeinschaft betreffen. Aber Deutschland selber ist nicht schuld daran. Und zwar gewaltige Schuld tragen sie."

Max Privorozki hat mittlerweile Erfahrung mit Politikern. Vor allem mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht. Der CDU-Mann hat letzte Woche bei einem Besuch in Dessau gesagt, das Polizeirevier habe seit dem Attentat auf die Synagoge von Halle monatlich 1.500 Arbeitsstunden zusätzlich geleistet, um die Bewachung jüdischer Einrichtungen in Dessau abzusichern. Es könne deshalb sein, dass die Polizei nicht bei jeder anderen Anforderung pünktlich zur Stelle sei.

Daraufhin hat sich der Zentralrat der Juden gemeldet. Präsident Josef Schuster warf Stahlknecht vor, mit dieser Äußerung Juden als privilegierte Gruppe darzustellen. Und somit indirekt Antisemitismus zu fördern. Auch Max Privorozki haben die Aussagen von Holger Stahlknecht erschüttert.

Gespräche auf Augenhöhe

Die Sicherheit für Jüdinnen und Juden hätten für ihn oberste Priorität, verteidigt sich Sachsen-Anhalts Innenminister.

"Wenn das missverstanden worden ist, dann tut mir das Leid, und ich bin über dieses Missverständnis tief betroffen und erschüttert. Weil es gerade darum ging, klarzumachen, dass dieser Bereich nicht verhandelbar ist. Und da habe ich auch noch mal für Verständnis bei unseren Bürgerinnen und Bürgern geworben."

Nach dem Anschlag kamen viele Einwohner zum Gedenken und um mit der jüdischen Gemeinde den Beginn des Sabbat zu feiern.Unter ihnen Innenminister von Sachsen-Anhalt Holger Stahlknecht, Gemeindevorsteher Max Privorozki und sowie Ministerpräsident Reiner Haseloff.  (imago images / Lutz Winkler)Nach dem Anschlag kamen Innenminister Holger Stahlknecht, der Gemeindevorsteher Max Privorozki sowie Ministerpräsident Reiner Haseloff zum Gedenken. (v.l.n.r). (imago images / Lutz Winkler)

Die Opposition im Magdeburger Landtag fordert den Rücktritt von Sachsen-Anhalts Innenminister. Auch Igor Matviyets befürwortet das. Der 29-Jährige ist Mitglied der jüdischen Gemeinde von Halle und SPD-Politiker. Igor Matviyets ärgert sich vor allem über die ritualisierten Grußworte der Landesregierung und die Pressetermine mit der jüdischen Gemeinde in Halle. Er warte noch immer auf die Gespräche auf Augenhöhe, die auch mal ohne Medien stattfinden.

"Bisher ist das leider größtenteils ausgeblieben. Es sind halt in der Regel presseöffentliche Termine. Es wird etwas vorgetragen. Es wird Solidarität bekundet. Aber das Zwischenmenschliche fehlt bisher. Und wir reden hier von einer sehr kleinen Gruppe an Menschen, die Opfer eines Anschlags wurden. Und es wäre möglich, da Menschlichkeit zu zeigen und auch wirklich das Interesse, da selber etwas dazu zu lernen."

Jüdische Identität ist präsenter

Als Positivbeispiel nennt Igor Matviyets den neuen amerikanischen Generalkonsul in Leipzig. Der habe sich ohne Presse mit den Betreibern des Kiez-Döners getroffen und ausgetauscht. Der kurdisch-geführte Imbiss war der zweite Tatort des Anschlags von Halle.

Izzet Cagac, Betreiber des Kiez-Döners, steht vor seinem Imbiss in Halle und telefoniert. Ministerpräsident Haseloff und der Opferbeauftragte der Bundesregierung haben den vom rechtsextremen Terroranschlag betroffenen Kiez-Döner besucht. (dpa-Zentralbild / dpa / Jan Woitas)Izzet Cagac, Betreiber des Kiez-Döners, steht nach dem Anschlag vor seinem Imbiss in Halle. (dpa-Zentralbild / dpa / Jan Woitas)

Igor Matviyets führt ein eher säkulares Leben, wie die meisten seiner jüdischen Altersgenossen. Zu Gebeten geht er unregelmäßig. Sein Judentum: Das war vor dem Anschlag selten Thema.

"Persönlich hat sich für mich schon viel verändert, weil das meine jüdische Identität nach dem Anschlag, nach dem Versuch sie so massiv zu attackieren, für mich einfach präsenter ist. Allein schon, weil das für die Öffentlichkeit viel mehr Thema geworden ist, ist das alles viel präsenter."

Und darin liegt auch die Hoffnung von Igor Matviyets. Gerade in Halle habe die Zivilgesellschaft Interesse gezeigt und sich auch zur Wehr gesetzt. Beispiel: Das Hausprojekt der rechtsextremen "Identitären Bewegung" in Halle.  Am Ende ist es gescheitert, weil die Nachbarschaft jahrelang dagegen protestiert hat.

Dennoch: In die Zuversicht mischen sich bei Igor Matviyets manchmal Zweifel. "Dieses Verständnis, dass zu unserem ‚Wir‘ in Deutschland, in Sachsen-Anhalt, in Halle, eben nicht nur eine homogene, rein deutsche Gesellschaft gehört, sondern viele diverse Lebensläufe. Das fehlt mir halt weiterhin." Igor Matviyets will daran arbeiten. Gerne auch auf größeren Bühnen. Der SPD-Politiker kandidiert nächstes Jahr für ein Landtagsmandat.

Nur ein Wunsch für das neue Jahr

Zurück im Stadthaus von Halle. Der umfunktionierten Synagoge an Rosch Haschana. Vorne steht Kantor Roman Remis und führt die Gemeinde durch die Gebete. Am Rand sitzt Max Privorozki. Er wirkt gelöst. Seine Tochter ist gekommen. Alle haben Platz gefunden. Nun steht nur noch der Jahrestag an, der 9. Oktober. Noch einmal die große Bühne. Der Bundespräsident kommt. Max Privorozki bleibt gelassen: "Nun gut, wir werden das auch überleben."

Und für das neue jüdische Jahr 5781, was nach Rosch Haschana angebrochen ist, da macht sich Max Privorozki vor allem um eine Sache Gedanken: dass die Gesellschaft Corona in den Griff bekommt. Den Attentäter von Halle erwähnt er mit keiner Silbe.

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