Judith Mackrell: "Die Flapper. Rebellinnen der wilden Zwanziger"

Der Flügelschlag des Aufbegehrens

05:35 Minuten
Cover des Buchs "Die Flapper. Rebellinnen der wilden Zwanziger" von Judith Mackrell
© Insel Verlag

Judith Mackrell

Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck und Viola Siegemund

Die Flapper. Rebellinnen der wilden ZwanzigerInsel Verlag, Berlin 2022

624 Seiten

28,00 Euro

Von Thomas Gross · 04.08.2022
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Flapper wurden die Frauen genannt, die nach dem Ersten Weltkrieg ihre Korsettagen ablegten und Boulevards und Nachtclubs eroberten. Die Theaterkritikerin Judith Mackrell hat ein Buch über sie geschrieben – süffig im Ton, doch auch mit Leerstellen.
Als Josephine Baker das erste Mal in ihrem Bananenröckchen auftrat, bescherte sie Zeitzeugen zufolge „ganz Paris einen Ständer“. Ähnlich skandalträchtig die Ehe von Zelda Fitzgerald, ein öffentlich aufgeführtes Drama um Selbstbestimmung, Seitensprünge und das Recht auf Rausch. Tamara de Lempicka wiederum porträtierte sich in ihren Bildern als Geschwindigkeitsgöttin, die den Begrenzungen von Materie und Zeit im giftgrünen Bugatti davonbraust. Heute würde man in solchen Fällen von Empowerment sprechen. In den 20ern des vergangenen Jahrhunderts sprach man von Flappern.
Woher der Begriff stammt, ist umstritten – wahrscheinlich leitet er sich vom Flattern eines Vögelchens beim Verlassen des Nests ab. In Judith Mackrells schlicht „Die Flapper“ betiteltem Buch bezeichnet er einen neuartigen Sozialtypus: Zu einer Zeit, in der die Männer in verdreckten Uniformen von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs heimkehrten, begannen die Frauen, ihre viktorianischen Korsettagen abzulegen und in praktischen Etuikleidern die Boulevards und Nachtclubs zu erobern. Eine Art Pussy Riot avant la lettre: Mit dem Flapper betrat erstmals eine explizit hedonistische, so glamourös wie gefährlich wirkende Variante weiblicher Selbstdarstellung die Arena.

Mit epischem Atem erzählt

Mackrell, Theaterkritikerin für den "Guardian", schildert den Aufbruch über mehrere Protagonistinnen: neben Baker, Fitzgerald und de Lempicka bekommen auch Diana Cooper, Nancy Cunard und Tallulah Bankhead ihren Auftritt, erstere aus der Art geschlagene Töchter der britischen Aristokratie, letztere ein gefeierter Broadway-Star. Jede dieser Selfmade-Women glänzte auf eigene Weise in einem Rollenfach, das sich eben erst geöffnet hatte: Cooper als Society-Größe und „schönste lebende Engländerin“, Cunard als schreibende Grenzgängerin zwischen den Geschlechtern, Josephine Baker als begehrte, aber auch exotisierte Verkörperung einer „Venus aus Ebenholz“. Zelda Fitzgerald war die Queen of Tabloids, die es fertigbrachte, sogar ihrer Drogensucht einen Anstrich von Glamour zu geben – bis die Weltwirtschaftskrise an der Schwelle zu den 30ern der Party ein Ende setzte.

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Mit epischem Atem widmet Mackrell sich jeder einzelnen dieser von Turbulenzen und Rückschlägen begleiten Karrieren. Ein paar Hintergründe werden auch mitgeliefert: die wachsende Mobilität, der Massenkonsum, der in immer kürzeren Abständen nach frischen Gesichtern verlangte, der Aufstieg einer konsequent auf Lifestyle setzenden Medienindustrie. Man könnte das Flappertum als Frühform des Influencerwesens begreifen: Ohne die richtigen Accessoires war man schon in den 20ern ein Nobody, doch solche Parallelen zieht Mackrell nicht. Stattdessen begleitet sie ihre Heldinnen von Affäre zu Affäre, von Aufschwung zu Nervenzusammenbruch. So süffig sich das anfangs wegliest, über die Distanz von 600 Seiten entsteht der Eindruck, im immer gleichen Stück festzustecken.

Für ein Standardwerk zu wenig

Mackrells Flapper-Report ist ein Buch wie ein Kostümfilm, prachtvoll im Farbauftrag, aber ermüdend in der Darstellung. Der sozialhistorische Kontext bleibt unscharf, die Figurenzeichnung stammt aus dem Reich der Küchenpsychologie, dafür wird man mit Details versorgt, die man gar nicht so genau wissen wollte: „Seine vollen, sinnlichen Lippen ließen erahnen, dass die Gerüchte um seine legendäre Libido nicht von ungefähr kamen…“ Für ein Standardwerk ist das zu wenig, als Grundlage für einen Netflix-Mehrteiler aber eignet das Ganze sich prächtig. Regievorgabe: "Downton Abbey" meets "Sex and the City".
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