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Lesart | Beitrag vom 08.07.2019

Judith Kuckarts Roman "Kein Sturm, nur Wetter"Was nützt die Liebe in Zahlen

Judith Kuckart im Gespräch mit Joachim Scholl

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Die Schriftstellerin Judith Kuckart (dpa / pa / Kalaene)
Während ihrer Recherche für ihren Roman absolvierte Judith Kuckart ein "Schriftstellerpraktikum" in der Neurologie. (dpa / pa / Kalaene)

Eine Hirnforscherin verliebt sich ihr Leben lang in Männer, die 36 Jahre alt sind, während sie selbst immer älter wird. Hinter dieser nackten Zahl verberge die Heldin ihres Romans ihre Sehnsüchte und ihr Begehren, sagt Judith Kuckart.

Ein wenig zwanghaft wirkt sie schon, die namenlose Heldin des neuen Romans "Kein Sturm, nur Wetter" von Judith Kuckart. Die Zahl 36 hat es ihr angetan. Mit 18 Jahren verliebt sich die Hauptfigur in einen Mann, der mit 36 Jahren doppelt so alt ist wie sie, mit 36 in einen gleichaltrigen. Und jetzt, mit 54 Jahren, spricht sie am Flughafen Tegel einen gewissen Robert Sturm an, der, wie hätte es anders sein können, 36 Jahre alt ist.

"Das hat eine Menge damit zu tun, dass man Konstanten im Leben braucht", sagt die Autorin Judith Kuckart. Eine dieser Konstanten sei es vielleicht, den Mann fürs Leben finden zu wollen. Ihre Heldin könne es nicht anders ausdrücken als mit dieser Zahl, hinter der sich natürlich noch ganz andere Sehnsüchte und Begehren verbergen würden. 36 sei eine "schön neutrale Formulierung" für das, was sie sich eigentlich wünsche.

Schriftstellerpraktikum in der Gehirnforschung

Seit den 80er-Jahren schreibt Judith Kuckart erfolgreich Romane und Theaterstücke. Für ihr neues Buch absolvierte sie extra ein "Schriftstellerpraktikum" in der neurologischen Abteilung der Uniklinik Heidelberg. Und nicht zufällig forscht die Hauptfigur ihres Buches im selben Bereich. Dabei habe sie gar nicht mit der Figur im Hinterkopf recherchiert, so Kuckert, sondern ihre Geschichte vielmehr im Praktikum gefunden: "Wer erzählt, hat eine Frage. Ich habe schon lange eine Frage: Wo sind meine Erinnerungen, wenn ich sie nicht habe?" Wenn man es nicht anders formulieren könne, entwickele man die verschiedensten Theorien, sagt Kuckart:  Seien die Erinnerungen vielleicht "im Vergessen"?  In den Köpfen ihrer Eltern, oder einfach "hier und dort"?

Erinnerungen neu verorten

Die Neurologie behaupte, es gäbe einen Ort, wo sich die Erinnerung im Gehirn ansiedele. "Dort hält sie sich auf, selbst wenn ich sie nicht abrufen kann", so Kuckart. Im Praktikum habe sie dann aber mehr über die Menschen dort gelernt, als über die Wissenschaft. Kuckart selbst lokalisiere die Erinnerung nach wie vor in ihrem Körper oder in Herzen.

Anders ihre Vorgesetzte in der Klinik: "Sie erzählte mir, es sei für sie das Tollste gewesen, als sie mit zehn Jahren begriffen hatte, dass alle ihre Gefühle in ihrem Gehirn angesiedelt sind." Für Kuckart habe das etwas Beruhigendes, aber auch "etwas unglaublich Kaltes."  Als Dramatikerin und Autorin, die sich immer mit Emotionen beschäftige, fand sie es sehr angenehm, den Gefühlen mal einen neuen Ort und eine andere Struktur zu geben.

Diese Erfahrung sind auch in der Wahl der Orte in Kuckarts Buch eingeflossen. Nach sieben Tagen trifft die Heldin wieder auf Robert Sturm, erneut am Flughafen Tegel. "Ein Ort, den es bald nicht mehr geben wird", so Kuckart, "so wie es diese Sehnsucht nach Liebe vielleicht bald nicht mehr geben wird."

(rod)

Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter"
Dumont Verlag, Köln 2019
220 Seiten, 22 Euro

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