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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 06.12.2019

Juden in GriechenlandImmer zum Gegenangriff bereit

Von Stefanie Oswalt

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Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier wird 2016 in der Synagoge der Monastirioten in Thessaloniki (Griechenland) vom Präsidenten der Jüdischen Gemeinde, David Saltiel, die Ehrenmitgliedschaft in der Jüdischen Gemeinde verliehen. (picture alliance / dpa/ Bernd von Jutrczenka)
David Saltiel, Präsident des Zentralsrats der Juden in Griechenland, begrüßt den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier während dessen Besuchs im Jahr 2016. Saltiel erhielt vor kurzem von Steinmeier als Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz. (picture alliance / dpa/ Bernd von Jutrczenka)

David Saltiel ist Präsident des Zentralrats der Juden Griechenlands. Seit beinahe zwanzig Jahren bemüht er sich auf das Schicksal der Juden Griechenlands aufmerksam zu machen. Doch er gibt trotz des ständigen Judenhasses in Griechenland nicht auf.

Selten zu hörende Klänge im Hörsaal B des Henry Ford Baus an der Freien Universität Berlin. Aus Thessaloniki, der zweitgrößten griechischen Stadt, ist das Codex Ensemble angereist: Christliche Musiker, die alte sephardische Lieder wieder zum Leben erwecken – Musik, gespielt mit Flöte, Geige, Gitarre und Fidel und in der Sprache der Ende des 15. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Juden: Ladino. "La Rosa Enflorece" erzählt von der Pracht der erblühten Rose im Mai und dem Leid eines vor Liebe überfließenden Herzens.

Dass diese Musik heute wieder gespielt wird, ist keineswegs selbstverständlich. Denn die deutsche Okkupation Griechenlands während des zweiten Weltkriegs hat das jüdische Leben dort beinahe vollständig ausgelöscht: 86 Prozent aller griechischen Jüdinnen und Juden wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet – nur ein Bruchteil überlebte und kehrte nach dem Krieg schwer traumatisiert nach Griechenland zurück. Lange blieb die Situation der wenigen Überlebenden prekär, die Gemeinde lebte eher zurückgezogen. Doch seit einigen Jahren hört man mehr vom jüdischen Leben in Griechenland.

"Wir sind keine Immigranten"

Das liegt zu einem guten Teil am Engagement des schmalen, eleganten Herren mit den ondulierten silbernen Haaren und den zahlreichen Verdienstorden am Jackett-Revers. An diesem Abend berichtet er auf Einladung des Zentrums "Modernes Griechenland" der Freien Universität Berlin seinem deutschen Publikum von der mehr als zweitausendjährigen Präsenz der Juden in Griechenland: David Saltiel, Jahrgang 1947, Sohn zweier Überlebender, gelernter Uhrmacher, ist seit 18 Jahren Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Thessalonikis und seit 2010 Präsident des Zentralrats der Juden Griechenlands. Am nächsten Morgen spricht er in einem Café über seine Mission:

"Wir sind seit 2000 Jahren in Griechenland. Die Juden aus Spanien seit 500 Jahren. Wir sind also keine Immigranten. Wir sind Griechen jüdischen Glaubens. Das verstehen sie nicht. Also muss ich es wieder und wieder erklären: Dass die Juden Patrioten waren und keine Angst hatten. Diese Juden kamen ohne Arme und Beine aus dem Krieg in Albanien zurück und wurden nach Auschwitz deportiert – mit ihren Familien."

Für jüdische, griechische Patrioten kämpfen

Dass Juden bis heute als unpatriotisch diffamiert werden, obwohl sie in den ersten drei Jahren des Zweiten Weltkriegs gegen die mit Deutschland verbündeten Albaner gekämpft haben und nach ihrer Rückkehr unter deutscher Besatzung ins KZ deportiert wurden, schmerzt Saltiel bis heute. Aber er ist entschlossen, gegen antisemitische Stereotypen anzukämpfen – eine große Aufgabe.

"Die Stellung des griechischen Judentums, sowohl vor als auch nach der Schoah, ist gekennzeichnet von einer teilweisen gesellschaftlichen und politischen Inakzeptanz", sagt Tobias Blümel. Der Historiker arbeitet am Zentrum Modernes Griechenland der Freien Universität Berlin und hat sich intensiv mit Antisemitismus in Griechenland befasst. Ein schwieriges Feld, denn:

"Es gibt so viele unaufgearbeitete, weiße Flecken in der griechisch-jüdischen Geschichte und entsprechend eben in der Antisemitismusforschung."

Diffamierung bis in die 80er Jahre

Archive seien schwer zugänglich, das Thema akademisch nach wie vor weitgehend tabu. Zugleich ändern sich Strukturen, die Antisemitismus befördern, nur langsam.

"Juden durften in Griechenland bis Anfang der 1980er Jahre keine Offizierslaufbahnen in der Armee durchlaufen, sie durften auch nicht auf Lehramt studieren. Und das Argument war immer: Sie können das Fach Religion nicht unterrichten. In Griechenland war bis Anfang der 2000er die Eintragung der Konfessionzugehörigkeit auf den griechischen Personalausweisen verpflichtend – erst auf Druck der EU wurde das gestrichen. Es führte zu einer antisemitischen Welle."

Moderne Verschwörungsmärchen

Die griechisch-orthodoxe Kirche spiele für den Antisemitismus nach wie vor eine wichtige Rolle, berichtet Blümel. Bis heute habe sie sich nicht vom kollektiven Gottesmord-Vorwurf distanziert. Zudem würden Juden häufig Opfer von Verschwörungstheorien – etwa im jüngst beigelegten Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien, das sich seit Januar dieses Jahres Republik Nordmazedonien nennt. Der damals regierende Ministerpräsident Alexis Tsipras wurde von national-konservativer Seite als Verräter attackiert:

"Tsipras – mal ist er dann von den Russen gesteuert oder von Soros – Soros als Chiffre wie im 19. Jahrhundert Rothschild – da gab es massive Demonstrationen, in deren Kontext es dann auch wieder zu antisemitischen Vorfällen gekommen ist. Es ist natürlich letztlich immer die Verschwörung gegen die griechische Nation, und die kommt meistens von innen – aber durch Kräfte von außen."

Doch David Saltiel beeindruckt das wenig. Antisemitismus sporne ihn im Gegenteil zu neuen Aktivitäten an:

"Es fordert einen sofort zum Gegenangriff heraus. Sie sagen: Es gibt Antisemiten. Ja. Es gab sie, gibt sie und wird sie immer geben. Also müssen wir immer zum Gegenangriff bereit sein."

Im Schlechten das Gute finden

Saltiel gibt ein Beispiel: Wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar dieses Jahres wurde der Gedenkort in der Aristoteles-Universität von Thessaloniki zerstört. Der Campus der Universität wurde nach dem Krieg auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs der Stadt errichtet – seit 2014 gibt es hier ein Denkmal.

"Wenn Sie an der Universität ein Mahnmal errichten, das nicht bewacht werden kann, liegt es an den Studenten, darauf aufzupassen. Aber es gibt Leute, die provozieren wollen – und jemand hat das Monument zerstört. Aber wenn uns jemand angreift, stehen alle zusammen. Also gibt es im Schlechten auch etwas Gutes."

Israelische Touristen mögen Griechenland

Hinzu kommt, dass ihm und seiner kleinen jüdischen Gemeinde eine andere politische Entwicklung zuarbeitet. Wegen der ungeklärten Zypernfrage bestand über Jahrzehnte hinweg ein distanziertes Verhältnis zwischen Israel und Griechenland, das einen proarabischen Kurs fuhr. Erst seit 1990 erkannte Griechenland de jure Israel als souveränen Staat an. Seither, sagt Saltiel, wachse das Interesse israelischer Touristen an Griechenland:

"Die Beziehungen zwischen Israel und Griechenland haben sich direkt auf die jüdische Communitiy in Griechenland ausgewirkt. Wir machen jetzt das Richtige. Denn mit Israel sind wir stärker – auch ökonomisch, denn viele Israelis investieren in Griechenland. Jedes Jahr kommt eine Million Israelis nach Griechenland. Das sind 20-30 Prozent aller Touristen. Die Israelis lieben Griechenland, lieben griechisches Essen, griechische Musik. Wir sind gleich!"

Außerdem bestehe zwischen den Juden Thessalonikis und Israel eine besonders enge Verbindung.

Bau eines griechischen Holocaust-Museums

"Man darf auch nicht vergessen: Mehr als 30.000 Juden gingen vor dem Krieg, in den 30er Jahren nach Palästina und errichteten dort den Hafen von Haifa. Heute sind es vielleicht 100.000 bis 150.000, die herkommen und nach ihren Wurzeln forschen wollen. Und ich bin hier – mit meiner Community, mit einem sehr schönen Museum und den sephardischen Liedern – wir haben unsere eigene Identität."

Damit ist David Saltiel wieder bei seinem Lieblingsthema. Denn die Kultur, die Geschichte, die Sprache, die Kulinarik und vor allem die Musik der sephardischen Juden möchte er einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen. Noch steht die Realisierung seines größten Traumes aus: Der Bau des Griechischen Holocaust-Museums. Seit einigen Jahren ist auch in der internationalen Presse immer wieder zu lesen, dass das Museum mit Hilfe der deutschen und der griechischen Regierung sowie mit der Unterstützung der griechischen Stavros Niarchos Foundation errichtet werden soll.

Der Grundstein auf dem Gelände des ehemaligen Bahnhofs wurde bereits im Januar 2018 gelegt. Doch nach wie vor gibt es viele ungeklärte Fragen, weil die jüdische Gemeinde nicht Besitzerin des Landes ist, auf dem das Museum entstehen soll. Weil es immer noch Gegner des Projekts gibt, und auch die bereitgestellten 28 Millionen Euro werden für den Bau wohl kaum reichen. Aber David Saltiel hat einen langen Atem: Er sei zwar nicht religiös, aber er vertraue auf Gott – schließlich trage er ja auch einen programmatischen Namen.

"Saltiel is ein uralter Name. Wir stammen von König David ab. Und was bedeutet er: Scha’al tiel heißt auf Hebräisch: Ich habe Gott gefragt."

Und dann grinst David Saltiel sehr breit und sagt: Auch die Hamburger Elbphilharmonie und der Berliner Flughafen seien ja nicht an einem Tag erbaut worden.

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