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Tonart | Beitrag vom 13.06.2019

Joy Divisions Debütalbum vor 40 Jahren: "Unknown Pleasures"In die DNA der Popmusik eingeschrieben

Juliane Reil im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Streetart in London: Schablonenbild (Stencil) von Ian Curtis, dem verstorbenen Frontman der Band Joy Division an einer Hauswand in London. Darunter steht die Zeile "love will tear us apart". (imago /Hoch Zwei/Angerer)
Ian Curtis als Streetart in London: In nur vier Jahren schrieb "Joy Division" Popgeschichte. (imago /Hoch Zwei/Angerer)

1976 gründete sich "Joy Division". Nur vier Jahre später, im Mai 1980, endete die Bandgeschichte mit dem tragischen Tod des Sängers Ian Curtis. Wie konnte die Gruppe der Popszene so entscheidende Impulse geben, obwohl sie nur kurze Zeit bestand?

Am 14. Juni 1979, vor 40 Jahren, erschien das Album "Unknown Pleasures" der britischen Band "Joy Division", die sich um den Sänger Ian Curtis gegründet hatte. Die Scheibe gilt heute als Meilenstein der Popgeschichte. Die Songs vermitteln noch immer eine große Energie und Kraft und hat Generationen von Musikern geprägt. Zum Jahrestag gibt es eine Jubiläumsausgabe in rotem Vinyl.

Wut gegen Tristesse 

Alle vier Mitglieder der Band kamen aus der Nähe von Manchester. Die Umgebung einer untergehenden Industriestadt, Arbeiterfamilien, die in den 70er-Jahren um das Überleben kämpften: Das habe die Musik der Gruppe stark beeinflusst, meint Juliane Reil. "Das war Tristesse pur. Arm, schmutzig, verrußt."

Die Songs aus dem Debütalbum spiegeln diese Umgebung. Sie waren hoffnungslos, düster und wütend. Die direkte Umgebung habe einfach nichts Schönes zu bieten gehabt, konstatiert die Musikkritikerin. Das einzige Aufregende, das die Region erreichte, war der Punk.

"Der kam 1976 in Gestalt der 'Sex Pistols' nach Manchester. Und diese Konzerte der 'Pistols', die waren damals die Initialzündung für die Band, die als 'Joy Division' bekannt wurde."

Nach Punk kommt Post-Punk

Die Band prägte dann das Genre "Post-Punk". "Auflehnung und Energie vom Punk sind bei 'Joy Division' geblieben", sagt Reil, "aber während sich der Punk nach außen wendet, gegen die Gesellschaft, gegen das Establishment, geht der Postpunk einen Schritt weiter."

Nicht die Gesellschaft an sich wurde als krank empfunden, sondern das Individuum selbst. Daher drehten sich die Texte auch um Selbstzweifel, die Scham über das eigene Versagen, Verzweiflung und Zerrissenheit. Reil meint: "Und das hat Ian Curtis auch alles selbst verkörpert."

Die Bandmitglieder von Joy Division vereint auf eine Zigarette auf der Bank.  (Warner/ Pennie Smith)Joy Division: Nur vier Jahre reichten der Band zum Legenden-Status. (Warner/ Pennie Smith)

Seine epileptischen Anfälle, die er auch auf der Bühne erleben musste, zwangen ihn dazu, starke Medikamente zu nehmen, die wiederum enorme Stimmungsschwankungen hervorriefen. Privat sei er, so Reil, überfordert gewesen, als junger Ehemann, Vater und Tourenmanager der Rockband.

Diese Erfahrungen werden im Song "Lost control" abgebildet, der einen epileptischen Anfall thematisiert. "Aber der Kontrollverlust, der da beschrieben wird, den kann man gleichzeitig auch in einem größeren Kontext lesen: Wenn das Individuum vollkommen schuldlos nicht in der Gesellschaft funktioniert und sich aber selbst dafür die Schuld gibt."

Sound der Verlorenheit

Produzent Martin Hannett gab der Band einen prägenden Sound. Da die Band, so Reil, keine Ahnung vom Produzieren gehabt habe, konnte Hannett seine Vorstellungen ganz einfach einbringen. So habe er beispielsweise den Klang des Schlagzeuges stark manipuliert, berichtet Reil. Auch Hall und Echo nutzte er reichlich.

"Durch das Verklingen der Instrumente entstanden große Räume, in denen die Stimme von Ian Curtis kleiner und verlorener wirkte. Gitarren und Bass mischte Hannett in den Hintergrund, bis nur noch das rhythmische Gerüst übrig war." 

Das sei etwas Neues gewesen, was der Band eine ganz eigene Coolness gab.

Ästhetik, die bis heute strahlt

Die ganz eigene Ästhetik der Platte wirke bis heute modern, urteilt Reil. Auch das Cover des Albums, eine markante Grafik mit Radiowellen, sei noch immer im Gedächtnis der Gesellschaft. So könne man nach wie vor T-Shirts mit diesem Motiv kaufen.

"Beim Erscheinen des Albums ist es nicht in den Charts gelandet, war aber eben ein Langstreckenläufer, was die Reichweite angeht." Und der Einfluss auf Nachfolgebands sei nach wie vor zu erleben, ist Reil überzeugt, wenn man in die Musik von "The Cure", "The Killers" oder "Interpol" eintauche.

(cdr)

*Wir haben inhaltliche Fehler korrigiert. 

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