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Länderreport | Beitrag vom 23.07.2019

Journalist auf "Ostwalz"50 Tage auf Wanderschaft jenseits der Elbe

Von Paul Hildebrandt

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Das Foto zeigt ein Fährschiff auf der Elbe. (dpa / dpa-Zentralbild / picture alliance / Jens Büttner)
Über die Elbe führt mancherorts keine Brücke - ein Fährschiff übernimmt den Transport. (dpa / dpa-Zentralbild / picture alliance / Jens Büttner)

30 Jahre nach dem Mauerfall fühlt sich Deutschland oft noch an wie geteilt. Unser Reporter Paul Hildebrandt wanderte deshalb 50 Tage durch die östlichen Bundesländer. Hier erzählt er von den Menschen, denen er unterwegs begegnete.

Es ist Montag, ich stehe am Ufer der Elbe. Vor mir senkt eine Fähre langsam die Zugbrücke für die wartenden Autos.

Nicht weit von hier, in der Nähe von Lüneburg, bin ich aufgewachsen. Am anderen Ufer der Elbe, in der Gemeinde Amt Neuhaus, will ich meine Wanderschaft durch Ostdeutschland beginnen. 

"Die Elbe ist eine natürliche Grenze in den Köpfen der Leute und bis die weg ist, wird’s wohl noch ein paar Generationen dauern."
Marian Klärner ist seit fast 30 Jahren Fährmann. Eigentlich sollte es seinen Job gar nicht mehr geben. Denn seit dem Mauerfall gibt es den Plan, eine Brücke über die Elbe zu bauen.

"Seitdem ist das die Frage mit der Finanzierung, die immer noch im Raum steht. Die Brücke soll wohl zwischen 60 und 100 Millionen kosten, und ich glaube, zehn Prozent soll der Landkreis tragen. Und die kriegen das Geld nicht auf die Reihe – und so geht das dann immer hin und her. Der Bund will nichts dazu geben, das Land Niedersachsen druckst auch immer ein bisschen rum. Haben möchte die Brücke bestimmt jeder, aber keiner will sagen: Ich mache mal das Geld locker."

Wer hier von der einen auf die andere Seite möchte, der muss die Fähre nehmen. Die zehnminütige Überfahrt kostet 4,50 Euro und die letzte geht um 21 Uhr.

Fährmann Marian Klärner kassiert auf der "Tanja". Die Elbfähre verbindet die Gemeinde Amt Neuhaus mit dem Rest Niedersachsens. (dpa / picture alliance / Philipp Schulze)Fährmann Marian Klärner kassiert auf der "Tanja". Die Elbfähre verbindet die Gemeinde Amt Neuhaus mit dem Rest Niedersachsens. (dpa / picture alliance / Philipp Schulze)

Wenn Niedrigwasser ist, dann müssen die Neuhäuser außen herum fahren, 40 Kilometer Umweg für Pendler und Schüler.

Die Gemeinde schaffte ein kleines Wunder

Das Besondere an diesem Ort: Amt Neuhaus liegt östlich von der Elbe und war bis 1993 ein Teil von Mecklenburg-Vorpommern. Dann beschlossen die Menschen: Wir wollen zu Niedersachsen gehören.

Die Gemeinde schaffte ein kleines Wunder: Aus einem Teil Ostdeutschlands wurde Westdeutschland. Zumindest auf dem Papier. Denn östlich der Elbe sind die Löhne und auch die Rente noch immer niedriger und die Unternehmen sitzen westlich der Elbe.

Auf der Westseite der Elbe, so mein Eindruck, sind viele Menschen dagegen froh, dass es immer noch keine Brücke gibt. So wie Andreas Conradt, 56 Jahre alt. Vor zwölf Jahren ist er aus Hamburg in die Region gezogen, der Ruhe wegen. Er führt ein kleines Gasthaus für Fahrradtouristen, der Bau einer Brücke wäre für ihn so etwas wie ein Albtraum:

"Sie würde beleuchtet werden, die Brücke. Es wäre Verkehr Tag und Nacht, was wir bisher ja nicht haben. Nachts herrscht hier himmlische Ruhe. Und sie würde natürlich in diesem Elbvorland alles mögliche beeinflussen. Umwelt ist natürlich ein Thema, aber wir sagen immer: Auch der Mensch ist ein Teil der Umwelt und der wäre davon besonders betroffen."
Auf der anderen Seite warten dagegen die Menschen sehnsüchtig auf den Bau der Brücke und finden: Sie werden nicht ernst genommen. So wie Marko Puls. Er ist in der DDR groß geworden, aber fühlt sich als Niedersachse.

Der Brückenbau ist ein Symbol

"Ich bin als Zwangsmecklenburger erzogen worden. Die damals Älteren fühlten sich immer zu Lüneburg verbunden und diese Verbundenheit ist nie abgerissen. Und Leute, die sagen 'Ist ja Blödsinn, dass wir von Mecklenburg weg sind' - das sind keine Einheimischen. Das sind Zugezogene, die gar keinen Bezug dazu haben."

Für ihn geht es beim Brückenbau nicht nur um eine logistische Frage, für ihn ist es ein Symbol: Eine Brücke, die zwei Länder endlich miteinander verbindet.

"Warum braucht es diese Brücke? Diese Brücke braucht es ganz einfach, weil sie seit der Grenzöffnung versprochen worden ist. Das heißt, die Leute, die hier wohnen und die seit dieser Zeit auch dieses Versprechen hören – diese Leute fühlen sich verarscht. Die Leute sind hier geblieben: Okay, die Brücke kommt ja demnächst, aber die ist immer aus irgendwelchen Gründen nicht realisiert worden. Die Leute haben das Vertrauen in die Politik verloren und wenn diese Brücke nicht bald gebaut wird, dann wird dieses Vertrauen komplett weg sein."

Mal fehlt es am Geld, dann gibt es Planungsfehler, dann schreiten Umweltschützer ein.

Schon an meinem ersten Tag auf Wanderschaft merke ich: Ost- und Westdeutschland, das ist für viele Menschen immer noch ein großes Thema.

Von Amt Neuhaus aus wandere ich weiter die Elbe entlang. Schmale Wege schlängeln sich durch Wiesen und Felder, auf Schornsteinen nisten Störche.

Als ich an eine Landstraße komme, strecke ich meinen Daumen raus. Schon nach kurzer Zeit hält ein weißer VW-Bus.

"Moin, können Sie mich ein Stück mitnehmen?"

Trampen klappt erstaunlich gut

Es klappt erstaunlich gut. Ich stand nicht einmal zehn Minuten am Straßenrand. Meine Mitfahrgelegenheit Claudia meint: Das liege daran, dass die Menschen in der DDR selbst viel getrampt seien:

"Es war damals selbstverständlich, dass die Leute angehalten haben. Es war unkompliziert und hat Spaß gemacht."
 
Aber heute, sagt sie, würde das kaum noch einer machen.

"Es liegt bestimmt auch daran, dass die Gesellschaft so gespalten ist in Arm und Reich. Und dieser soziale Frieden, den es damals in der DDR gab. Die Leute hatten im Durchschnitt alle das Gleiche. Da kam man gar nicht auf die Idee, jemanden auszurauben, aber jetzt ist das eben anders."

Ich fahre durch Dörfer und kleine Städte, dazwischen viel Platz für Felder und Seen. Seit 30 Jahren gehört all das zu der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Und doch prägt die Menschen hier etwas, das ich überhaupt nicht kenne: Die Wende-Erfahrung. So wie Rosie, die ich in einem kleinen Dorf in Brandenburg kennen lerne:

"Nach der Wende hat wegen der Entlassungen dann einer nicht mehr mit dem Anderen gesprochen hat. Wir haben die Zeit durchgemacht, als alles stiller wurde."

Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommerns drittgrößter Stadt. Ich klopfe beim "Nordkurier" an, einer Lokalzeitung.

"Hallo, ich bin Journalist auf Wanderschaft. Und ich würde gerne ein paar Tage bei Ihnen mitarbeiten, gegen Unterkunft."

Ich darf bleiben und bekomme einen Platz zum Schlafen. Mein Auftrag: Ich soll mir das Viertel "Datzeberg" anschauen. Vor der Wende ein modernes Vorzeigeviertel, heute ein Problemviertel, geprägt von Armut und Gewalt. Wie konnte es dazu kommen? Ich leihe mir ein Fahrrad und fahre hin.

Das Viertel liegt auf dem gleichnamigen Hügel am Stadtrand. Hohe Plattenbauten recken sich über die Baumwipfel. Wie ein Mikrokosmos wirkt es, abgeschnitten vom Rest der Stadt.

Auf dem Datzeberg gibt es keine Cafés, keine Restaurants, nur eine Kneipe, den "Datzestern". Viele sagen: Früher war das anders. Die meisten wollen lieber nichts sagen. Dann treffe ich auf Rita Kohn.

"Ich bin hier hergezogen zu DDR-Zeiten noch, 40 Jahre, 50 Jahre ist das her. Das hat sich sehr schön gewohnt, da waren auch viele Ältere. Das war ein richtig schönes Wohnen. Die Leute, viele Kinder waren da, da hat einer auf den anderen aufgepasst."

Kohn ist 60 Jahre alt, sie wohnt im fünften Stock eines Hochhauses und nimmt mich mit. Einfach so. Breite Schultern, blonde Haare, freundliches Lachen. Ihre Wohnung ist klein, mit gelbem Plastikboden ausgelegt. Von hier aus kann man weit hinaus ins Land gucken. Kohn findet: Früher gab es mehr Gemeinschaft.

Betrunkene Jugendliche schlagen sich

"Als die Wende kam, sind viele Neubauten abgerissen worden und viele sind weggezogen. Und der Brennpunkt war dann, dass wenig gemacht wurde für Kinder und Jugendliche. Das Miteinander fehlt hier oben. Das ist mehr so ein Gegeneinander. Und was sich bis heute durchzieht, ist die Gewalt."

Schlägereien zwischen betrunkenen Jugendlichen. Vor wenigen Wochen erst wurde ein junger Mann mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Wer hier aufwächst, hat es nicht leicht. 

Wie geht es den Kindern und Jugendlichen, die hier leben? Im Jugendclub Caribuni unterhalte ich mich mit Axel Schulz, 57 Jahre alt und in Neubrandenburg geboren. Er hat eine kaputte Wirbelsäule, ist Frührentner.

"Damit ich nicht zu Hause sitzen muss, helfe ich hier so ein bisschen ehrenamtlich."

Zehn Kinder zwischen sieben und 15 toben durch den Raum und backen heute Eiswaffeln. Für sie ist der "Datzeberg" ihr Zuhause. 

"Es ist wohl schon so, dass die Gewalt immer weiter fortschreiten tut, so mit Messerstecherei oder beim Netto, wo auch ein Jugendlicher einem Mann die Beuteltasche weggenommen hat und weggerannt ist und der Mann ist hinterher gerannt. Die Rentner haben nicht viel, aber die Jugendlichen werden auch nicht viel Geld haben. Das ist nicht schön sowas."

Die Geschichte vom "Datzeberg" könnte vermutlich an vielen Orten in Deutschland spielen, aber hier geht es um Neubrandenburg, Ostdeutschland. Und ich glaube, auch das ist eine Wendegeschichte.

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