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Breitband | Beitrag vom 21.03.2020

Journalismus in der CoronakriseBerichten die Medien zu unkritisch?

Ein Kommentar von Vera Linß

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Ein Fernsehjournalist hält bei einer Reportage über die Auswirkungen im öffentlichen Leben in Zeiten der Verbreitung des Coronavirus ein Mikrofon, das mit einer Plastiktüte vor Viren geschützt werden soll.  (dpa/ Frank Rumpenhorst)
Viele Medienvertreter scheinen sich in der Krise vor allem als "Service-Journalisten" zu verstehen, kritisiert Vera Linß. (dpa/ Frank Rumpenhorst)

In der Coronakrise werden Freiheitsrechte eingeschränkt, es werden Handydaten für Bewegungsprofile genutzt - und was machen die Medien? Anstatt das zu hinterfragen, transportieren sie die Krisenstrategie der Bundesregierung weitgehend kritiklos, findet Vera Linß.

In der Coronakrise scheinen sich viele Journalisten dazu verpflichtet fühlen, die Krisenstrategie der Bundesregierung weitgehend kritiklos zu transportieren, als eine Art Service-Journalismus. Das zeigt sich in Interviews, in denen nur pseudokritische Nachfragen gestellt werden, beispielsweise wenn es um die Ausgangssperre geht. Außerdem ist eine bemerkenswerte Spracharmut zu beobachten, die jeden Abend in dem Standardsatz "Die Lage in Italien spitzt sich immer mehr zu" mündet. 

"Stellen Journalisten rund um Corona genügend kritische Fragen?", fragt denn auch zu Recht die Medienkolumne des MDR "Altpapier" und nimmt hier Bezug auf einen Text von "Übermedien". Darin wird die unkritische Weiterleitung von Tweets der Bundesregierung moniert, die sich hinterher als Fehleinschätzung herausstellten. Wie zum Beispiel die Aussage, dass es keine Einschränkung des öffentlichen Lebens geben soll, was dann zwei Tage später aber eintraf. Das Fazit der Übermedien-Kolumne war deshalb: "Es ist in Krisenzeiten nicht die eigentliche Aufgabe der Medien, den verlängerten Arm der Regierung zu spielen." 

Das Thema Überwachung muss stärker aufgegriffen werden

Denn auch wenn dieser Service-Journalismus für Zuschauende beruhigend sein mag oder eine therapeutische Wirkung hat und man so verfährt, um Unruhe zu vermeiden, muss dieses Vorgehen trotzdem transparent gemacht werden. Vor allem, weil unklar ist, wie die Lage sich entwickeln wird und welche Maßnahmen noch folgen werden.

Daneben ist es wichtig, Maßnahmen kritisch zu hinterfragen. Sicher ist es notwendig, dass durch Corona Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Doch wo laufen diese Mittel Gefahr, dauerhaft Bestand zu haben? Darum gilt es, das Thema "Überwachung" stärker aufzugreifen Denn nicht nur in Ländern wie China oder Südkorea spielt Datentracking eine große Rolle in der Bekämpfung der Coronakrise. Auch in Europa und den USA ist das Thema längst angekommen.

In Südkorea gibt es Apps, auf denen man das Bewegungsprofil von Infizierten nachverfolgen kann. Diese sind zwar anonymisiert, lassen sich mit wenig Aufwand aber relativ leicht einer Person zuordnen. Das ist darum interessant, weil unter anderem auf Twitter und in einigen Medien hierzulande gelegentlich die Frage gestellt wird: Können wir von Korea lernen? Was wird dort besser gemacht, weshalb im Vergleich mit anderen Ländern so wenig Tote zu beklagen sind? Und in Südkorea ist eben dieses Datentracking ein großer Faktor.

Dammbruch bei Überwachung befürchtet

Auch in Deutschland soll mit Handydaten experimentiert werden. Eine Analyse der Bewegungsmuster soll dazu dienen, die Verbreitung des Coronavirus zu verstehen und einzudämmen. Dazu übermittelt die Telekom von ihren 46 Millionen Mobilfunkkunden anonymisierte Handydaten an das Robert-Koch-Institut, das versucht, daraus Bewegungsströme abzubilden.

Zwar berichten Medien wie "taz", "Tagesspiegel", "ZEIT" und "netzpolitik.org" darüber, deren Beiträge gehen aber in der übrigen Krisenberichterstattung unter. Diese Art von Datenauswertung sei nur unter ganz bestimmten Bedingungen in Ordnung, sagt etwa der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber gegenüber der "taz". Ein wichtiger Faktor sei die datenschutzkonforme Einwilligung der Betroffenen. Bei "netzpolitik.org" zweifelt man daran, dass es wirklich bei der Anonymisierung der Daten bleibt, fürchtet einen "Dammbruch" und fordert mehr Transparenz von der Telekom. Diese Punkte müssen medial vermittelt und diskutiert werden.

Notstandsregelung in Isarel

Aber nicht nur in Deutschland und Südkorea sind Handydaten ein aktuelles Thema. In Israel wurde in dieser Woche eine Notstandsregelung erlassen, auf deren Grundlage der Geheimdienst Menschen via Handy identifizieren darf. So sollen Menschen erkannt werden, die sich zu lange und mit zu geringem Abstand in der Nähe einer infizierten Person aufhalten, um diese dann auch in Quarantäne zu schicken.

Israels Medien berichten darüber ambivalent: Einige meinen, dass die Maßnahme wichtig sei, um Corona zu stoppen. Andere finden es übertrieben. Die Tageszeitung Haaretz bemängelte zum Beispiel, dass nicht klar geregelt sei, wie der Missbrauch der Daten bestraft würde.

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In Österreich stellt das größte Telekomunternehmen des Landes, A1, der Regierung die Bewegungsprofile aller Handynutzer landesweit zur Verfügung. Das liberale Blatt "Der Standard" lässt dazu jede Menge Kritiker zu Wort kommen, die Bedenken haben, dass diese Datenübergabe durch A1 rechtskonform ist.

Auch in den USA gibt es Gespräche darüber, ob die Regierung persönliche Nutzerdaten von Facebook und Google verwenden darf. Etwas, dass Wissenschaftler sogar in einem offenen Brief fordern. Die Berichterstattung dort findet vor allem in der Washington Post statt, hat aber auch international Beachtung gefunden.

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