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Buchkritik | Beitrag vom 06.04.2021

Joseph Andras: "Kanaky"Ehrenrettung eines Freiheitskämpfers

Von Sigrid Löffler

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Buchcover zu Joseph Andras' "Kanaky". (Deutschlandradio / Hanser Literaturverlage)
Joseph Andras zeichnet in "Kanaky" das Porträt des Unabhängigkeitskämpfers Alphonse Dianou aus Neukaledonien. (Deutschlandradio / Hanser Literaturverlage)

Kanak heißen die angestammten Einwohner von Neukaledonien, das bis heute französisches Territorium ist. Joseph Andras erzählt von einer blutig missglückten Protestaktion und davon, wie zäh das koloniale Denken in Frankreich fortwirkt.

Bücher zum Thema Kolonialismus haben derzeit Konjunktur, man denke nur an die zahlreichen Romane der letzten Jahre, die an die Taten und Untaten in den deutschen Kolonien in Afrika erinnern.

Nun ist ein Buch erschienen, das am Beispiel einer französischen Kolonie im Pazifik die Pariser Kolonialpolitik von heute aufs Korn nimmt. Während Großbritannien seine Inselkolonien in Ozeanien schon vor Jahrzehnten in die Unabhängigkeit entließ, hält Frankreich vor allem am Besitz der melanesischen Inselgruppe Neukaledonien fest. Deshalb kam es dort seit Jahrzehnten immer wieder zu Protestaktionen der einheimischen Bevölkerung, der Kanak. Sie wollen die Unabhängigkeit von Frankreich erkämpfen und ihr Land von Neukaledonien in "Kanaky" umbenennen.

Erstürmung einer Gendarmerie

Namentlich ein Aufstand der Kanak verlief besonders blutig und hatte weitreichende Folgen: die Erstürmung einer Gendarmerie samt Geiselnahme durch einheimische Unabhängigkeitskämpfer im April/Mai 1988, die von französischen Spezialeinheiten mit einem Massaker an den Geiselnehmern beendet wurde. Diesen Vorfall macht der französische Autor Joseph Andras zum Gegenstand einer umfangreichen Recherche, die er nun in seinem romanhaften Bericht "Kanaky" dokumentiert.

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Dreißig Jahre nach dem Massaker reiste Andras auf Spurensuche nach Neukaledonien. Er wollte herausfinden, was damals wirklich passiert ist. Vor allem ging es ihm um den jungen Anführer bei der missglückten Operation, den 28-jährigen Alphonse Dianou, der in der Folge der gewaltsamen Geiselbefreiung unter ungeklärten Umständen ums Leben kam.

Für die einen Terrorist, für die anderen Märtyrer

Der französischen Staatsmacht gilt Dianou als Mörder und Terrorist, den Kanak hingegen als friedfertiger Held und Märtyrer. Joseph Andras befragte Dianous Familie, Freunde, Weggefährten und Gegner, um sich ein wahrheitsgetreues Bild von diesem kanakischen Rebellen und Freiheitskämpfer zu machen. Besonders einen heiklen Punkt will Andras klären: Hat Dianou, der Priester werden wollte und ein überzeugter Pazifist war, wirklich zur Waffengewalt aufgerufen und eigenhändig zwei Gendarmen erschossen? Daran zweifelt Andras von Anfang an.

Es geht dem Autor also darum, das offizielle Narrativ über die Geisel-Aktion, das vom Kolonialregime des französischen Staats seit dreißig Jahren als die dominante Version verbreitet wird, durch eigene unabhängige Nachforschungen zu hinterfragen. Entstanden ist ein Gegen-Narrativ, das sich aus vielen Puzzleteilen zusammensetzt, die offizielle Version vom hinterhältig geplanten Terroranschlag infrage stellt und ein differenziertes Gesamtbild ergibt.

Andras erzählt die spannende Geschichte einer Entgleisung vor dem Hintergrund des Machtkampfs zwischen Frankreichs Linken und Rechten auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs zur Wiederwahl François Mitterrands.

Bitteres Lehrstück kolonialen Denkens

Demnach war die Erstürmung der Gendarmerie von Anfang an ein schlecht geplantes Unternehmen von ein paar Dutzend jungen kanakischen Aktivisten, die mit einer gewaltfreien symbolischen Aktion nur ein Zeichen setzen und das Gendarmerie-Gebäude besetzen wollten, in der naiven Annahme, die Gendarmen wären unbewaffnet und würden sich nicht zur Wehr setzen.

Ein Fiasko, das mit einer Geiselnahme und einem Blutbad durch französische Spezialtruppen endete: Am Ende waren vier Gendarmen, zwei Soldaten und neunzehn kanakische Geiselnehmer tot, doch alle Geiseln kamen unversehrt frei. Dianou wurde von Soldaten schwer misshandelt und totgeschlagen. "Kanaky" liest sich vor allem als Ehrenrettung für den viel verleumdeten Dianou und ist darüber hinaus ein bitteres Lehrstück über das zähe Fortwirken kolonialen Denkens im heutigen Frankreich.

In der Folge wurde Neukaledonien von Frankreich zwar schrittweise größere Autonomie zugestanden, doch ein freies Kanaky ist bis heute nur ein Wunschtraum. Die kulturelle Vielfalt des Landes wird immer weiter eingeschränkt, die autochthonen Sprachen verschwinden, Amtssprache ist allein Französisch.

Joseph Andras: "Kanaky. Auf den Spuren von Alphonse Dianou. Ein Bericht"
Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Carl Hanser Verlag, München 2021
320 Seiten, 25 Euro

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