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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.02.2017

Jonathan Safran Foer"Man kann nicht immer sagen: Wir zuerst!"

Moderation: Joachim Scholl

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Jonathan Safran Foer  (imago/Leemage)
Jonathan Safran Foer (imago/Leemage)

In seinem neuen Roman "Hier bin ich" erzählt Jonathan Safran Foer die Geschichte einer amerikanisch-jüdischen Familie. Dramatischer Höhepunkt ist ein Erdbeben, das den Nahen Osten inklusive Israel in Schutt und Asche legt. Wir sprachen mit dem US-Autor über seinen eigenen jüdischen Hintergrund und natürlich - über Trump.

Joachim Scholl: Er war noch richtig jung, knapp 25, als er gleich mit seinem ersten Roman "Alles ist erleuchtet" berühmt wurde, weltweit, auch bei uns: der US-Amerikaner Jonathan Safran Foer. Für sein zweites Buch zahlte man ihm in Amerika den Rekordvorschuss von einer Million Dollar, und so konnte er sich schön Zeit lassen, ein ebenfalls enorm erfolgreiches Sachbuch über sich als Vegetarier zu schreiben und schließlich seinen dritten Roman: "Here I am" – "Hier bin ich", so der deutsche Titel.

Jonathan Safran Foer war auf Stipplesevisite in Deutschland, wir haben ihn abgepasst, und ich hab zuerst danach gefragt, ob es denn stimmt, dass er eigentlich eine komödiantische Fernsehserie schreiben wollte und daraus dann ein Roman wurde.

Jonathan Safran Foer: Ich hab eine Fernsehserie geschrieben, und dann einen Monat vor Drehbeginn plötzlich brach bei mir eine Krise aus. Man kann es eine Midlife Crisis nennen, aber eigentlich bin ich noch nicht mal bei der Hälfte meines Lebens angelangt.

Auf jeden Fall hatte ich kein gutes Gefühl mehr, ich mochte plötzlich nicht das Leben, das ich führte, und hatte das Gefühl, ich komm nicht mehr zum Schreiben, ich komm nicht mehr zu meinen Kindern, wobei ich sagen muss, das Schreiben der Serie hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber alles, was danach kam, wie es darum ging, die Serie dann auch zu machen, das hat mir nicht so ganz entsprochen.

Und daraufhin hab ich dann beschlossen, das nicht weiterzuführen und wieder das zu machen, was mir mehr Erfüllung bringt, nämlich auch das Schreiben, und dann hab ich Elemente dieser Show, die ich da geschrieben hab, in das neue Buch einfließen lassen – nicht unbedingt Szenen, nicht unbedingt Figuren, aber eine gewisse Stimmung, gewisse Momente.

Beispielsweise gibt es da diesen Moment der Sünde, wie die Sünde plötzlich ausbricht, die Originalsünde sozusagen, die Ursprungssünde, und das ist in diesem Fall ein Handy. Und das Handy bringt ein Paar auseinander, es ist so was Ähnliches wie eine Affäre, die sich da andeutet.

Woody Allen hätte seine Freude gehabt

Scholl: Es geht um eine amerikanische jüdische Familie im Buch, die Blochs, gehobener Mittelstand in Washington, der Vater Jacob ein Fernsehdrehbuchautor, die Mutter freie Architektin, drei Söhne gibt es zwischen fünf und zwölf, dann viel Verwandtschaft mit Opa Irving und Uropa Isaac. Und so, wie die miteinander sprechen, Jonathan Safran Foer, daran hätte aber ein Woody Allen, glaube ich, seine helle Freude. Hat er sich schon die Option für einen eigenen Film gesichert?

Foer: Also Woody Allen, der verfilmt nur seine eigenen Drehbücher, die er auch geschrieben hat, und auch Steven Spielberg hat sich nicht gemeldet, dabei hat er so ein kleines Coming, also so einen kleinen Auftritt in einem Pissoir.

Ich bin mir aber schon dessen bewusst, dass ich mich in einer gewissen amerikanisch-jüdischen Tradition bewege. Das ist ein Teil von mir, und diese Tradition kann man entweder fortführen oder man kann sich dagegen auflehnen. Ich hab versucht, weder das eine noch das andere zu tun, sondern mir selbst treu zu bleiben und praktisch das aufzuschnappen, was mir in Gesprächen, in Diskussionen an Gedanken einfach immer so um die Ohren kam.

Scholl: Die Dialoge sind ungeheuer rasant, so ein ständiger Schlagabtausch, und munter wird da Privates, Politisches, Jüdisches gemischt, man hat den Eindruck, als ob Sie da so tief in die eigene Familiengeschichte hineingelauscht haben. War das so?

Foer: Es ist nicht etwas, was ich wirklich gehört habe, ganz direkt vielleicht mitbekommen habe, aber schon wahrscheinlich auf Beobachtungen beruht. Ich liebe es zum Beispiel, mit meinen Kindern Wortspiele zu machen, und ich saß neulich mit meinem Sohn am Frühstückstisch und sagte zu ihm, versuch mal, auf fünf verschiedene Arten und Weisen Dinosaurier zu beschreiben in Wörtern. Und dann sagte er, Papa, fragst du mich das, weil ich auf dem Rücken meines T-Shirts einen Dinosaurier habe, und ich hatte es nicht mal gesehen. Das T-Shirt vorne, das war weiß, es war noch früh am Morgen, ich war noch nicht so aufmerksam, aber eigentlich kann das nicht sein, ich muss das irgendwie gesehen haben, aber es war mir einfach nicht bewusst.

Und genau das versuche ich auch beim Schreiben zu machen. Das heißt, ich versuche Dinge, die mir irgendwann mal begegnet sind, schon einfließen zu lassen, aber der Trick dabei ist, dass einem das nicht bewusst ist, dass das irgendwo im Unterbewusstsein stattfindet.

Und dann hat es natürlich sehr viel mit dem zu tun, wie ich strukturiert bin: Es geht um meinen Humor, um meinen Sinn für Tragik, meinen Sinn für Slapstick, meinen Sinn für Philosophie und Politik. Aber wie gesagt, ich versuche natürlich schon irgendwie Dinge zu schreiben, die mir irgendwann einmal begegnet sind, vielleicht als Kind, vielleicht auch als Erwachsener.

Der Holocaust war wie ein drittes Rad am Wagen

Scholl: Ein Beispiel für diese Dialogregie hab ich mir rausgeschrieben, das ist mein Lieblingsbeispiel: Da sitzt Opa Irv, der Hardcore-Zionist, mit seinem Sohn Jacob im Auto und sie streiten sich. Jacob kommt gerade von einem Schulkrisengespräch über einen seiner Sprösslinge zurück, und der Opa schnaubt: "Was, was, du hast ein Gespräch geführt? Glaubst du, Gespräche wären in Ägypten oder Entebbe unsere Rettung gewesen? Ha, Plagen und Uzis, Gespräche sichern dir einen Spitzenplatz in der Schlange vor einer Dusche, die keine Dusche ist."

War das bei Ihnen auch so, jetzt jenseits des ätzenden Humors, Safran Foer, dass der Holocaust auch in Ihrer Familie ständig präsent war und immer wieder, in jedem Dialog sozusagen, dann wie von hinten durch die kalte Küche kam?

Foer: Ja und nein. Meine Familie könnte eigentlich nicht unterschiedlicher sein als die Familie, die ich hier in diesem Buch beschreibe. Das Einzige, was diese beiden Familien wahrscheinlich gemeinsam haben, ist die Präsenz des Holocaust. In meiner Familie wurde der Holocaust einfach nicht besprochen, das fand einfach nicht statt, das war wie der Elefant im Zimmer, den man einfach unerwähnt ließ.

Oder stellen Sie sich die Situation vor, Sie sind in einem Fahrstuhl und es kommt wirklich ein enorm dicker Mann rein und alle müssen sich sozusagen an die Wände dieses Fahrstuhls quetschen. Genauso ist es in unserer Familie gewesen – man musste sich quetschen, aber dieses enorme Ding, diese Masse wurde einfach nicht angesprochen. Es war nicht so, dass der Holocaust ein Geheimnis war, aber alle wussten, darüber redet man nicht. Das war wie das dritte Rad an einem Wagen, und dieses dritte Rad, das würde dir einen Elektroschock verpassen.

"Man kann nicht immer sagen, wir zuerst!"

Scholl: Die Familiengeschichte bekommt deshalb eben enorm dramatische Fahrt, als ein Erdbeben den gesamten Nahen Osten inklusive Israel in Schutt und Asche legt, die halbe arabische Welt dann die Chance nutzen will, um Israel endgültig von der Landkarte zu tilgen. Was hatten Sie denn mit diesem Katastrophenszenario im Sinn?

Foer: Ich hatte zwei Dinge im Kopf: Natürlich, einerseits ist das ein Trick, den man als Schriftsteller benutzt, um das Drama voranzutreiben, das ist ein Plot Device, wie man das auf Englisch nennt. Ich wollte natürlich damit auch das Interesse beim Leser provozieren, ganz klar. Und natürlich stellt sich auch die Frage der Identität und der Zugehörigkeit, und Israel steht hier eher für ein Symbol.

Natürlich hat es dieses Israel, hat es dieses Land bis 1948 nicht gegeben, aber dahinter stecken ja zeitlose Themen. Da geht es ja um eine Identität, die in Bruchstücken existiert. Da geht es ja darum, wie findet man Ruhe, wie findet man eine Zugehörigkeit, wie findet man ein Land, ein Haus – findet man das vielleicht in einer Ehe, findet man das in einer Paarbeziehung, in einer Familie. All diese Fragen habe ich versucht in Israel hineinzustopfen, ihm als Symbol aufzuoktroyieren, und ich denke, dass es ganz klar ist, dass es hier um Identität geht letztendlich.

Scholl: In einer Passage variieren Sie dann eine Rede, die Barack Obama tatsächlich gehalten hat anlässlich des fürchterlichen Erdbebens in Tahiti 2010, und beim Lesen muss man natürlich unwillkürlich jetzt an den neuen Präsidenten denken. Als Sie Ihren Roman schrieben, Mister Foer, war Donald Trump noch ein, ja, bizarrer Asteroid im politischen Orbit, jetzt ist er voll eingeschlagen. Opa Irv in Ihrem Roman, der würde sich bestimmt drüber freuen, so wie jetzt die orthodoxen Juden in Israel, oder täuschen sie sich?

Foer: Er wird enttäuscht sein, sie werden enttäuscht sein, sie irren sich. Es handelt sich hier um ein Missverständnis, wie man Loyalität interpretiert. Loyalität bedeutet nicht, zu allem Ja zu sagen. Man muss einfach nachdenken, man muss einfach auch bei den anderen sein, auch in seinen Gedanken. Das ist wie in Familienbeziehungen, wie bei einem Bruder, bei einem nahen Angehörigen. So ist es auch mit zwei Ländern, die Alliierte sind.

Aber da muss man auch mal sagen, nein, du bist auf dem falschen Weg – du musst anders denken, du musst anders handeln. Und neue Siedlungen, die Israel baut, sind der falsche Weg, das kann nicht richtig sein, weil es nach wie vor zu mehr Unfrieden führt, es isoliert Israel, also ist das der falsche Weg.

Auf Dauer kann Israel so nicht überleben, wenn es ganz alleine in der Weltgemeinschaft steht und immer sich in einer Krise befindet. Und das ist letztendlich auch wahr für die USA, man kann sich nicht so isolieren und man kann auch nicht immer sagen, America first oder Israel first. Man kann nicht immer sagen: wir zuerst!

"Absurdität des Wahlsystems hat Trump ermöglicht"

Scholl: Wir können einen amerikanischen Schriftsteller wie Sie nicht ziehen lassen, Mister Foer, ohne seine persönliche Meinung zu diesem Präsidenten Donald Trump zu hören: Was bedeutet er Ihrer Meinung nach für Ihr Land?

Foer: Nun, das sind ja eigentlich zwei Fragen. Die eine Frage betrifft, was ist jetzt der Zustand und was wird die Zukunft sein. Zurzeit kann man eigentlich nur sagen, drei Millionen Amerikaner haben für Hillary mehr gestimmt als für Donald Trump, eigentlich hat Hillary diese Wahlen von den Wählerstimmen her gewonnen.

Aber dann ist eben die Frage, wer war der überzeugendere Kandidat, und es ist Hillary Clinton nicht gelungen, die Leute zu überzeugen. Das hat Trump besser verstanden.

Wenn wir über die Qualität der beiden Kandidaten reden, ist es eindeutig, Hillary ist der bessere Mensch. Und wie gesagt, drei Millionen Leute haben eigentlich mehr für Hillary Clinton gewählt als für Donald Trump, das heißt, im Prinzip ist das Land ja eigentlich nach links abgedriftet, weil sich die Demografien so stark verändern – die Leute in den Städten, die Leute, die eine bessere Bildung haben, Leute, die mehr Sprachen sprechen als nur Englisch, vor allen Dinge junge Menschen, die haben eher für links gewählt. Und die, die demografisch am Verschwinden sind, haben für Donald Trump gewählt, das ist die Absurdität dieses Wahlsystems, was Donald Trump ermöglicht hat.

Nun muss man einfach sich auch sagen, hier hat jemand eine Wahl gewonnen auch durch den Einfluss Russlands. Und er hat einfach als Persönlichkeit die Wahl entschieden, weil eine Wahl wird nicht von Ideen entschieden, sondern von Persönlichkeiten, und das hat er gut für sich ausgenutzt. Die Chancen stehen natürlich dafür, dass sich in vier Jahren wieder alles verändert und dass viele Leute plötzlich anfangen, sich politisch zu engagieren. Sie aktivieren sozusagen ihr politisches und soziales Gewissen. Gerade junge Menschen sind plötzlich viel politischer geworden, lehnen sich auf, das heißt, es könnte wirklich sein, dass wir in vier Jahren eine bessere politische Situation haben, als sie uns Hillary gebracht hätte, wenn sie die Wahl gewonnen hätte.

Wenn ich mir allerdings die Zukunft anschaue, dann muss ich schon sagen, Trump kann sehr viel Schlimmes anrichten. Er hat ja auch schon angefangen, sehr viel Unfug zu machen. Man kann sich damit trösten, dass vieles zurückgenommen werden kann von den Entscheidungen, die er trifft, genauso wie er jetzt viele Entscheidungen von Obama zurückgenommen hat, aber er wird dauerhaften Schaden anrichten. Und das ist natürlich die Bedrohung, die ich da auch sehe. Also Trump stellt eine Bedrohung dar, und dagegen muss man jetzt kämpfen.

Scholl: Vielen Dank, Jonathan Safran Foer, thank you for being with us!

Foer: Thank you!

Scholl: "Hier bin ich", der Roman von Jonathan Safran Foer, ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen, toll übersetzt von Henning Ahrens, 683 Seiten kosten 26 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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