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Frühkritik | Beitrag vom 05.04.2019

Jonathan Robijn: "Kongo Blues"Nicht nur Krimi, sondern auch postkoloniales Identitätsdrama

Von Kolja Mensing

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Buchcover zu Jonathan Robijns Krimi "Kongo Blues", im Hintergrund ein Foto vom Anfang des 20. Jahrhunderts (Edition Nautilus / imago/Leemage)
"Kongo Blues" spielt im Jahr 1988, rund drei Jahrzehnte nach Beginn der Unabhängkeit des Kongos von Belgien. (Edition Nautilus / imago/Leemage)

Höchster Neueinstieg auf der Krimibestenliste im April: "Kongo Blues" des Belgiers Jonathan Robijn. In seinem melancholischen Roman erzählt er vom langen Schatten der belgischen Kolonialzeit.

"Kongo Blues" von Jonathan Robijn beginnt als melancholisches Rätselspiel. Morgan ist Barpianist, nachts spielt er in seiner Heimatstadt Brüssel in Bars, tagsüber hängt er einer vergangenen Liebe nach. Dann trifft er wie zufällig auf Simona, eine junge Frau, die er erst für ein paar Tage, dann für ein paar Wochen bei sich aufnimmt. Simona – mehr erfährt man vorerst nicht – trägt auffällig große Summen Bargeld mit sich herum und wartet auf einen Termin im Außenministerium, um eine geschäftliche Angelegenheit für ihren Vater regeln.

Worum geht es hier eigentlich? Morgan und Simona werden kein Liebespaar, eigentlich nicht einmal Freunde. Dass es eine Verbindung zwischen ihnen gibt, die in der kolonialen Vergangenheit Belgiens liegt, deutet sich erst an, als eine Kellnerin in einem Restaurant am Fischmarkt ihr Befremden über Morgans Hautfarbe nicht verbergen kann: "Offensichtlich hatte dieses Lokal nur selten schwarze Gäste."

Handlung spielt in einer Zwischenzeit

Belgien führt seit einigen Jahren eine postkoloniale Debatte. Jonathan Robijn erzählt seinen Roman allerdings nicht von heute aus, sondern siedelt ihn in einer Zwischenzeit an: 1988. Knapp 30 Jahre nach dem Ende des "Freistaats Kongo" ist es in Belgien noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass ein schwarzer Mann und eine weiße Frau gemeinsam ein Lokal betreten. Noch lastet der dunkle Schatten der Kolonialzeit schwer auf einzelnen Biografien: Simona ist das Kind eines Ingenieurs, der nach der Unabhängigkeit des Kongo am Ausbau des Schienennetzes beteiligt war und dabei reich geworden ist.

Morgan dagegen ist als Kind von einem belgischen Ehepaar aufgenommen worden, und seit er Simona getroffen hat, weht ein Hauch von Déjà-vu durch sein Leben: Als sie ihm ihren Bruder Walter vorstellt, einen Barbesitzer, der Morgan ein Engagement verschaffen soll, erinnert ihn der Tonfall der Geschwister "an eine Melodie, die irgendwo in der Tiefe seiner Erinnerung gespeichert war".

Erst Drama um Identität, dann Krimi

Nach und nach sammelt Morgan Hinweise auf eine Tragödie ein, die größer ist als er selbst. Der Pianist ist eines der vielen ungewünschten, außerehelichen Kinder aus dem Freistaat Kongo, die eine schwarze Mutter und einen weißen Vater hatten und später in Belgien zur Adoption freigegeben wurden. So verwandelt sich die betörende Melancholie, die am Anfang über Robijn Romans lag, allmählich in Paranoia: Die Andeutungen auf die Rolle, die Simona in diesem Drama spielt, sind so beunruhigend wie naheliegend.

Es ist fast eine Erleichterung, als die Polizei nach Simonas Verschwinden an Morgans Tür klopft und plötzlich ein internationaler Haftbefehl und ein konkretes Verbrechen im Raum stehen. Aus dem Identitätsdrama wird zuletzt dann doch noch: ein richtiger Kriminalroman.

Jonathan Robijn: "Kongo Blues"
Aus dem Niederländischen von Jan-Frederik Bandel
Nautilus, Hamburg 2019
176 Seiten, 18 Euro

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