Jonathan Haidt: "Die Macht der Moral"
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Zwischen Egoismus und Gruppennormen
07:13 Minuten

Jonathan Haidt
Aus dem Englischen von Jorunn Wissmann und Monika Niehaus
Die Macht der Moral - Warum Politik und Weltanschauungen unsere Gesellschaft spaltenRowohlt, Hamburg 2026480 Seiten
28,00 Euro
Mit „Generation Angst“ und „Die Glückshypothese“ ist der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt auch bei uns bekannt geworden. Jetzt erscheint sein Buch über die "Macht der Moral" auf Deutsch.
Die Elefanten-Metapher kennen die Leserinnen und Leser Jonathan Haidts bereits aus seinem Buch „Die Glückshypothese“. Der menschliche Geist, so Haidt, lässt sich mit einem Elefanten und seinem Reiter vergleichen. Der Dickhäuter steht dabei für Intuition und Emotion – sie bestimmen unser Handeln laut Haidt zu 99 Prozent. Der Reiter – ein Prozent – repräsentiert Vernunft, Verstand und logisches Denken.
Zuerst kommt immer die Intuition
Aus dieser Prämisse leitet Jonathan Haidt eine grundlegende Maxime ab: Zuerst kommt die Intuition; das, was wir vernünftiges Argumentieren nennen, ist nur die nachträgliche Legitimation dessen, wofür wir uns unbewusst längst entschieden haben.
Haidt stützt sich in seinem Buch nicht nur auf sozialpsychologische Experimente, sondern auch auf Einsichten der Evolutionspsychologie. Der Mensch ist demzufolge ein auf den eigenen Vorteil bedachter Nutzenmaximierer: „Die menschliche Natur ist egoistisch. Wir können sie transzendieren, wir können gegen unsere Grundnatur handeln – aber unsere fundamentale Natur bleibt egoistisch“, betont er.
Die Bedeutung des Gruppen-Wettbewerbs
Diese Sichtweise ist von den Wirtschaftswissenschaften vielfach übernommen worden – Stichwort: Homo oeconomicus. Aber sie trifft nur einen Teil der Wahrheit, so Jonathan Haidt: „Ich bestreite, dass das Egoismus-Ding die ganze Geschichte ist. Wir sind auch gruppenorientiert. In den Sozialwissenschaften konzentrieren wir uns zu sehr auf den Wettbewerb ‚Individuum gegen Individuum‘ und zu wenig auf den Wettbewerb ‚Gruppe gegen Gruppe‘. Ich bin mir aber sicher: Auch der Gruppen-Wettbewerb hat unseren Geist geformt.“
Erst seine Fähigkeit zur Zusammenarbeit hat den Homo sapiens zu einer der erfolgreichsten Spezies der Evolutionsgeschichte gemacht. Womit wir beim Thema Moral wären – dem zentralen Inhalt von Jonathan Haidts Buch. Der heute 62-Jährige definiert Moral als ein „Sortiment von Werten, Tugenden und Normen“, die den Egoismus des Einzelnen unterdrücken und ein Zusammenleben in größeren Gruppen überhaupt erst möglich machen. Die Entstehung moralischer Systeme – das tut man und das tut man nicht – hat evolutionsbiologische Wurzeln, wie vieles von dem, was uns ausmacht.
„Wir sind geradezu besessen von der Frage, was andere über uns denken, auch wenn uns das meist nicht bewusst ist", so Haidt. Dass wir ängstlich besorgt sind, was andere über uns denken, hängt mit den Normen und Riten der Jäger- und Sammler-Gesellschaften zusammen, in denen der Homo sapiens über Jahrtausende hinweg gelebt hat. In diesen Gruppen war die Meinung anderer wichtig, wenn man überleben wollte.
Auf den Bruch von Normen folgte der Tod
Wer bestimmte Normen brach, war schnell ein Ausgestoßener – und damit letztlich dem Tode geweiht. Mitunter wurde der Bruch solcher Sozialnormen sogar durch gemeinschaftliche Tötung sanktioniert. Besser, man hielt sich an Regeln – und damit an bestimmte moralische Parameter, die bis heute in uns fortwirken, auch wenn sie sich längst in subtilere Formen sozialer Kontrolle übersetzt haben. Sechs moralische Grundlagen arbeitet Jonathan Haidt in seinem Buch heraus; sie bestimmen unser Denken und Fühlen bis heute – oft, ohne dass wir es merken. Diese sechs Prinzipien sind:
- Fürsorge für andere
- ein Sinn für Fairness und Gerechtigkeit
- Unfreiheit und Bevormundung werden abgelehnt
- Loyalität zu unserer eigenen Gruppe und Traditionsbewusstsein stehen in hohem Ansehen
- Autorität muss respektiert werden
- bestimmte Reinheitsgebote – oft mit religiösem Hintergrund – sind zu befolgen
Linksliberale, so Jonathan Haidt, sind mit ihren Wertesystemen deutlich im Nachteil. Sie konzentrieren sich auf die ersten drei „moralischen Grundlagen“ – Fürsorge, Fairness und Kampf gegen Unfreiheit – während Konservative und Rechte, zumindest ihrem Selbstverständnis nach, alle sechs Parameter bedienen; darunter ganz prominent auch Werte wie Loyalität zur eigenen Kultur und Anerkennung von Autorität – Maßstäbe, die sich auch in der westlichen Arbeiterklasse beträchtlicher Zustimmung erfreuen.
Und da haben wir schon einen der Gründe, warum linke und sozialdemokratische Parteien seit Längerem keine überzeugenden Mehrheiten mehr einfahren können: Sie bedienen das Traditionalismus- und Autoritäts-Paradigma zu wenig, das in ihren proletarischen Kernschichten – aber nicht nur dort – nach wie vor tief verankert ist.
Einer anderen moralischen Logik folgen
Jonathan Haidts zentrale Botschaft ist ernüchternd – und befreiend zugleich. Wir sind keine neutralen Wahrheitsfinder, sondern folgen moralischen Intuitionen, die tief in uns angelegt sind. Diese Intuitionen unterscheiden sich voneinander, je nach unseren sozialen und kulturellen Prägungen. Wer das versteht, sieht politische Gegner nicht länger nur als irrational oder böswillig – sondern als Menschen, die einer anderen moralischen Logik folgen.

















