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Lesart | Beitrag vom 18.08.2018

Jonah Goldberg: "Suicide of the West"Wie der Westen zerfällt

Von Nana Brink

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"Suicide of the West" von Jonah Goldberg (Verlag Crown Forum/imago/Westend61)
Über den Zerfall der Sprache, der Familie, der politischen Institutionen führt uns Goldberg den Zustand der amerikanischen Gesellschaft vor Augen. (Verlag Crown Forum/imago/Westend61)

Der liberale Westen zerfällt nicht nur – er begeht Selbstmord. Diese These stellt der konservative US-Intellektuelle Jonah Goldberg in "Suicide of the West" auf. Goldberg formuliert geschliffen und stellt richtige Fragen. Nur Antworten hat er leider nicht.

Das Buch beginnt mit einem Wunder – "The Miracle" – und mit einer Frage, die Jonah Goldberg auf über 450 Seiten immer wieder neu stellt: Bleibt das Wunder bestehen? Oder sind wir dabei, es zu zerstören? Um es gleich zu beantworten: Jonah Goldberg weiß es auch nicht. Aber es macht Spaß, ihn bei seiner wortreichen Sinnsuche zu begleiten. Nur eines sollte man nicht erwarten: eine Antwort. Oder ein Wunder.

Mit "The Miracle" beschreibt Jonah Goldberg den Zustand, in dem wir in der westlichen, reichen Hemisphäre heute leben. Alle gute Dinge, von denen wir profitieren, wie hoher Lebensstandard, lange Lebenserwartung, politische Freiheiten, sind demnach Produkt unserer demokratischen Staatsform, die auf kapitalistischen und liberalen Ideen basiert. Dass dieses Konzept überhaupt Erfolg hat, erscheint dem Autor deshalb als ein Wunder, weil die Menschheit einen Großteil ihrer Geschichte in Unfreiheit und Barbarei verbracht hat. Deshalb ist "The Miracle" auch kein Produkt der menschlichen Natur, sondern ein "ungeplanter und großartiger Unfall". Vielleicht, notiert der amerikanische Intellektuelle Goldberg süffisant, ein wenig befördert vom frühen angelsächsischen Liberalismus und den Vorzügen der Industrialisierung, von denen die amerikanische Gesellschaft profitiert hat.

Die USA als neuer Stamm der Weißen

Dieses Wunder droht sich nun in Luft aufzulösen. Diese Gesellschaftsordnung zeigt – nicht nur in den USA – gerade Anzeichen eines Zerfalls, schreibt Goldberg. Das aber ist nun wahrlich keine neue These und man könnte sich spätestens am Ende der Einleitung fragen: Warum sollte man dem "Selbstmord des Westens" weiter folgen? Weil Jonah Goldberg als erfahrener Experte für Politik und Kultur am Washingtoner Think-Tank American Enterprise Institute und Kolumnist für unter anderem die "Los Angeles Times" und Fox News ein brillanter Welterklärer ist. Laut dem Magazin "The Atlantic" zählt er zu den 50 einflussreichen Kommentatoren der USA. Und, nicht ganz unwichtig: Er gilt zwar als konservativ, gehört aber gleichzeitig zu den schärfsten Kritikern von Donald Trump und der derzeitigen republikanischen Partei.

Zurück zum Wunder. Die westliche Zivilisation, so Goldberg, hat mehr Freiheit und Lebensqualität hervorgebracht als jede andere Zivilisation in der Geschichte. Eine These, die bislang erstaunlicherweise wenig Kritik hervorgerufen hat. In der Weiterführung argumentiert Goldberg, dass der Erfolg genau darin liege, jede Form von Tribalismus, die eigentlich der Natur des Menschen entspreche, zu unterdrücken. Doch dieses "Gespenst des Tribalismus" erscheint nun wieder – nein, nicht nur in Gestalt von Donald Trump, dem der Autor zwar Nepotismus unterstellt, der aber nur ein "Ausdruck dessen ist, an dem unsere Gesellschaft krankt".

Zerfall der Sprache, der Familie und der Institutionen

"Wie die Wiedergeburt von Tribalismus, Populismus, Nationalismus und Identitätspolitik die amerikanische Demokratie zerstört", so lautet der Untertitel des Buches. Donald Trumps Erfolg ist nicht aus dem Nichts entstanden, argumentiert Goldberg, sondern sein Erfolg erzähle vom Versagen der konservativen Eliten. Sie hätten zugelassen, dass sich ein neuer Stamm (englisch: "tribe") bildet, der in den Augen von Goldberg etwas zutiefst unamerikanisches behauptet, nämlich dass "amerikanische Kultur synonym ist mit weißer Kultur". Diese Identitätspolitik sei ein "hässlicher Virus", der in "gemeinem Nationalismus" mündet.

Laut Goldberg ist die politische Mitte ein verwaister Ort. (Wobei man sich da die Frage stellt: War das in den USA je anders?) Doch für diese Leere macht Goldberg nicht nur die Trumpisten verantwortlich, die die republikanische Partei gekapert hätten, und auch nicht nur deren lauten Populismus. Sondern auch die Demokraten, vor allem in Gestalt von Bernie Sanders. "Das höchste der Gefühle ist ekstatische Schadenfreude, wenn man dem politischen Feind eins auswischt."

Dürfen wir also auf ein neues Wunder hoffen? Nein, vielleicht, ja doch, eher nicht – mit jedem weiteren Kapitel über den Zerfall der Sprache, der Familie, der politischen Institutionen führt uns Goldberg wortreich, manchmal in zu vielen gedanklichen Schleifen, durch den Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Geschliffen formuliert, aber selten auf den Punkt gebracht.

Jonah Goldberg: "Suicide of the West. "How the Rebirth of Tribalism, Populism, Nationalism, and Identity Politics Is Destroying American Democracy"
Verlag Crown Forum, auf Englisch
453 Seiten, 17,99 Euro

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