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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.09.2016

John Williams: "Augustus"Zerrissen zwischen Schicksal und Lebenstraum

Von Gabriele von Arnim

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Die Kopfplastik des römischen Kaisers Augustus wurde 1961 bei Ausgrabungsarbeiten in Mainz gefunden. Undatierte Aufnahme. (picture-alliance / dpa / Göttert)
Der römische Kaiser Augustus - hier als Kopfplastik - scheint Williams noch immer zu faszinieren. (picture-alliance / dpa / Göttert)

Der Schriftsteller John Williams erzählt wieder die Geschichte des Kaisers Augustus. Anfang der 1970er-Jahre veröffentlichte er bereits seine Romane "Stoner" und "Butcher’s Crossing". Sein drittes Werk über Augustus ist ein Mosaik auf Briefen, Memoiren und Gedichten.

Nach der Ermordung Caesars herrscht Unruhe bei den Granden in Rom. Caesar hatte seinen Neffen zum Nachfolger erklärt, und der gesundheitlich schwächelnde Neunzehnjährige ist gewillt, das Testament seines Onkels zu erfüllen. Nennt sich von Stund an Octavius Caesar und macht dem ehrgeizigen Marc Anton einen Antrittsbesuch. Der lässt ihn warten wie einen Bittsteller und schreibt hinterher in einem Brief, dass von diesem Milchgesicht kaum eine Gefahr ausgehen werde. Er irrt sich gründlich. Aus dem jungen Octavius wird ein so skrupelloser wie bedachter, ein so kluger wie kämpferischer Herrscher, der unter dem Namen Augustus als erster Kaiser Roms in die Geschichte eingehen wird.

Die Geschichte des Augustus erzählte der amerikanische Schriftsteller John Williams, der mit seinen grandiosen Romanen "Stoner" und "Butcher’s Crossing" posthum auch bei uns berühmt wurde, bereits 1971 in seinem dritten großen Werk.

Gründliche Recherche

Hier wird nicht die Chronik eines Kaiserlebens episch erzählt, sondern als Mosaik aus Briefen, Tagebucheintragungen, Memoiren, Gedichten oder kaiserliche Erlässen präsentiert. Die Verfasser sind Personen der Zeitgeschichte, ihre Briefe und Notizen hingegen Fiktion. Es schreiben Marc Anton, Marcus Agrippa, Horaz und Ovid. Es gibt aber auch Episteln von Augustus’ ehrgeiziger Ehefrau Livia oder ein so berührendes wie kluges Tagebuch seiner Tochter Julia.

Es gelingt Williams, der gründlich recherchiert haben muss, jedem Schreiber einen eigenen Ton zu geben. Je nach Laune, Stand und Interessenlage schreiben sie melancholisch oder strategisch - Fäden spinnend oder entwirrend. Williams ist ein raffinierter Puzzler, der Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln und Zeitperspektiven betrachtet und so bestrickend hineinlockt in das römischen Leben und die römische Geschichte - in Dekadenz, Intrigen, Schlachten, Morde, aber auch in die Dichtung, die Lust und die Liebe. Das liest sich spannend und ist immer wieder erschreckend aktuell.

Allein in seinem Inneren

Der Mensch an sich - ein unstetes Wesen - machtgierig und liebebedürftig, grausam und klug, Verrat übend und Verräter schonend. Viele Widersprüche vereinen sich in Augustus: der seine geliebte Tochter aus Gründen der Staatsraison in drei Ehen zwingt, nach Cleopatras Tod ihren und Cäsars 17-jährigen Sohn Cäsarion ermorden lässt, weil zu viele Cäsaren dem Land nicht gut täten und der zugleich sein Reich so befriedete, dass seine Herrschaft auch als Pax Augusta bezeichnet wird.

Zehn Tage vor seinem Tod, schreibt Augustus an den Philosophen Nikolaos von Damaskus einen Brief und zieht eine nachdenkliche Bilanz seines Lebens. Er weist auf die Diskrepanz zwischen Wirken und Wollen hin und erkennt mit der Lebensklugheit des Todgeweihten die Unsinnigkeit der eigenen Existenz. Es ist einer der bewegendsten Texte in diesem Buch. Und hier ist Augustus erkennbar Williams Geschöpf. Zerrissen zwischen Schicksal und Lebenstraum. Allein in seinem innersten Sein. Ausgeliefert seinem Geschick und es doch gestaltend.

John Williams: Augustus
Übersetzt von Bernhard Robben
dtv, München 2016
480 Seiten, 24,90 Euro

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