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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2019

John Ironmonger: "Der Wal und das Ende der Welt"Die menschliche Wolfsnatur ganz zahm

Von Wolfgang Schneider

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "Der Wal und das Ende der Welt" zu sehen. Im Hintergrund ist eine Aufnahme eines Dorfes an einer steinigen Küste. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)
Angespült an ein verschlafenes Küstendorf: Joe Haak war Londoner Investmentbanker, nun ist er auf der Flucht. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)

Wenn die Welt untergeht, dann rücken die Menschen zusammen. So die These von John Ironmonger in seinem gesellschaftsphilosophischen Roman "Der Wal und das Ende der Welt". Eine Wohlfühldystopie, die Zweifel weckt.

Wenn in Romanen ein Wal vorkommt, hat er meist eine dicke Speckschicht aus Bedeutung. So auch im Bestseller des 1954 geborenen britischen Schriftstellers John Ironmonger. Fast scheint es, als hätte der Finnwal, der vor dem Küstenkaff St. Piran dümpelt, die Hauptfigur des Romans ausgespuckt. Sie heißt dann auch nicht zufällig Jonas, kurz, Joe Haak.

Es stellt sich heraus, dass dieser Mann, der nackt und halbtot am Strand aufgefunden wird, ein Londoner Investmentbanker auf der Flucht ist. Joe hat ein Computerprogramm namens "Cassie" entwickelt, das in hochkomplexen ökonomisch-politischen Zusammenhängen Vorhersagen treffen kann. Bei der Spekulation auf fallende Kurse hat das erst einmal nicht funktioniert und Joes Bank Verluste beschert.

Der Fremde wird zum Held des Dorfes

Einen Tag später taucht der Wal wieder auf. Er ist gestrandet, und Joe trommelt das ganze 300-Seelen-Dorf zusammen. In einer von ihm koordinierten Rettungsaktion wird das Tier wieder in tieferes Wasser geschafft. Im Handumdrehen hat Joe die Herzen der Dörfler erobert; der Fremde ist zum Held geworden. Und der Wal zum Sinnbild der Gemeinschaft.

Womit wir bei Hobbes wären. Seine Staatstheorie vom "Leviathan" gehört zur Bedeutungsfracht des Wals. Ironmongers Roman ist eine Art philosophische Wette. Wie verhält sich der Mensch, wenn die Zivilisation und das Gewaltmonopol des Staates zusammenbrechen? Hat Hobbes wirklich recht mit seinem pessimistischen Bild vom Menschen, dessen Wolfsnatur ohne den "Leviathan" – den Gesellschaftsvertrag, die Staatsmaschine – grimmig hervorträte?

Der Untergang ist nahe – drei Tage vor der Anarchie

Da passt es, dass Joes "Cassie"-Programm – Achtung, Kassandra! – eine Menschheitskatastrophe prognostiziert: einen Zusammenbruch der Zivilisation durch eine Grippewelle, noch schlimmer als die Spanische Grippe von 1918. Joe, der im Dorf Unterschlupf und Freundschaft gefunden hat, entschließt sich zu einer Rettungsaktion. Für sein ganzes Geld kauft er haltbare Lebensmittel und lagert sie in der Kirche ein.

Der Roman besteht zum größten Teil aus Dialogen – das Weltuntergangsszenario wird weniger dargestellt als besprochen. Für die Gespräche verwendet Ironmonger Argumente des Komplexitätsforschers Yaneer Bar-Yam sowie Beispiele von Jared Diamond über den Kollaps von Gesellschaften, wenn etwa über die hochgradige Anfälligkeit der modernen Lieferketten diskutiert wird. Vor allem Großstädte seien immer nur drei Tage von der Anarchie entfernt.

Unterhaltung durch Thesen statt Tote

Durch die Dominanz des Gesprächs und die Vermittlung vieler Ereignisse in Form des Berichts erscheint die Katastrophe gedämpft. Die Überwältigungsästhetik, mit der viele Dystopien sonst ihre Leser oder Zuschauer in den Bann ziehen, bleibt außen vor. Das Inferno wird kaum durch Details des Schreckens beglaubigt: Apokalypse light. Das kann man als Erzählschwäche werten; so bekommt der Roman andererseits jedoch die Reize eines parabelhaften Denkspiels. Wer sich lieber durch Thesen als durch Tote unterhalten lässt, wird Geschmack daran finden.

Unbefriedigend ist allerdings das Finale. Bei Ironmonger sprießt in der Gefahr das Rettende: Hilfsbereitschaft, Solidarität. Die Grippe ist vorbei, der Wal am Ende tot, und die Bürger von St. Piran bereiten aus ihm ein Weihnachtsmal für das Nachbardorf. So leicht lässt sich die Welt wohl doch nicht retten, so leicht nicht Hobbes‘ Misstrauen in die menschliche "Natur" ausräumen wie in dieser Wohlfühldystopie.

John Ironmonger: "Der Wal und das Ende der Welt". Roman
Aus dem Englischen von Maria Poets und Tobias Schnettler
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2019
480 Seiten, 22 EUR

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