John-Dylan Haynes über "Fenster ins Gehirn"

    Gedanken lesen – und die Grenzen davon

    11:50 Minuten
    Illustration: Wissenschaftler diskutieren vor einer Tafel mit dem Diagramm eines Gehirns.
    "Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann" - so lautet der Untertitel des Buchs von John-Dylan Haynes. © imago / fStop Images / Malte Müller
    John-Dylan Haynes im Gespräch mit Andrea Gerk · 06.07.2021
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    Lügen erkennen oder welche Entscheidung jemand treffen wird - solche Dienstleistungen werden heute schon angeboten. Der Hirnforscher John-Dylan Haynes betont, so weit sei die Wissenschaft noch nicht. Aber gewisse Gedanken könne sie bereits "auslesen".
    Kennen Sie das? Manchmal sitzt man an einer kniffligen Aufgabe, kommt einfach nicht weiter, und holt aus Frust dann erst mal den Staubsauger raus – und plötzlich fällt einem die Lösung ein. Warum das so ist, hat sich auch der Hirnforscher John-Dylan Haynes gefragt.
    Er putzte als Schüler sein Fahrrad, wenn es mit Mathe nicht weiterging. Der rätselhafte Effekt hat ihn zu seiner jetzigen Profession inspiriert: Heute ist er Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Charité Berlin.
    Zusammen mit dem Wissenschaftsautor Matthias Eckoldt hat er das Buch "Fenster ins Gehirn – Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann" geschrieben.

    Interesse an Gedanken von anderen

    Er habe sich schon in jungen Jahren beispielsweise gefragt, was wohl andere Personen denken – und ob man das auf der Basis der Hirnaktivität herausbekommen könnte, erklärt John-Dylan Haynes.
    Bis zu einem gewissen Grad gehe das heute. "Wenn wir an Hund, Katze, Maus denken, gibt es im Gehirn für Hund, Katze, Maus jeweils ein ganz eigenes Aktivitätsmuster." Diese seien wie ein Fingerabdruck des Gedankens im Gehirn und, platt gesagt, könne man sie mithilfe von künstlicher Intelligenz "auslesen".
    Aber davon, wie solche Prozesse in Science-Fiction-Filmen wie beispielsweise in "Matrix" oder der Netflixserie "Stranger Things" dargestellt würden, seien wir weit entfernt. "Wir sind da noch in den Anfangstagen", sagt der Hirnforscher.

    Psychologie für praktische Fragen geeigneter

    Die Frage nach dem Zusammenhang von Gedanken und Hirnprozessen, von Geist und Körper ist eine der uralten Menschheitsfragen, die seit jeher die Philosophie beschäftigt. Hat die Neurowissenschaft inzwischen stichhaltigere Antworten darauf?
    Cover des Buchs "Fenster ins Gehirn. Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann" von John-Dylan Haynes und Matthias Eckholdt vor einem orangenen Aquarellhintergrund
    Die aktuellen Grenzen der Hirnforschung aufzeigen: Das war der Auslöser für John-Dylan Haynes' Buch.© Deutschlandradio / Ullstein Verlag
    "Es hat in den letzten 20, 30 Jahren sehr viel Hype um die Hirnforschung gegeben", sagt Haynes. Man habe sich sehr viel davon versprochen und es sei auch sehr viel versprochen worden. Doch das habe auch zu Gegenreaktionen geführt, zu Skepsis und einer grundlegenden Kritik an der Hirnforschung. "Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte." Man könne aus der Hirnforschung sehr viel lernen, so der Wissenschaftler.
    Aber: "Wenn ich wissen möchte, ob jemand lieber Kaffee oder Tee trinkt, ist es viel einfacher, die Person zu fragen, als im Hirnscan nachzuschauen." Für viele praktische Fragen sei die Hirnforschung nicht die Methode der Wahl. Da schaue man besser in die Psychologie.

    "Brain Reading" für die Selbstvermarktung?

    Es geht bei der Hirnforschung aber auch um ganz konkrete Fragestellungen, beispielsweise die Verbesserung medizinischer Diagnosen. "Wenn man die Gedanken einer Person zu einem gewissen Grad aus der Hirnaktivität decodieren kann", könne man das auch auf bestimmte Anwendungssituationen übertragen, so Haynes.
    Dazu zähle zum Beispiel die Frage, ob man Erkrankungen mithilfe von künstlicher Intelligenz aus der Hirnaktivität, aus der Hirnstruktur herauslesen könne. Weitere mögliche Anwendungssituationen seien Lügen zu erkennen oder vorherzusagen, welches Produkt jemand kaufen wird. "Heute kann man das noch nicht", betont Haynes. Obwohl es Firmen gebe, die solche Dienstleistungen anbieten.
    Beispielsweise Mark Zuckerberg oder Elon Musk investieren viel Geld und Zeit in die Erforschung des "Brain Readings". Dabei gehe es um Selbstvermarktung, meint Haynes. Diese Ankündigungen der Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley, was sie in den kommenden Jahren in der Hinsicht realisieren wollten, seien der Auslöser für das Buch gewesen, sagt John-Dylan Haynes. Es soll zeigen, was geht – und wo aktuell die Grenzen sind.
    (abr)

    John-Dylan Haynes, Matthias Eckholdt: "Fenster ins Gehirn. Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann"
    Ullstein Verlag, Berlin 2021
    304 Seiten, 24 Euro

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