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Lesart | Beitrag vom 04.11.2019

John Burnside: "Über Liebe und Magie"Die fatale Unfähigkeit zur Nähe

Von Verena Auffermann

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Das Bild zeigt das Cover des Buches von John Burnside sowie ein aquarellierter Hintergrund. (Penguin / Deutschlandradio)
Seziert sich gnadenlos selbst: John Burnside und sein neues Buch "Über Liebe und Magie". (Penguin / Deutschlandradio)

Der Vater ist ein brutaler Trinker, das eigene Leben ist geprägt von Psychiatrie-Aufenthalten und gescheiterter Liebe. Gnadenlos ehrlich betrachtet John Burnsides in "Über Liebe und Magie" einen einsamen Menschen - sich selbst.

John Burnside ist ein Schriftsteller, wie es sie nicht viele gibt. Der vierundsechzigjährige Autor hat mehr zu erzählen, als die meisten. Aber das, was er erzählt, sind keine weitschweifigen Stories, es sind Reflexionen über das eigene Dasein. Ob es nun Memoirs sind oder Beispiele für das autofiktionale Erzählen: John Burnside hat mit "Liebe und Magie" seinen dritten Bekenntnistext geschrieben und wie ein Musikstück mit sieben "Abschweifungen", "Zwischenspielen, dem "Nachspiel" und einer "Coda" aufgebaut. Im Zentrum steht er selbst, der in Cowdenbeath, einer düsteren Bergarbeiterstadt unweit Edinburghs geboren wurde, einen gewalttätigen Trinker zum Vater und insgesamt keine guten Chancen hatte.

John Burnside kennt keine Gnade mit sich selbst und den Fehlern, die seinen Lebenslauf ausmachen, zu dem ein Sprachstudium, Tätigkeiten als Programmierer und Mitte der neunziger Jahre die Entscheidung, Schriftsteller zu werden, gehören, aber auch Drogenkonsum und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken.

Sexphantasien und Männer in Bars

Dieses außergewöhnliche Buch erforscht die Verhältnisse und stellt die sich daraus entwickelnden Fragen. Die Beschreibungen des Ortes, der klammen Wohnverhältnisse, der Umgebung, der Schule und Freunde, der geliebten Mutter, werden unterbrochen von bohrenden, sich selbst gegenüber mitleidlosen Recherchen. Warum diese schmerzhafte Sprachlosigkeit und Gefühllosigkeit, weshalb diese quälenden Rückzüge in die Einsamkeit? Der Leser beobachtet aus nächster Nähe einen Menschen, der nicht in der Lage ist, die Schwelle zum Anderen zu übertreten. Es passt, dass der junge Mann leidenschaftlich fotografiert. Der Apparat schützt ihn vor Nähe. 

Es ist das Ergebnis des lebenslangen Nachdenkens, das dieses Buch so eindringlich macht. Burnside nimmt radikal die männliche Sicht ein. Den Blick des Jungen, des Heranwachsenden, der auf die Liebe nicht vorbereitetet ist. Er beschreibt Partys in Lagerhallen, Männer in Bars, Nächte am Tresen, Sexphantasien, durchzogen von Gerede über den "Pyrrhussieg", ein "erwachsener Mann" zu werden.

Schizophrene Verhaltensmuster

Zentral und lebensbestimmend wird die Begegnung mit der jungen Amerikanerin Christina. Es ist eine amour fou, der Ich-Erzähler weiß es, aber er traut sich nicht, er lässt die Liebe nicht zu. Diese Verweigerung kostet ihn fast sein Leben, bringt ihn abermals in die Psychiatrie. Er ahnt, woher die Blockade kommt, beobachtet sein Nichthandeln, überwinden kann er es nicht. "Ich brachte es nicht über mich, ihr zu bekennen, dass ich sie wollte, denn ich wollte sie ja unbedingt; und ich konnte ihr nicht sagen, dass genau dies der Grund war, weshalb ich sie zurückgewiesen hatte."

John Burnside beschreibt eindringlich und erbarmungslos diese schizophrenen Verhaltensmuster, eingefügt in die Sensationslosigkeit des Daseins eines einsamen Menschen. Eine klarere und dringlichere Analyse des Alltags zwischen Beschreibung und Selbstbeobachtung liest man selten.

John Burnside: "Über Liebe und Magie – I Put a Spell on You."
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Penguin Verlag, München 2019
284 Seiten, 20 Euro

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