Tag der Jogginghose
Kontrolle übers Leben: In ein Café in Pforzheim darf man nicht mit Jogginghose eintreten © picture alliance / dpa / Marius Bulling
Von Karl Lagerfeld zu Nicolás Maduro
05:00 Minuten

Ohne Scherz: Der 21. Januar ist der „Tag der Jogginghose“. Das ist auch philosophisch höchst interessant. Denn das Kleidungsstück erfreut sich seit der Entführung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro erneut großer Beliebtheit.
Zu den Hinterlassenschaften des Modeschöpfers Karl Lagerfeld gehört das Bonmot, wer eine Jogginghose trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Der Satz kam gut an. Das Publikum liebte die beinahe selbstparodistische Zurschaustellung von Lagerfelds elitärem Ästhetizismus.
Allerdings drückt sein geflügeltes Wort kein ästhetisches, sondern ein gesellschaftliches Urteil aus. Er schließt aus dem Tragen einer Jogginghose nicht etwa bloß auf den schlechten Geschmack des Trägers, sondern auf dessen nach bürgerlichen Maßstäben gescheiterte Lebensführung.
Mode als Zeichensystem
Damit verdeutlicht der Satz die Einsicht des Philosophen und Kulturtheoretikers Roland Barthes, dass Mode wie eine Sprache funktioniert. Sie ist ein Zeichensystem mit eigenen Regeln und Codes, an denen wir soziale Zugehörigkeiten und Distinktionen ablesen.
Wer sich formell angemessen kleidet, signalisiert Kontrolle über Körper und Affekte und demonstriert seine Akzeptanz gesellschaftlicher Normen. Die Jogginghose fungiert in diesem Code als negativer, klassistischer Distinktionsmarker. Sie wird als Merkmal des falschen Habitus, als Zeichen von Bildungsferne, Sich-Gehen-Lassen und mangelnder Disziplin gelesen.
Die Umcodierung des Codes
Wie alle codierten Unterscheidungen kann jedoch auch diese zum Element neuer Unterscheidungen gemacht und dadurch umcodiert werden. So wurde der „Internationale Tag der Jogginghose“ am 21. Januar als ironischer Kommentar auf die Verinnerlichung des bürgerlichen Leistungsimperativs ins Leben gerufen.
Das demonstrative, öffentliche Tragen der Jogginghose wird an diesem Tag zum selbstermächtigenden, politischen Statement, plötzlich funktioniert Lagerfelds Schlussfolgerung nicht mehr. Ähnliches ist der Fall, wenn sich Rapmogule und andere Showstars in Jogginghosen von Luxusherstellern zeigen, die genauso teuer sind wie Lagerfelds Prêt-à-porter-Kreationen. Der Code der Distinktion verschiebt sich.
Die modischen Zeichen wechseln permanent ihren Wert in einem unendlichen Spiel des Sich-Unterscheidens, um der Unterscheidung willen. Dieses Spiel gehorcht keiner bewussten Steuerung und fügt sich keinen vorgegebenen Sinnzuschreibungen. Vielmehr produziert es ständig neue, potenziell signifikante Unterscheidungen für potenziell neuen Sinn – unvorhersehbar, instabil und vielfältig interpretierbar.
Nicolás Maduro als Meme
Womit wir beim Foto des gefesselten Nicolás Maduro im Jogginganzug wären, das jüngst um die Welt ging – das perfekte Meme zu Lagerfelds Bonmot. Maduro trug eine Jogginghose, und er hatte die Kontrolle über sein Leben verloren. Das immense semiotische Potential dieses Bildes liegt in der überdeutlichen Diskrepanz zwischen der sozialen Rolle des brutalen Diktators und der Banalität und Harmlosigkeit seines Outfits.
Warum aber waren des Kaisers neue Kleider nur wenige Tage später weltweit ausverkauft? Was versprachen sich Käufer:innen auf der ganzen Welt davon, genau diesen Jogginganzug zu besitzen und gar zu tragen, womöglich noch am Internationalen Tag der Jogginghose? Wollten sie Unterstützung für den widerrechtlich Entführten signalisieren? Oder, ganz im Gegenteil, Hohn und Spott für den gestürzten Unterdrücker? Das eine scheint so gut möglich wie das andere und daher beliebig.
Plausibler ist die These, dass auch dieses Phänomen keiner politischen, sondern einer semiotischen Logik folgt. Der Besitz des gleichen Jogginganzugs demonstriert die Teilhabe an einem viralen Moment, die Zugehörigkeit zu einer Codegemeinschaft.
Wie bei anderen Memes auch, wird das Zeichen nicht gesetzt, um eine bedeutungsvolle Aussage zu machen. Signalisiert wird vielmehr, dass man zur Gemeinschaft derer gehört, die um seine Zeichenhaftigkeit als solche wissen und sich daher an dem ironischen Spiel mit ihm beteiligen können – noch bevor es eine Bedeutung gewonnen haben wird, allein um des Spiels der Distinktionen willen.















