Jörg Magenau über "Die kanadische Nacht"

    Der Tod des entfremdeten Vaters

    13:16 Minuten
    Der Journalist und Autor Jörg Magenau
    Bekannt wurde Jörg Magenau vor allem durch seine Biografien von Martin Walser und Helmut Schmidt © imago images / photothek / Michael Gottschalk
    Moderation: Andrea Gerk · 19.02.2021
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    Nach Jahrzehnten ohne Kontakt reist der Kulturjournalist und Biograf Jörg Magenau ans Sterbebett seines Vaters. Aus dieser Begegnung ist sein erster Roman "Die kanadische Nacht" entstanden. Darin geht es auch um die Prägung durch die Eltern.
    Über Martin Walser und die Freundschaft zwischen Helmut Schmidt und Siegfried Lenz hat Jörg Magenau erfolgreiche Bücher geschrieben. Im Deutschlandfunk Kultur ist er regelmäßig als Literaturkritiker zu hören. Jetzt hat er selbst seinen ersten Roman veröffentlicht.

    Unwissen über den eigenen Vater

    "Die kanadische Nacht" erzählt aus der Ich-Perspektive von einer Reise zum alten, fernen, sterbenden Vater in Kanada und parallel dazu von einem großen, verhinderten Buchprojekt über einen alten Dichter, der schon gestorben ist. Zu der Geschichte seines Romans kam Magenau, als sein eigener Vater nach Jahrzehnten ohne Kontakt im Sterben lag und nach ihm rief.
    Dabei stellten sich dem Autoren dann einige Fragen: "Warum weiß ich von meinem eigenen Vater weniger als von manchen Figuren, über die ich als Biograf geschrieben habe? Und das wirft neue Fragen auf, darüber, wie man über Leben überhaupt schreiben darf und kann, und wie man sich selber ins Verhältnis dazu setzt. Das war einfach der ganz schlichte biografische Anlass, der mich gedrängt hat, darüber zu schreiben."

    Elterlicher Prägung kann man nicht entgehen

    Denn auch wenn es sich bei "Die kanadische Nacht" um einen Roman handelt, wird eine Reise erzählt, die so oder so ähnlich stattgefunden hat – auch wenn sie im Text dann zu etwas anderem werde, sagt Magenau. In den Text sei aber auch eingeflossen, wie stark man von seinen Eltern geprägt werde.
    "Es gibt die Einsicht, dass der Vater immer der Vater bleibt und der Sohn immer der Sohn. Auch wenn man sich nie sieht, auch wenn man nichts voneinander weiß, an dieser Grundbefindlichkeit gibt es kein Rütteln dran, und das muss ich akzeptieren", sagt Magenau.
    "Und ich glaube, das ist eine Erfahrung, die viele von uns machen. Wie stark die Eltern einen dann doch geprägt haben. Die eigene Herkunft, die eigene Kindheit, die eigenen Sprechweisen, was man von den Eltern übernimmt bis ins biologische hinein, Körpergerüche, Art der Bewegung, des Blicks."

    Das eigene Leben als Konstruktion

    Der Schreibprozess des Romans sei dabei gar nicht so weit entfernt gewesen von dem der Biografien, für die Magenau bekannt ist. Der Unterschied zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion sei ihm nicht so wichtig. Denn aus seiner Erfahrung als Biograf habe er gelernt, dass auch beim Schreiben über echte Leben etwas entstehe, das am Ende einer Fiktion sehr nahekomme.
    "Das eigene Leben ist auch etwas, was man konstruiert. Es ist nichts gegeben, wo man sich einfach mal schön erinnert, und dann schreibt man seine Autobiografie, sondern das sind Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken, Gelesenes, Gesehenes. Das fügt sich zu einem Bild, das sich aber erst im Erzählen herstellt."
    (hte)
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