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Länderreport | Beitrag vom 02.08.2019

Jesiden in TübingenKein Neuanfang für alle

Von Ursula Götz und Susanne Arlt

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Das Flüchtlingscamp Karbatoo für jesidische Flüchtlinge aus Syrien nahe der Stadt Dohuk im Nordirak (imago stock&people)
In Camps - wie diesem nahe der Stadt Dohuk im Nordirak - haben Männer und Brüder der Jesidinnen Zuflucht gefunden. (imago stock&people)

Ministerpräsident Kretschmann holte 2015 mehr als 1000 aus IS-Gefangenschaft entkommene Jesidinnen nach Baden-Württemberg. Jetzt sind einige tot geglaubte Männer der Frauen wieder aufgetaucht – und hoffen auf eine Zukunft in Deutschland.

Satz für Satz tastet sich Heja vor. Immer wieder unterbricht die Mitte 20-Jährige das Gespräch und weint. Um anonym zu bleiben, heißt die junge Frau in dieser Geschichte Heja. Was die Jesidin erlebt hat, ist unvorstellbar. Aus ihrem Dorf Kodscho in der nordirakischen Sindschar Region wurde sie mit ihrer kleinen Tochter von IS-Terroristen verschleppt. Erst nach einem monatelangen Martyrium kam Heja mit ihrer Tochter frei. Sie retteten sich in ein Flüchtlingscamp und durften 2015 nach Deutschland ausreisen. Seitdem leben die beiden in Tübingen.

"Wir sprechen immer darüber, was dort passiert. Immer darüber, was wir gesehen haben."

Die Vergangenheit ist präsent. Und doch, Heja hat sich eingelebt in ihrer neuen Heimat. So wie viele jesidische Frauen, die das Land Baden-Württemberg vor vier Jahren aufgenommen hat, dachte auch Heja lange, sie habe nahezu all ihre Angehörigen verloren.

Deutsche Sprache als Bedingung

Doch nun erfuhr die junge Frau, dass ihr Mann, der Vater ihrer Tochter, sowie einer ihrer Brüder leben. Die beiden sind in einem Flüchtlingscamp nahe der nordirakischen Stadt Dohuk untergekommen, auch sie waren in IS-Gefangenschaft.

"Ja, wir haben Kontakt, ich spreche täglich mit meinem Mann und meinem Bruder, die jetzt im Irak wohnen."

Hejas Tochter fragt regelmäßig nach:

"Wann kommt mein Papa her? Ich möchte auch wie die anderen Kinder, dass er mich im Kindergarten abholt. Und ich weiß nicht, was soll ich antworten."

Beim Familiennachzug unterliege auch Baden-Württemberg den gesetzlichen Regularien, lautet in diesen Fällen die Antwort der grünen Staatsministerin Theresa Schopper. Für Heja kein Trost. So wie ihr geht es auch anderen Frauen im Südwesten: Einige tot geglaubte junge Männer und Kinder sind aufgetaucht. Doch im Rahmen des Familiennachzugs müssen sie Bedingungen erfüllen, unter anderem einen Deutschkurs absolvieren.

CDU fährt harten Kurs in Sachen Familiennachzug

"Die leben in den meisten Fällen in Lagern, dort gibt es kein Goethe-Institut oder keine Sprachschule, die Deutschkurse anbieten würde. Von daher muss man sich andere Modelle überlegen, wie die zu ihren Sprachkenntnissen kommen", weiß Ministerin Schopper aus eigener Anschauung. Sie hat im Frühjahr einige Flüchtlingscamps im Nordirak besucht. Man suche derzeit nach Modellen, wie die Sprache vor Ort erlernt werden könne, sagt die Grünen-Politikerin.

Doch ihr Kabinettskollege Thomas Strobl von der CDU ist dafür bekannt, dass er in Sachen Familiennachzug einen harten Kurs fährt. Und sein Innenministerium ist für die Anliegen der jesidischen Frauen in Baden-Württemberg zuständig. Auf die Frage, ob der Koalitionspartner den raschen Nachzug verhindere, weicht die Ministerin aus:

"Wir wissen, dass die Frauen oft auch gar nicht wussten, dass es noch jemanden gibt, der das überlebt hat. Da arbeiten wir dran, das Innenministerium ist da vor allen Dingen federführend, die das auch mit dem Auswärtigen Amt, mit dem Generalkonsulat Erbil, aber auch mit den Ausländerbehörden klären müssen."

Kanada nimmt bewusst Familien auf

Kanada hat so wie Baden-Württemberg ebenfalls in den vergangenen Jahren Jesiden aus dem Nordirak und Syrien aufgenommen, bewusst jedoch Familien. Manuela Zendt hat das Haus geleitet, in dem jesidische Frauen ihre erste Zuflucht in Tübingen fanden. Obwohl die Frauen mit ihren Kindern längst alleine leben, ist die Sozialarbeiterin bis heute eine ihrer wichtigsten Ansprechpartnerin. Immer wieder werde sie gefragt:

"Warum dürfen die Frauen, die nach Kanada gehen, die Familien mitnehmen und das ist doch viel besser und sie dürfen das nicht. Ich kann denen auch nur sagen, was die Landesregierung mir sagt. Der Wunsch ist ganz stark da, dass zumindest die engsten Verwandten, Kinder und Männer nach Deutschland kommen können."

Manuela Zendt leitet heute das interkulturelle Mehrgenerationenhaus Infö in Tübingen. Wenn Menschen, die man betrauere, doch überlebt haben, sei dies ein wunderbares Geschenk für die Angehörigen. Dann sei es wichtig, dass diese Familienzusammenführung möglich ist. Welche Rolle Überlebende bei Krieg und Vertreibung einnähmen, das zeige auch ein Blick auf die eigene Geschichte, betont die Fachfrau:

"Da brauchen wir nur an den Zweiten Weltkrieg denken, wenn da welche zurückgefunden haben, wie war das für die Familien? Da hat jeder in seiner Familie wahrscheinlich irgendeine Geschichte zu erzählen, wo er dran denken kann."

Hoffnung auf Lösung in Tübingen

In Tübingen geht es um drei Kinder und zwei Männer, die für den Familiennachzug überhaupt in Frage kommen. Laut Ministerin Schopper gibt es aber Hoffnung, dass im Fall Tübingen und auch in anderen Städten bald eine Lösung gefunden wird:

"Wir wissen, dass wir da, bei den ganz wenigen Fällen ein hohes Interesse haben, dass die Frauen den Nachzug hier haben."

Heja muss sich noch gedulden, was ihr schwerfällt. Mit den Tränen kämpfend formuliert sie ihren größten Wunsch:

"Ich wünsche mir, dass mein Mann und mein Bruder hierher nach Deutschland kommen, wir zusammen leben und wie die Deutschen arbeiten."

Die junge Frau möchte gerne Erzieherin werden. Dank ihrer sprachlichen Fortschritte dürfte einer Ausbildung schon bald nichts mehr im Wege stehen.

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