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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.05.2020

Jeremy Tiang: "Das Gewicht der Zeit"Flucht in den Dschungel

Von Marko Martin

Das Cover des Buches zeigt die Fotografie eines jungen malaysischen Paares. (Residenzverlag / Deutschlandradio)
Das „Das Gewicht der Zeit“ von Jeremy Tiang (Residenzverlag / Deutschlandradio)

Jeremy Tiangs neuer Roman "Das Gewicht der Zeit" führt zurück in das Malaysia und Singapur der Fünfziger Jahre. Bislang unerzählte Geschichten werfen in Südostasien noch heute ihre Schatten.

Eine gute Nachricht: Singapur und Malaysia sind zurück auf der literarischen Bühne. Lange war die frühere britische Kolonie vor allem aus Joseph Conrads Romanen und den Erzählungen William Somerset Maughams bekannt: Die beiden weitgereisten Autoren spannen ein exotisches Garn vor Tropenlandschaft, abgelegenen Inseln und glänzenden Teakholz-Möbeln, wobei ihre keineswegs glänzenden Protagonisten fast immer britische Expats waren, die hier in Südostasien ihrer Konventionen und mitunter auch ihres Lebens verlustig gingen. Ohne jeden Zweifel Weltliteratur - und gleichzeitig eine Art Selbstgespräch zwischen Europäern.

Guetilla-Kämpfe in den 50er-Jahren

War jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg, der überstandenen brutalen japanischen Besatzung und dem Abzug der Britten so gar nichts mehr passiert, was eine Literarisierung provoziert hätte? Malaysia (damals noch unter dem Namen Malaya) war 1957 unabhängig geworden, eine Föderation mit Singapur bestand bis 1965, danach wurde der bald darauf wirtschaftlich prosperierende Stadtstaat unabhängig.

Eine Erfolgsgeschichte ohne größere Verluste, da von hier aus gesehen das von Kriegen zerrissene Vietnam ebenso fern lag wie Maos China? Und doch hatte es in den 50er-Jahren jene bis heute euphemistisch genannte "Emergency" gegeben, Guerilla-Kämpfe zwischen Briten und pro-chinesischen Dschungelkämpfern, die häufig sogar aus der Mittelschicht stammten.

Eine bislang unerzählte Familiengeschichte

Wie bereits Tan Twan Engs preisgekrönter Roman "Der Garten des Abendnebels", führt nun auch Jeremy Tiangs Roman "Das Gewicht der Zeit" in jene Jahre zurück - und beschreibt doch gleichzeitig Gegenwart. Weshalb fremdelt die Staatsangestellte Janet derart mit ihrem alten, kranken Vater Jason? Der Grund liegt in einer bislang unerzählten (Familien-) Geschichte, denn auch Janets Mutter hatte sich einst jener Guerilla angeschlossen, müde der Repression einer spätkolonialen Gesellschaft. Sie wird ihre Familie nie wiedersehen, deren Leben danach weitergegangen war - auch um den Preis des Verdrängens.

Sinnlich und plausibel

Der 1977 in Singapur geborene Tiang, der für diesen Roman 2018 den renommierten "Singapore Literature Prize" erhalten hat, erzählt anhand von sechs Personen sechs Geschichten - jede davon führt sinnlich und plausibel zurück in die Gegenwart der jeweiligen Jahrzehnte.

Im Bemühen, all seinen Protagonisten gerecht zu werden, mogelt sich der Autor freilich ein wenig um eine Frage herum, die nicht ganz unwichtig ist: Was wäre wohl geschehen, hätte Siew Li, die einst aus Enttäuschung über die Briten in den Dschungel gegangen war und ihre Familie verlassen hatte, mit ihren pro-chinesischen Ideen Erfolg gehabt? Dann wären, so viel lässt sich mit Sicherheit sagen, ihre Verwandten entweder als "bourgeoise Elemente" während der Kulturrevolution erschlagen oder in den bis heute in der Volksrepublik China existierenden politischen Straflagern zu loyalen Genossen abgerichtet worden. Und selbstverständlich wäre dann auch Tiangs wunderbarer Roman nie erschienen.

Jeremy Tiang: "Das Gewicht der Zeit"
Aus dem Englischen von Susann Urban
Residenz Verlag 2020
304 Seiten, 24 Euro 

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