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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.03.2013

"Jeder Neubau ist eine Wette auf die Zukunft"

Architekt Matthias Sauerbruch über den Bilbao-Effekt

Moderation: Stephan Karkowsky

Das Guggenheim-Museum in Bilbao (AP Archiv)
Das Guggenheim-Museum in Bilbao (AP Archiv)

Spektakuläre Kunstbauten verändern die Innenstädte - vom Opernhaus in Sydney bis zum Guggenheim Museum in Bilbao. Doch der sogenannte Bilbao-Effekt stellt sich nicht immer ein, sagt der Architekt Matthias Sauerbruch, der in Berlin eine Ausstellung zu diesem Thema kuratiert.

Stephan Karkowsky: Die Stadt Bilbao im spanischen Baskenland war ein verschlafen vor sich hinrostendes Industriestädtchen, bis dort 1997 ein Ufo landete, prall gefüllt mit Kunst: Frank Gehrys spektakulärer Museumsbau für die Guggenheim Foundation. Wie sich Bilbao dadurch verändert hat und ob dieser Bilbao-Effekt auch andernorts zu beobachten ist, das möchte ich mit Matthias Sauerbruch besprechen. Der Berliner Architekt ist Kurator einer Architekturschau namens Kulturstadt, die übermorgen in der Berliner Akademie der Künste eröffnet. Herr Sauerbruch, guten Morgen!

Matthias Sauerbruch: Guten Morgen!

Karkowsky: Eine Million Besucher jedes Jahr, mehrere Tausend Arbeitsplätze hängen in Nordspanien an diesem Museum dran. Was meinen Sie, lässt sich so ein Riesenerfolg eigentlich planen?

Sauerbruch: Also das ist sicherlich sehr schwierig. Es ist überhaupt zunächst mal die Frage, ob es eigentlich ein Riesenerfolg ist oder war. Das wurde in den letzten Jahren, also Jahrzehnt kann man schon sagen, seitdem dieses Museum existiert, immer heftigst diskutiert. Und wir hatten im Vorfeld zu der Ausstellung eine Ökonomin aus Bilbao von der Baskischen Universität, Frau Plaza, zu Besuch, und die hat das tatsächlich über die Jahre erforscht und hat unterm Strich zeigen können, dass tatsächlich von diesem einen speziellen Projekt ein positiver wirtschaftlicher Effekt für die Region ausgegangen ist, der auch bis jetzt zumindest nachhaltig ist.

Karkowsky: In Bilbao haben die mit 600.000 Besuchern gerechnet.

Sauerbruch: Ja.

Karkowsky: Eine Million kommen jetzt immer noch jedes Jahr, und in Spitzenzeiten waren es deutlich mehr. Wie kommt es? Warum funktioniert das da?

Sauerbruch: Also wie es dazu kommt in diesem speziellen Fall, würde ich sagen, das ist eine sehr glückliche Mischung aus einer klugen, klugen Stadtpolitik, weil das Museum war nicht die einzige Maßnahme, die mit diesem Strukturwandel einherging, sondern es wurde sehr viel Infrastruktur verändert, neuer öffentlicher Nahverkehr eingerichtet – übrigens auch alles mit einem sehr hohen architektonischen Niveau, von Norman Foster die ganzen U-Bahn-Stationen und so weiter –, es wurden Parks …

Karkowsky: Die berühmte Brücke gibt es von Santiago Calatrava.

Sauerbruch: Genau, es gibt ein Kongresszentrum und so weiter und so fort.

Karkowsky: Was alles viel Geld gekostet hat.

Sauerbruch: Das hat sehr viel Geld gekostet und wurde aber auch sehr gezielt und sehr überlegt ausgegeben, und das hat natürlich, sage ich mal, die ganze Psychologie und auch diesen gesamten Charakter dieser Stadt natürlich stark verändert.

Karkowsky: Wie hat sich Bilbao das denn leisten können?

Sauerbruch: Ich glaube, das ist eine Kombination aus Geld aus Madrid, Geld aus der Region und Geld aus der Stadt. Und die haben das aber sehr gezielt ausgegeben, die haben beispielsweise als einzigen Bau eben nur dieses Guggenheim-Museum aus dem Stadtsäckel bezahlt. Andere Dinge wurden dann mit privater Hand finanziert und so weiter und so fort. Also das ist das eine, das andere ist natürlich, das Guggenheim-Museum ist eine weltbekannte Institution, die haben eine Sammlung, da steckt eine gewisse Kraft und auch Organisation dahinter, und das versiegt nicht nach drei Jahren, also da ist einfach eine Ausstellung, die die Leute auch noch anzieht, auch, wenn sie das Gebäude mal gesehen haben, und so weiter. Und dann ist das Gebäude schon auch sehr, sehr außergewöhnlich.

Karkowsky: Ja, was meinen Sie denn, wie groß ist der Anteil von Frank Gehrys Architektur, diese Titanplatten, die da in Bilbao quasi aus dem Himmel ragen? Wie groß ist der Anteil?

Sauerbruch: Das kann man natürlich schwer sagen, aber ich würde mal vermuten, dass der nicht gering ist, denn ich glaube, dass die Menschen sich sehr stark für Architektur interessieren, und gerade, wenn es so was ist, was eigentlich auch so technologisch, also zumindest zu dem Zeitpunkt, an den Grenzen der Machbarkeit war und auch von der ganzen formalen Welt und Ästhetik her wirklich neu ist, dann sind schon viele Menschen neugierig und wollen das einfach mal sehen.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den Berliner Architekten Matthias Sauerbruch, Kurator der Ausstellung Kultur:Stadt mit einem Doppelpunkt dazwischen, ab Freitag in der Akademie der Künste Berlin. Herr Sauerbruch, 37 Architekturprojekte zeigen Sie dort. Zu 15 davon gibt es Kurzfilme, gedreht von Studierenden der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Mich hat gewundert, dass Sie auch das Berliner Berghain-Gebäude mit einbezogen haben in Ihre Auswahl, also den berühmten Techno-Club in einem ehemaligen Heizkraftwerk. Erkennen Sie denn eine Aufwertung der näheren Umgebung durch das Berghain, oder warum ist das da drin?

Sauerbruch: Also vielleicht noch zwei Worte zu den Filmen: Das Berghain hat tatsächlich auch einen Film, das ist sehr ungewöhnlich, weil die Clubgänger, die Nachtschwärmer wissen, dass das Berghain absolutes Fotoverbot hat, da darf nicht fotografiert werden, und das ist der einzige Film meines Wissens, der existiert aus dem Innenraum, und das ist auch ein sehr ungewöhnlicher - aber wie wirklich viele von diesen Filmen außergewöhnliche Qualität haben, ich kann das wirklich nur sehr empfehlen.

Aber zurück zu Ihrer Frage, wir haben das Berghain in der Ausstellung, weil wir interessiert sind an einem Diskurs, der entstanden ist durch eben diesen Strukturwandel, das ist die Umwandlung von bestehenden Bauten, vielfach eben Industriebauten, die überflüssig geworden sind und dann umgenutzt wurden, eben vielfach auch in Kulturbauten oder soziale Bauten, wie auch immer. Da haben wir eine ganze Reihe von Beispielen, und der Umgang jetzt der Architekten mit dieser Aufgabe ist eben unterschiedlich, in vielen Fällen nur eine Adaption, in manchen Fällen ist es, was wir ein Palimpsest nennen, also eine Überlagerung von neuen Strukturen auf alten, bestehenden Gebäuden. Und das Berghain ist für mich ein Beispiel, was ich eine Umcodierung nennen würde.

Da ist eigentlich gar nicht viel Architektur passiert – da wurden natürlich Toiletten eingebaut, oder was weiß ich, Treppen und Feuersicherheit hergestellt und so weiter –, aber eigentlich ist dieses stalinistische, monumentale Bauwerk, was ja mal Teil der Nachkriegswiederaufbauzeit in Ostberlin war, das ist eigentlich durch sozusagen die Veränderung der kulturellen Szene um das Gebäude herum anders geworden. Es ist gar nicht sozusagen - es hat sich nicht baulich verändert, sondern durch die Veränderung des kulturellen Kontexts ein anderes geworden. Und das, finde ich, ist schon ein sehr interessantes Phänomen, und natürlich sozusagen auch extrem und hat so eine gewisse Ironie von diesem repräsentativen sozialistischen Klassizismus dann hin zu dem extremsten Nachtklub der jetzt Gesamtberliner Szene.

Karkowsky: Und der immer noch unter Denkmalschutz steht.

Sauerbruch: So ist es, ja!

Karkowsky: Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika wurde viel über den Bilbao-Effekt diskutiert. Drei der fünf Stadionneubauten waren vom Architekturbüro Gerkan entworfen worden. Meinen Sie, dass auch Sportbauten einen nachhaltigen Bilbao-Effekt auslösen und einen Strukturwandel herbeiführen können?

Sauerbruch: Das ist ja immer erhofft, das ist auch immer der Hintergrund von olympischen Spielen oder vielfach der Hintergrund, dass also Stadterneuerungsprozesse eingeleitet werden sollen, die dann nachhaltig auf eine Region wirken, das ist immer auch das große Argument für eben die Investition von meistens doch sehr massiven Budgets. Und das ist schwer zu beurteilen, es gibt eine ganze Reihe von Analysen. Unser eigenes Beispiel München, das kann man eigentlich bestätigen, München hat seit der Olympiade eine wunderbare U-Bahn, München hat einen wunderbaren Olympiapark, also da hat es sicherlich funktioniert, die Stadt wurde aufgewertet, Barcelona sagt man auch, also da hat ja auch sehr stark in der Stadt stattgefunden diese Olympischen Spiele, dass also die einen großen Erneuerungsschub und Verbesserungsschub für die Stadt gebracht haben.

In Südafrika ist das natürlich eine Frage, also da sind die Stadien teilweise oder meistens recht isoliert, und da ist das natürlich dann die Frage, inwieweit die existierende oder sich entwickelnde Kultur dann diese Räumlichkeiten auch ausfüllen kann, also in anderen Worten, inwieweit es wirklich Fußballfans gibt, die in diese Stadien kommen, inwieweit es die Clubs gibt, und so weiter und so fort, inwieweit eben die Form sozusagen auch mit Leben erfüllt werden kann. Und ich kann das jetzt im Einzelnen für Südafrika nicht beantworten, weil ich mich damit nicht beschäftigt habe, aber in der Ausstellung haben wir sicher das eine oder andere Projekt, wo das absehbar ist, dass das nicht der Fall sein wird. Und da wird natürlich dann die architektonische Hülle zu so einer Art von übergroßem Anzug, den man eigentlich nicht richtig tragen kann.

Karkowsky: Wie lautet denn nun Ihr Fazit, nachdem Sie all diese Projekte begutachtet haben? Könnten Sie als Architekt einer Stadt, als Bauherr, eine Garantie geben für einen Publikumserfolg, weil alle Prämissen für den Bilbao-Effekt bekannt sind und nur noch umgesetzt werden müssen? Sie sagen also, ich baue ihnen da das Ding hin und das wird einen Strukturwandel auslösen?

Sauerbruch: Also das kann man nie. Jeder Neubau ist eine Projektion in die Zukunft, und diese Art von Kulturbauten sind natürlich wirklich auch eine Wette auf die Zukunft, wenn man so möchte.

Karkowsky: Ihr Büro plant doch gerade ein Museum in Venedig.

Sauerbruch: Das ist richtig, ja, wir planen, also wir haben das auch jetzt in der Ausstellung gezeigt, ein Museum in Venedig. Aber nehmen Sie mal zum Beispiel das Opernhaus in Sydney, das ist schon ein Klassiker mittlerweile: Die Form, die der Architekt vorgeschlagen hat, konnte man eigentlich nicht bauen. Während der Planungs- und Bauzeit, die sich endlos in die Länge gezogen hat, hat sich das Budget fast um den Faktor von 15 erhöht, und es ging deutlich viel länger. Es gab einen Riesenstreit unter der Bevölkerung mit dem dänischen Architekten, der schließlich und endlich frustriert und enttäuscht und verbittert das Land verlassen hat, fast seine Profession aufgegeben hat – und am Ende ist ein Riesenerfolg draus geworden. Es ist sozusagen das wichtigste Gebäude für Australien. Aber es gibt natürlich auch das umgekehrte Beispiel, wo Gebäude mit größter Erwartung eröffnet werden und dann eben doch vielleicht nicht ganz das erfüllen, was man sich versprochen hat.

Das heißt also, ohne diesen Mut zum Risiko, ohne diese, sage ich jetzt mal, etwas spekulative Dimension werden diese großen Projekte sicherlich nicht passieren. Und jetzt natürlich, in Zeiten der Krise und Austerität, sind natürlich zwangsläufig eigentlich unsere Sympathien und auch Interessen natürlich bei den kleinen Projekten, bei den Bottom-up-Projekten, von denen wir einige in der Ausstellung haben, wo Privatleute oder Kunstschaffende sich zusammentun und einfach irgendwelche Gebäude benutzen oder mit geringstem Aufwand was auf die Beine stellen, was natürlich dann auch interessant ist, und was insofern einen Effekt oder einen Beitrag zur Kultur ist, als einfach Menschen zusammenkommen, was machen, was darstellen, was organisieren, und die Architektur dann eigentlich, kann man sagen, fast so eine beiläufige Rolle hat. Sie macht das natürlich möglich, da muss irgendwo ein Dach überm Kopf sein und eine Heizung und so weiter, aber es muss nicht unbedingt immer der spektakuläre Bau sein.

Karkowsky: Matthias Sauerbruch, danke für das Gespräch!

Sauerbruch: Ich danke Ihnen!

Karkowsky: Der Berliner Architekt kuratiert eine Ausstellung in der Akademie der Künste: Kultur:Stadt, ab Freitag in Berlin.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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