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Tonart | Beitrag vom 04.08.2021

Jazz-Sängerin Jeri SouthernErst verehrt, dann vergessen

Von Sky Nonhoff

Jeri Southern am Klavier (IMAGO / Everett Collection)
Verehrt und doch nie sehr erfolgreich: Nach zehn Jahren beendete Jeri Southern ihre Musikkarriere. (IMAGO / Everett Collection)

Jeri Southern zählte zu den größten Jazzsängerinnen, doch großer Erfolg war ihr nicht beschieden. Nach zehn Jahren gab sie ihre Karriere auf, heute ist sie fast vergessen. Eine Erinnerung zu ihrem 95. Geburtstag.

Sie hat es nicht mehr erlebt: Wie der gefeierte Kontrabassist Charlie Haden seine drei Jazz-Jahrhundertstimmen, nicht einmal ein Jahr nach ihrem Tod, mit Originalsongs auf seinem 1992er-Album "Haunted Heart" integrierte. Man konnte das getrost als Reverenz verstehen, als tiefe Verneigung vor einer weiblichen Heiligen Dreifaltigkeit des popular song.

Zwei der Sängerinnen kennt jeder, der sich auch nur oberflächlich mit Jazz Vocals beschäftigt hat: Billie Holiday und Jo Stafford, und sicher hatte Haden die Dritte nicht umsonst in den Mittelpunkt des Albums gestellt: die fast vergessene, aber nicht minder große Jeri Southern.

"Es war wirklich purer Zufall", erinnerte sie sich. "Ein Agent aus Chicago hatte von mir gehört und bot mir einen Job an. Er sagte, wenn ich auch singen würde, könne er zehn Dollar mehr für mich herausschlagen, und da konnte ich nicht nein sagen. Also brachte ich mir ein paar Songs bei: 'Stormy Weather', 'Embraceable You' ... Es war learning by doing."

Sopranstimme im Internat ruiniert

Und da ist sie: Jeri Southern, flachsblond, skeptischer Blick, deutsche Großeltern, unlängst dem Notre-Dame-Internat in Omaha, Nebraska entkommen. Dort haben ihr die Nonnen die Sopranstimme mit Arien und Koloraturübungen kaputtgemacht, doch jetzt, 25 Jahre alt, hat sie ein neues Timbre gefunden: ein aus tiefstem Atem kommendes Sehnen, in dem all die hochfliegenden Wünsche gleichzeitig in der Neige eines Whiskeyglases zu verschwimmen scheinen.

Wir schreiben die frühen 50er-Jahre, und so hat weder eine Sängerin vor noch nach ihr geklungen, ebenso wie das Klavier, das sie hier selbst spielt.

Sie bleibt nicht unbemerkt. Zu ihren Bewunderern zählt Miles Davis, der ihr zuraunt, sie klinge wie eine Schwarze. Frank Sinatra läuft ihr im Bademantel bis auf die Straße hinterher und drückt sie an sich. Der Hollywood-Großkomponist und Oscar-Preisträger Hugo Friedhofer schickt ihr nicht nur ein Meer aus weißen Rosen, sondern wird später eine Wohnung auf der Etage ihres Apartments in Hollywood mieten.

Ende nach zwölf Alben

Es nützt alles nichts. Nach zehn Jahren Halbkarriere und zwölf Alben wird Southern, zermürbt von Lampenfieber und Depressionen, der Musikindustrie von einem Tag auf den anderen den Rücken kehren. Ihr Fazit von ebenso nüchterner, irreversibler Klarheit wie die Phrasierung ihrer Songs:

"Zwei Jahre etwa hat es echt Spaß gemacht, aber das war’s auch schon. Außerdem fühlte ich mich emotional und intellektuell unterfordert. Wenn man jeden Abend dieselben Songs zum Besten gibt, dann schaltet man irgendwann geistig auf Durchzug und überlegt beim Singen, ob man womöglich das Bügeleisen im Hotel angelassen hat."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Merke: Auch ein Apartment in Hollywood kann ein Exil sein. Und dort empfing sie, vielleicht die erste Jazz-Vocal-Minimalistin, Klavier- und Gesangsschülerinnen, über die sie sagte: "Ich wäre steinreich, hätte ich jedes Mal einen Dollar dafür bekommen, wenn ich gesagt habe: ‚Sing die Vokale, nicht die Konsonanten.’"

Improvisieren in ungestörten Momenten

"You Better Go Now" – Du verschwindest jetzt besser – heißt ihr womöglich schönstes Album, und vielleicht hatte der Titel für sie selbst gegolten. Hugo Friedhofer, der Mann mit den weißen Rosen, sah jeden Tag bei ihr vorbei. Sie waren unzertrennlich, wie Southerns Tochter Kathryn berichtete:

"Wenn sie sich ungestört glaubte, setzte sie sich ans Klavier und improvisierte, reiste dabei in ihre eigene Welt, und man wusste nie, wo die Reise hinführte. Sie spielte, ohne nachzudenken, und ich musste ganz leise und vorsichtig sein – sonst hätte sie wahrscheinlich sofort damit aufgehört."

Das Lied ist vorbei, und davon, wo die Melodie nachhallt, erzählt die Geschichte der Jeri Southern, die so diskret und für immer die Öffentlichkeit hinter sich ausschloss: im Verstummen, und im Wissen darum, dass alles Private vertraulich ist.

In ihrem letzten Interview, 1990, dem ersten seit mehr als dreißig Jahren, erwiderte sie auf die Frage, ob sie den Wunsch habe, je wieder zu singen:

"No, I do not."

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