Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 28.02.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.08.2019

Japan Der Anfang vom Ende des Walfangs?

Von Kathrin Erdmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Drei getötete Wale auf dem japanischen Fabrikschiff Nisshin Maru im Januar 2014. (picture alliance / dpa / Tim Watters / Sea Shepherd Australia)
Drei getötete Wale auf dem japanischen Fabrikschiff Nisshin Maru im Januar 2014. (picture alliance / dpa / Tim Watters / Sea Shepherd Australia)

Seit diesem Sommer betreibt Japan wieder den kommerziellen Walfang. Walfleisch zu essen, gehöre zur japanischen Kultur, argumentierten die Befürworter. Dabei ist die Nachfrage so stark gesunken, dass Händler oft auf ihrer Ware sitzenbleiben.

Im Schneidersitz sitzen zehn Männer um einen langen, flachen Tisch . Sie gehören zum Folkloreverein Kayoi, der sich um den Erhalt der Walkultur bemüht. Alle sind am späten Abend extra für den Hörfunk gekommen, um zu singen. Gemeinsam treten sie sonst nur noch auf, wenn man sie bucht. Während zwei Männer auf mit Walhaut bespannte Trommeln schlagen und das zweite Lied anstimmen, haben die anderen die Augen geschlossen. Warum sie beim Singen die Handflächen aneinanderreiben, beschreibt der 81-Jährige Vorsänger Kenji Nakaja so. 

"Das ist aus Respekt vor dem Wal, der sein Leben für uns gelassen hat. Für uns ist das zwar ein Grund der Freude, aber hier zu klatschen wäre dem Tier gegenüber respektlos."

Damit es mit dem Singen besser klappt, steht eine zwei Liter Sake Flasche, japanischer Reiswein, auf dem Tisch. Auch zwischendrin wird ein Schlückchen genommen.

Der Verein hat noch 19 Mitglieder und befindet sich in Kayoi, ein Dorf im äußersten Zipfel der japanischen Präfektur Yamaguchi, im Westen der Hauptinsel Honshu. Es ist einer von zwei Orten in ganz Japan, in dem die alte Walkultur noch so aufrechterhalten wird.

Wie stark die aber bedroht ist, einfach, weil die Leute sterben und keine neuen nachkommen, zeigt der Blick auf den Altersdurchschnitt des Folklorevereins. Der liegt bei 67,5 Jahren, hat Yoshikatsu Hayakawa errechnet. Der Rentner leitet nicht nur den Verein, sondern auch das Walmuseum in Kayoi.

Am nächsten Tag wartet der 78-Jährige schon vor der Tür. Das Erlegen eines Wals war früher echte Schwerstarbeit, sagt Hayakawa und holt zur Erklärung eine handgemalte Zeichnung hervor.

"Vor 350 Jahren waren Mannschaften von 200 bis 300 Mann, teilweise gar 500 und 800 Mann auf dem Wasser. Sie fingen die Wale mit Netzen ein und bewarfen sie dann mit Speeren."

Walfischfang vor den Gotô-Inseln, zwischen 1832 und 1834, aus der Serie: Tausend Ansichten der Meere (chie no umi), Mehrfarbendruck, chuban, 19,1 × 25,9 cm, Tokio, Sumida City (picture alliance / dpa / akg-images)Walfischfang vor den Gotô-Inseln, zwischen 1832 und 1834, aus der Serie: Tausend Ansichten der Meere (chie no umi). Mehrfarbendruck, chuban, 19,1 × 25,9 cm. Tokio, Sumida City. (picture alliance / dpa / akg-images)

War das Tier langsam ermattet, musste einer der Männer direkt auf den Wal springen und ihm mit einem erstaunlich kleinen Messer noch den Todesstoß versetzen. Die Waffe kann man sich natürlich im Museum anschauen.

"Nach der alten Methode war es ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Mensch und Wal; heute besitzt der Mensch einen ganz deutlichen Vorteil. Der Wal stirbt mit einem Schuss. Früher war das eine lebensgefährliche Arbeit."

Ebenso geprägt vom Walfang wie Kayoi ist Shimonoseki, etwa zwei Autostunden südlich von der Halbinsel entfernt. Die Großstadt hat einen wichtigen Hafen. Er ist bekannt für Kugelfisch und Wal. Wal verkauft der 43-jährige Kazuhiro Fujino schon die Hälfte seines Lebens.

"Viel geht an Supermärkte und Restaurants, ein Großteil davon bleibt hier in der Gegend. Shimonoseki bekommt die ganzen guten Teile für Sashimi. Manchmal verkaufe ich auch Wal bis nach Ube oder nach Hiroshima oder sogar Osaka." 

Schon sein Vater handelte mit Wal, er führt die Tradition fort und das ziemlich erfolgreich. Eine Tonne verkauft er jeden Monat. In der Auslage seines Geschäfts in der Markthalle von Shimonoseki liegen verschiedene Stücke vom Wal.

Es gibt frischen Mink- und Seiwal. Und eingekochten Wal in Dosen, "richtig schön weich", versichert die Verkäuferin. Das Sashimi ist am teuersten, ein Kilo kostet umgerechnet rund 220 Euro, günstigere Stücke sind für rund 40 Euro zu haben. Das Fleisch stammt teils aus Island, teils aus Japan.

Austritt aus der Walfangkommission – nach mehr als 30 Jahren

Mehr als 30 Jahre lang war Japan Mitglied in der Internationalen Walfangkommission, kurz IWC. Fischhändler Fujino bedauert den Ausstieg aus der Kommission.

"Von mir aus hätten sie gern drinbleiben können. Denn ich weiß nicht, wie das mit dem kommerziellen Walfang wird. Das Sashimi kommt ja nicht gefroren, sondern roh, und das hält ja nur zwei Tage. Außerdem sind die Preise bisher festgelegt. Die werden jetzt sicher steigen."

Händler Fujino sieht das kritisch, Wissenschaftler Mitsuhiro Kishimoto von der Privatuniversität Shimonosekis kann das verstehen.

"Für den Forschungswalfang wurden ja nur die Tiere im Südpolarmeer gefangen und das ist relativ leckeres Fleisch. Und das lässt sich auch gut verkaufen. Durch den Austritt aus der Walfangkommission fällt das natürlich weg, da kann ich schon verstehen, dass die Verkäufer jetzt Sorge haben."

Auch er bedauert den Ausstieg aus der Walfangkommission, hofft jedoch für die Region auf steigende Nachfrage, auch durch die bewusste Steuerung des Staates, zum Beispiel in der Schulspeisung.

Bislang bekamen die Kinder in Shimonoseki zwei bis drei Mal pro Jahr einen Teller Walfleisch zum Mittagessen. Und die finden die Abwechslung zumindest laut Bericht eines lokalen Fernsehsenders richtig gut:

"Seit heute Morgen war ich aufgeregt und habe mich darauf gefreut."

"Der Wal-Geschmack ist gut, ja, lecker."

Fischhändler Fujino hat da mit seiner Tochter ganz andere Erfahrungen gemacht:

"Die Kinder kennen den Geschmack nicht mehr so richtig und scheinen beim Schulessen auch nicht das beste Fleisch zu bekommen. Mein Kind hat mir gesagt: Das schmeckt aber nicht so gut wie bei Dir, Papi. Und wenn das so ist, dann bekommt die nächste Generation auch nicht gerade mehr Lust auf Wal."

"Walfleisch ist doch eklig"

Mehr Lust auf Walfleisch zu machen, ist eines der erklärten Ziele von Shimonosekis Bürgermeister Shintaro Maeda. Deshalb lässt er in den öffentlichen Schulen dieses Jahr 100.000 Mittagessen ausgeben, 30.000 mehr als bisher.

"Immer wenn es in den Nachrichten Neuigkeiten über Walfang gibt, dann gebe ich Pressekonferenzen. Wenn ich danach die Berichte lese, stehen darunter oft Kommentare wie: Warum soll ich das essen, das schmeckt doch gar nicht, das ist doch eklig. Walfleisch schmeckt am besten roh als Sashimi, aber das wissen die meisten Japaner gar nicht.

Walfleischauktion im August in Sendai im Nordosten Japans. Ein Mann probiert rohes Walfleisch. (imago images / Kyodo News)Walfleischauktion im August in Sendai im Nordosten Japans. (imago images / Kyodo News)
Walfleisch zu essen ist für Japans Identität wichtig. Viel Kritik zum Walfang kommt zum Beispiel aus Australien, obwohl die selbst Känguru und Seekuh essen. Das ist für Japaner auch unfassbar. Aber wir kritisieren das nicht, weil das eben Teil ihrer Kultur ist."

Um die Akzeptanz von Walfleisch zu steigern, setzt er auch auf Regierungsprogramme. Die Chancen könnten gut stehen, denn die Region ist zufällig die Heimat des rechtskonservativen Regierungschefs Abe. Bürgermeister Maeda hat früher sogar mal in dessen Büro gearbeitet.

"Oh nein, zu Abe will ich in diesem Zusammenhang nichts sagen, wirklich nicht."

Aber er wisse natürlich, dass Abe pro-Walfleisch ist, lässt er sich dann doch noch hinreißen. Ein bisschen deutlicher wird Tetsuji Ida. Der Journalist arbeitet seit mehr als 30 Jahren für die japanische Nachrichtenagentur Kyodo News und beschäftigt sich ebenso lange mit Umweltthemen. Ein echter Freigeist im japanischen Medienmainstream.

"Wir haben zwei, drei einflussreiche Politiker in Yamaguchi, einschließlich Regierungschef Abe und dann noch Herrn Nikai, ein wichtiger Mann bei den Liberaldemokraten, die sich für den Erhalt des Walfangs einsetzen."

Deshalb habe die LDP auch darauf gedrängt, die Internationale Walfangkommission zu verlassen, sagt der Journalist Ida. Gegen den erklärten Willen des Außenministeriums.

Auch Island und Norwegen jagen Wale

Einer, der hautnah dabei war, ist Joji Morishita, Professor an der Universität für Meereskunde und Technologie in Tokio und zuletzt Vorsitzender der Internationalen Walfangkommission. Einerseits, so der Meeresforscher, habe Japan schon lange vorgehabt, sich aus der Kommission zurückzuziehen, konkret  2007. Andererseits habe Japan einen Kompromiss vorgeschlagen, der jedoch abgelehnt worden sei.

"Lasst uns anerkennen, dass wir uns uneinig sind und Wege finden, wie wir weiter in einer Organisation zusammenarbeiten können. So wie ein Ehepaar, das kurz vor der Scheidung steht und noch im selben Haus lebt, in dem sich aber beide Partner ignorieren."

Was ihn besonders ärgert: Bei Island und Norwegen ist genau das möglich. Sie sind Mitglied in der Internationalen Walfangkommission und jagen trotzdem kommerziell Wale. Island, weil es wirtschaftlich stark abhängig davon ist und Norwegen:

 "Das Land hat damals gegen das Walfangmoratorium Einspruch erhoben, Japan auch. Aber nur bei Norwegen wurde dem Einspruch stattgegeben. Die USA haben uns damals gedroht: Wenn ihr dabeibleibt, dann dürft ihr 200 Meilen US-Gewässer nicht mehr nutzen. Aber das waren für uns wichtige Fischgründe. Also mussten wir nachgeben und verloren damit das Recht, weiter Wale zu jagen."

Doch wurde Japan wirklich benachteiligt? Nein, heißt es auf Nachfrage bei der Internationalen Walfangkommission. Einspruch könne nach den Statuten der IWC nur direkt nach einer Entscheidung erhoben werden. Das aber habe Japan damals verpasst.

Ein toter Wal wird am Hafen von Hokkaido in Japan begutachtet. (picture alliance / Kyodo)Ein toter Wal wird am Hafen von Hokkaido in Japan begutachtet. (picture alliance / Kyodo)
Japan vor einigen Wochen: Die letzten Schiffe zum Forschungswalfang laufen aus. Der öffentlich-rechtliche Sender NHK bringt einen kurzen Bericht darüber, wie die Schiffe nur wenige Stunden später wieder in den Hafen von Abashiri auf Hokkaido, ganz im Norden Japans einlaufen. Erlegt haben die Fischer ein Weibchen, 6,7 Meter lang und drei Tonnen schwer.

Männer in blauen Ganzkörperanzügen nehmen sofort Proben, denn offiziell hat Japan die letzten drei Jahrzehnte Wale in erster Linie zu Forschungszwecken gefangen, vor allem mehrere hundert Zwergwale. Was genau dort erforscht wurde, bedarf mehrmaliger hartnäckiger Nachfrage bei Tamura Tsutomu, dem Direktor des japanischen Walforschungsinstituts, kurz ICR.

"Wir können jetzt über die jeweiligen Walsorten sagen, wie lange sie brauchen, um erwachsen zu werden und wie oft sie Junge zur Welt bringen."

Und dass es von einigen Arten, wie dem Mink-Sei und Blauwal inzwischen wieder so viele gibt, dass man sie wieder kommerziell jagen kann.

"Ich persönliche bedaure das Ende des Forschungswalfangs. Wir befanden uns mitten in einem zwölf-jährigen Forschungszyklus, der nun mittendrin beendet wird. Aber immerhin haben wir ja unser Ziel erreicht, damit Japan wieder kommerziell Wale fangen kann. Insofern muss man das positiv bewerten."

Irgendwann landet das Walfleisch im Müll

Den Walfang in der Antarktis fortzusetzen, wäre mit enormen Kosten verbunden gewesen, sagt der langjährige Umweltjournalist Tetsuji Ida.

"Es gibt zwar Pläne, ein neues Schiff für den Walfang zu bauen, aber das würden das Finanzministerium, die Öffentlichkeit und auch einige Beamte nicht mitmachen."

Denn schon jetzt ist der Walfang ein teures Zuschussgeschäft. Zuletzt pumpte die Regierung umgerechnet mehr als 40 Millionen Euro in die Forschung. Doch das Walfleisch findet keine Abnehmer. Laut der letzten Statistik lagerten 2016 2794 Tonnen Walfleisch in Gefrierschränken – und landen irgendwann im Müll. 

Dass sich an den Essgewohnheiten seiner Landsleute künftig etwas ändert, glaubt der Journalist Ida nicht:

"Die letzten fünf bis zehn Jahre hat Japan versucht, den Verzehr von Walfleisch anzukurbeln, hat bei Krankenhäusern, in der Armee und in öffentlichen Schulen dafür geworben, aber alles ist gescheitert."

Anders als früher haben die Menschen heute einfach eine große Auswahl an eiweißhaltigen und vor allem günstigeren Speisen, argumentiert nicht nur Ida. Yoshie Nakatani vom Japanischen Außenministerium will dieses Argument jedoch nicht gelten lassen.

"Nehmen wir zum Beispiel das Tapioka Getränk. Vor zwei Jahren kannte das keiner, aber jetzt stehen die Leute vor den Läden Schlange. Mit Walfleisch ist es dasselbe. Nur weil es jetzt keiner isst, bedeutet das nicht, dass es kein Interesse gibt."

Journalist Ida schüttelt da nur müde mit dem Kopf:

"Das ist der Anfang vom Ende von Japans Walfang."
Hören Sie dazu auch ein Gespräch mit Andreas Dinkelmeyer von der Artenschutzorganisation IFAW, International Fund for Animal Welfare.
Mehr zum Thema

Streit mit Japan um Walfang - Auf der Suche nach Schlupflöchern
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 21.12.2018)

Walfang in Japan - Die lange Leidensgeschichte der sanften Riesen
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 08.03.2018)

Weltzeit

Parlamentswahl in der SlowakeiFaschisten auf dem Vormarsch
Anhänger der rechts nationalistischen Partei steht vor dem Obersten Gerichtshof in Bratislava. (picture alliance / AP Photo / Petr David Josek)

Wenn am Samstag in der Slowakei gewählt wird, hat die rechtsextreme L’SNS gute Chancen, mindestens drittstärkste Kraft zu werden. Ihren Erfolg verdankt sie auch der Empörung über die Verstrickung von Justiz und Politik in den Mord an einem Journalisten. Mehr

Frauen in der US-PolitikKeine Präsidentin in Sicht
Eine aufgeschlagene Doppelseite der New York Times mit den Portraits der demokratischen  Präsidentschaftsbewerberinnen Elizabeth Warren und Amy Klobuchar. (Getty Images / Star Tribune / Glen Stubbe)

Hillary Clinton erhielt drei Millionen mehr Stimmen als Donald Trump bei der Wahl 2016. Seit 2018 sitzen so viele Frauen im US-Kongress wie nie. Ein Rekord auch bei Frauen im Präsidentschaftsrennen. Aber die Realität 2020 ist männlich. Noch.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur