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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.11.2017

Jane Gardam: "Die Leute von Privilege Hill"Geschichten von Hochmut, Dünkel und Verführung

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover "Die Leute von Privilege Hill" von Jane Gardam, im Hintergrund eine englische Landschaft (Hanser Verlag / dpa / Hermann Wöstmann)
In "Die Leute von Privilege Hill" bleibt Jane Gardam dem Milieu ihrer Romane treu. (Hanser Verlag / dpa / Hermann Wöstmann)

Ihre Trilogie über das untergehende britische Empire machte Jane Gardam zur Bestsellerautorin: Nun gibt es einen Band mit Erzählungen der englischen Schriftstellerin – genauso boshaft, heiter und melancholisch verfasst wie ihre Romane.

"Ein untadeliger Mann", "Eine treue Frau", "Letzte Freunde" - mit ihrer Trilogie über das untergehende britische Empire wurde Jane Gardam, mit fast 90 die "Grand Old Lady" der englischen Literatur, über Nacht zur Bestsellerautorin. Auch in Deutschland fand die Dreiecksgeschichte um den einstigen Hongkong-Anwalt Edward Feathers, seine Ehefrau Betty und den ewigen Rivalen Veneering reißenden Absatz.

Dem Erzählmilieu treu geblieben

Wem der Abschied von dem skurrilen Trio samt seinen Freunden schwer fiel, findet in dem neuen Erzählband nahtlos Anschluss. Denn ihrem Milieu bleibt Jane Gardam in vielen Geschichten treu, genau wie dem boshaft-heiter-melancholischen Tonfall, der ihre Romane so unverwechselbar macht.

Auch in "Die Leute von Privilege Hill" begegnen wir pensionierten Kolonialbeamten, die ihre große Zeit in den Kronkolonien verbrachten. Gebildet, mit tadellosen Manieren, reich und von perfektem Äußeren, dass sie "zu jedem beliebigen Zeitpunkt ihres Lebens der Queen hätten vorgestellt werden können".

Obwohl die Zeiten sich längst geändert haben, beharren sie auf ihren Privilegien, hochmütig und arrogant. Selbst im Alter halten sie an den Regeln fest, mit denen sie aufwuchsen.

Da ist die Geschichte von drei alten Damen, die einst dieselbe Kinderfrau beschäftigten. Anlässlich deren Todes schwelgen sie in Erinnerungen - an Reisen durch Asien, als die Gatten dort hoch bestallte Richter waren, an Empfänge in Malaysia und an die Genügsamkeit der Verstorbenen. "Oh, und dass sie kein Geld hatte – davon abgesehen hatte sie ein ganz schönes Leben, würde ich sagen. Ob sie überhaupt rentenversichert war? Ich habe nie etwas für sie eingezahlt, ihr etwa?"

Ungebrochener Dünkel und verpasste Gelegenheiten

Derart geizig werden sie am Ende einer subtil inszenierten Strafe zugeführt, direkt aus dem Grab der einstigen Kinderfrau heraus. Schön sarkastisch führt Gardam hier den ungebrochenen Dünkel einer Gesellschaftsschicht vor, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.

Hinreißend sind auch die Geschichten um verpasste Gelegenheiten und die Chance, das eigene Leben in die Hand zu nehmen - wie etwa die von Hetty, der jungen Mutter und Ehefrau, die plötzlich am Strand ihrer großen Jugendliebe gegenübersteht. Hätte sie nicht statt des gediegenen Bankers den inzwischen berühmten Maler nehmen sollen? Wie Gardam das Wechselbad der Gefühle zwischen Sehnsucht, Verführung und Vernunft einer überraschenden Pointe zuführt, ist voller Raffinesse.

Von bridgespielenden Damen gelangweilt

Ebenso die Geschichte von einer jungen Engländerin, die widerwillig ihren geschäftemachenden Mann in Hongkong besucht. Gelangweilt von den bridgespielenden Damen der Gesellschaft, setzt sie sich abseits touristischer Pfade der Bedrohlichkeit der fremden Stadt aus, um eine verstörend schöne Entdeckung zu machen.

Nicht alle Figuren sind gleichermaßen feinsinnig gezeichnet, nicht alle Geschichten sind gleichermaßen gelungen. In manchen vermisst man die gewohnte Leichtigkeit des Tons, den trockenen Witz. Doch die Mehrzahl garantiert, was einen schon beim Lesen der Romane befiel: das bewährte Gardam-Fieber.

Jane Gardam, Die Leute von Privilege Hill
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan
Hanser Berlin, Berlin 2017
348 Seiten, 22 Euro

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