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Lesart | Beitrag vom 20.05.2019

Jane Gardam: "Bell und Harry" Kein zuckriges Idyll

Von Manuela Reichart

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Cover von Jane Gardam "Bell und Harry", im Hintergrund ist der Yorkshire Dales National Park zu sehen (Hanser/picture alliance/robertharding/Collage: DLF Kultur)
Belll und Harry in Jane Gardams gleichnamigem Roman sind zwei Jungen aus ungleichen Familien, die enge Freunde werden. (Hanser/picture alliance/robertharding/Collage: DLF Kultur)

Die britische Bestseller-Autorin Jane Gardam lässt in "Bell und Harry" Städter und Einheimische in einsamer Gegend aufeinander treffen. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Ein Roman für alle, die raus aufs Land wollen – und sei es nur fürs Wochenende.

Bell Teesdale, einer der beiden titelgebenden Figuren, ist zu Anfang des Romans acht Jahre alt. Er lebt in einer einsamen Gegend (im Original heißt dieser 1981 zum ersten Mal erschienene Band "The Hollow Land"):

"Es gab hier mal Bergbau ­– deswegen wird die Gegend auch 'Hohles Land' genannt –, aber jetzt nicht mehr. Also sind die ganzen kleinen Häuser verlassen."

Eines dieser verlassenen Farmhäuser wird an eine ruhebedürftige Londoner Intellektuellen-Familie vermietet. Zu ihr gehört der andere, kleinere Junge: Harry Bateman. Bell und Harry werden enge Freunde, sie sind mutig und neugierig, erleben gefährliche Abenteuer und bleiben einander über die Jahre treu verbunden.

Heueinbringen als Albtraum

Jane Gardam, die mittlerweile hochbetagte englische Autorin, die bei uns mit ihrer Romantrilogie um einen pensionier­ten Richter der Krone – genannt: "Filth" - erst spät entdeckt wurde, erzählt in neun lose ver­bundenen Geschichten vom Landleben, das die Städter in ihren Ferien genießen, das für die Einhei­mi­schen jedoch mit schwerer Arbeit verbunden ist.

Aus dem unterschiedlichen All­tag ent­stehen die bekannten Probleme: Da wird etwa der frühmorgendliche Lärm, den das Heuein­bringen macht, für die Londoner zum Albtraum, worauf die Bauern wiederum nur mit Unverständnis reagieren können.

Zu den beiden Jungen, die mit großem Einfühlungsvermögen geschildert werden, gesellen sich andere Figuren, die mit wenigen eindrücklichen Strichen gezeichnet werden. Da gibt es etwa den alten Großvater, der sich an seine Schulzeit erinnert und über­haupt ein Mann voller Ge­schichte und Geschichten ist.

Es geht um Naturschauspiele, gefährliche Exkursionen in still­gelegte Stollen, aber auch um Animositäten und unverrückbare Trennungs­linien. York­shire etwa ist nicht einmal zehn Meilen ent­fernt, aber: "Die sind ganz anders als hier."

Ein Buch für alle Altersstufen

Jane Gardam entwirft impressionistische Skizzen von Erwachsenen und Kindern, von der Landschaft, vom Familienchaos der einen und dem nicht begüterten Leben der anderen und von bäuerlichen Traditionen. Da kommt etwa ein entfernter Verwandter aus Südamerika in die alte Heimat, weil er meint, einen Erbanspruch zu besitzen, wird aber von den Einheimischen in seine profitgierigen Schranken verwiesen. Geld siegt hier noch nicht.

Das Dorfleben wird von Gardam jedoch keinesfalls als Idylle beschrieben, ihr Blick ist stets freundlich, aber nie zuckrig. Oft benutzt sie eine kindliche Perspektive, was dieses Buch zu einer Lektüre macht, die für alle Altersstufen geeignet ist. Und ganz besonders für Menschen, die heute aus der Stadt aufs Land ziehen – und sei es auch nur fürs Wochenende.

Jane Gardam: "Bell und Harry"
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan
Hanser Berlin, Berlin 2019
192 Seiten, 20,60 Euro

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