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Lesart | Beitrag vom 20.02.2020

Jan Wenzel: "Das Jahr 1990 freilegen"Einblick in ein entscheidendes Jahr deutscher Geschichte

Von Helmut Böttiger

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Das Jahr 1990 freilegen", das von Jan Wenzel herausgegeben wurde. (Spector Books / Deutschlandradio)
Mehr als Coffeetablebook: Das gigantische Buch "Das Jahr 1990 freilegen" beinhaltet unter anderem spektakuläre Fotografien. (Spector Books / Deutschlandradio)

Es gibt Jahre, in denen die Geschichte greifbar wird. 1990 war so ein Jahr. Wer darin eintauchen will, kann das in dem Buch "Das Jahr 1990 freilegen" tun, das sich zudem als hervorragende Geschichtsquelle eignet.

Es ist ein monumentales, dickes Buch im Großformat – aber als übliches "Coffeetablebook" würde man es trotzdem nie und nimmer bezeichnen. Es fordert zum Mitdenken auf und bietet Zeitgeschichte als Experimentierfeld an. "Das Jahr 1990 freilegen" besteht aus vielen unterschiedlichen Textsorten und Fotografien, unzählige Tagebuchnotizen, Zeitungsauschnitte, Interviews und andere Fundstücke werden in chronologischer Abfolge montiert.

Die gesellschaftliche Atmosphäre in Deutschland wechselte und wandelte sich in diesem historisch enorm aufgeladenen Jahr kontinuierlich. Der Band beginnt mit der Silvesterjubelfeier 1989/90 am Brandenburger Tor und endet mit einem fahlen Schwarzweißfoto von stehengebliebenen Mauerruinen in der Nacht. Damit ist die Veränderung dieses Jahres eindringlich vor Augen geführt.

Große Erwartungen

Bis in den März hinein war das Jahr 1990 sehr stark geprägt von Hoffnungen und Zukunftsoptimismus. Interessant ist eine Meinungsumfrage in der DDR vom 11. Januar: Danach würden 39 Prozent der Befragten die SPD wählen und neun Prozent die CDU.

Bei den ersten und letzten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März lautete das Wahlergebnis aber dann: 48,1 Prozent der Stimmen für die CDU, SPD 21,9 Prozent. Die Parteien der Bürgerrechtsbewegung, die den Fall der Mauer wenige Monate zuvor unter großem Risiko erkämpft hatte, erreichten nicht einmal fünf Prozent.

Was sich hier wiederspiegelt, wird in diesem akribisch recherchierten Buch nach allen Seiten hin beleuchtet. Im Vordergrund liegen zwar die Ereignisse in Ostdeutschland, aber es gibt auch gelegentliche Seitenblicke in andere Regionen.

Enttäuschte Hoffnungen

Die Protokolle der Sitzungen des "Zentralen Rundes Tisches der DDR" zeigen, wie sich der anfängliche Elan der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler in den Mühlen der Parteibildungen verfing. Eine lange Passage widmet sich dem kurzzeitigen Hoffnungsträger Ibrahim Böhme.

Abgebildet werden Pro-Helmut-Kohl-Spruchbänder wie "Helmut, nimm uns an die Hand, zeig uns den Weg ins Wirtschaftswunderland", die erklären, was sich in kürzester Zeit so abrupt verändert hat. Die aber auch Rückschlüsse darauf zulassen, was im Osten heute so brodelt. Die Desillusionierungen kamen damals bereits im Sommer, als die D-Mark eingeführt wurde und die Realität der Marktwirtschaft begann.

Die Fotografien sind zum Teil spektakulär, gerade auch, wenn sie scheinbar Alltagsszenarien zeigen. Dieses Buch eignet sich hervorragend als Geschichtsquelle. Wenn der Herausgeber Jan Wenzel allerdings programmatische Überlegungen anstellt, kann man das durchaus auch als zwiespältig empfinden: "Warum noch neue Bücher schreiben? Ist es nicht lohnender, sich auf den Reichtum des bereits Produzierten einzulassen?"

Gemach, gemach. Im Rausch der Entdeckungen und suggestiver Theoriebildungen sollte man nicht unbedacht zum Propagandisten einer digitalen Kreativwirtschaft werden, die das Konzept eines landläufigen "Autors" vorschnell ad acta legt.      

Jan Wenzel (Hg.): "Das Jahr 1990 freilegen. Remontage der Zeit. Mit 32 Geschichten von Alexander Kluge"
Spector Books, Leipzig 2019
529 Seiten, 36 Euro

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